Endlich!

Heute wurde ich angeschnauzt. Endlich! Ich dachte schon, mit dieser Stadt stimmt was nicht. Seit sechs Tagen bin ich nun schon in Berlin und bisher waren alle so nett: Die Kellner, die Tischnachbarn, die «Motz»-Verkäufer, die Leute auf der Lesebühne, die Penner auf den Parkbänken, die Kunden im Späti, wo ich am ersten Abend Milch holte, und die Mutter mit ihrem Kind, die wie ich das Kommunikationsmuseum suchte und mich mit Google-Maps dorthin lotste. Alle ausnahmslos nett! Das wurde mir langsam unheimlich.

Die Frau, die mich heute anschnauzte, roch ein bisschen streng. Sie trug ausgelatschte Schuhe, eine Wolljacke. Ihre Zähne waren schlecht und sie hielt ein Bier in der Hand. Ich wäre in der Markthalle fast mit ihr zusammengestossen. Aber eben nur fast. «Pass doch auf, wo du hinläufst!», fuhr sie mich an und schaffte es – obwohl ich ja innerlich seit sechs Tagen ständig in innerer Bereitschaft für sowas war – dass ich mich ein bisschen erschrak. Und so kam ich dann gar nicht mehr dazu, mich bei ihr zu bedanken. Dafür nämlich, dass sie mir meinen Glauben an den unvergleichlichen Berliner Charme zurückgegeben hat.

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Peterli

«Das mit dem Goldhamster tut mir immer noch leid». Diesen Titel, ich weiss gar nicht mehr, war er für ein Leseprogramm, ein Buch oder nur eine einzelne Geschichte, hörte ich gestern von den Brauseboys im Wedding, Berlin. Die Brauseboys sind eine Lese-Boy-Group, die seit 15 Jahren im Wedding jede Woche ihre Texte liest. Der Abend war lustig, geistreich und sehr unterhaltend. Und da war eben dieser wunderbare Titel: Das mit dem Goldhamster tut mir immer noch leid. Ich fand ihn toll – bis mir Peterli in den Sinn kam. Peterli, das war der Kanarienvogel meiner Schwester. Ja, war. Peterli ist gestorben. Eigentlich sollte mich das jetzt nicht mehr beschäftigen, denn das ist weit über zwanzig Jahre her und Peterli wäre inzwischen sowieso aus Altersgründen gestorben aber sein Tod damals ist und bleibt ungeklärt und meine Schwester hat ihn natürlich mir vorgeworfen. Denn, Peterli war in meiner Obhut als er eines Morgens vom Stängelchen fiel.

Peterli war knallgelb und ein fantastischer Sänger. Er sang sehr laut und vor allem dann, wenn sein Gesang in Konkurrenz mit anderen Geräuschen stand. So kam es, dass man beim Telefonieren Peterlis Käfig abdecken musste. Wenn es dunkel war, war es für Peterli Nacht und dann sang er nicht. Auch wenn wir Besuch hatten, hatten wir ihn meist abgedeckt, da wir sonst unser eigenes Wort nicht mehr verstanden hätten. Das hat dazu geführt, dass Peterli die meiste Zeit abgedeckt war. Manchmal haben wir ihn sogar mitsamt seinem Käfig ins angrenzende Zimmer gestellt, weil er auch unter dem Tuch noch weiterjubilierte. So kam es, dass der gefiederte Caruso mitunter fast ein bisschen in Vergessenheit geriet. Ich gebe zu, dass wir Peterlis Käfig während der Abwesenheit meiner Schwester, ich weiss gar nicht mehr, wo sie während dieser Zeit überhaupt war, denn für gewöhnlich verbrachten wir die Ferien gemeinsam, vielleicht etwas mehr abdeckten als sonst. Und weil man Peterli dadurch auch nicht hören konnte, ich vielleicht das ein oder andere Mal vergessen hatte, Wasser oder Körner nachzufüllen. Aber vielleicht nehme ich jetzt auch eine Schuld auf mich, die gar nicht die meine war. Vielleicht war Peterli einfach nur altersschwach. Wir hatten auf jeden Fall keine Ahnung, wie alt so ein Kanarienvogel normalerweise wird. Auf jeden Fall lag Peterli eines Morgens tot am Boden des Käfigs. Vielleicht war es auch schon am Tag davor passiert, so genau lässt sich das aus den eben genannten Gründen nicht mehr sagen. Es geschah auf jeden Fall kurz bevor meine Schwester aus den Ferien zurückkam.

Das war mir natürlich mehr als unangenehm und tat mir auch sehr leid. Kam hinzu, dass ich nicht wusste, was ich mit Peterlis Leichnam tun sollte. Ist ein Kanarienvogel Biomüll, darf man ihn in den Hausmüll schmeissen oder muss man ihn zur Tierkadaverstelle bringen? Ich weiss nicht mehr, wie wir mit Peterli verfahren sind. Irgendwie habe ich das verdrängt. Meine Eltern hatten sicher einen Rat gewusst. Das schlimmste aber an Peterlis Tod war der Vorwurf meiner Schwester als sie aus den Ferien zurückkam. Sie war sehr traurig, was mich ehrlich gesagt etwas erstaunte, denn ihre Beziehung zu Peterli vor seinem Tod schien mir nicht so innig. Einen Kanarienvogel kann man ja nicht streicheln. Der hüpft auch nicht vor Freude auf seinem Stängelchen hin und her, wenn du von der Schule oder der Arbeit nach Hause kommst. Und die wenigen Male, die er frei im Wohnzimmer herumflattern durfte, endeten jeweils damit, dass er vor Panik die Ledersofas vollschiss und sich am Schluss kaum wieder einfangen liess. Sein Gesang empfanden wir meist als störend und optisch gefielen uns die Wellensittiche der Nachbarn eigentlich auch besser. Wie dem auch sei, schlimmer als die Trauer meiner Schwester war der Vorwurf, Peterli sei als Folge meiner Vernachlässigung gestorben.

Auf jeden Fall wurde Peterli – im Gegensatz zu den Meerschweinchen – nie ersetzt.  Und ich muss seither damit leben, dass ich möglicherweise an seinem (frühen?) Tod schuldig war.

Die Crux im Januar

Am ersten Ersten, das ist wahr,
beginnet stets das neue Jahr.
Wenn alles dunkel, nass und kalt
starten wir von Neuem halt.

Quälen uns ins Fitnesscenter,
stemmen dort so manchen Zentner.
Ernähren uns neu ohne Zucker,
so ein paar Tage schafft man’s locker.

Aber dann rächt sich die Lust
aus Displizin wird plötzlich Frust.
Langsam zieht das inn’re Schwein
wieder in den Alltag ein.

und so geht es, das ist wahr,
allen immer, jedes Jahr.

 

Übrigens: Als kleine Aufmunterung im Januar werde ich am Freitag, 26. Januar um 19.30 Uhr in der Mediothek Hinwil (Alte Zihlstrasse 2A) aus meinem Kurzgeschichtenband „Nur ein Kuss“ vorlesen. Anschliessend gemütliches Zusammensein beim Apéro

Vom Ökosystem in der Chlausschale

Gestern habe ich die Schale mit den spanischen Nüsschen entsorgt. Ursprünglich war es ja viel mehr als eine Schale mit spanischen Nüsschen, denn die Schale war einst angereichert mit Mandarinen, Schokolade, Datteln, Feigen, Lebkuchen, Guetsli und Tirggeln. Aber weil ich diese Leckereien lieber mag als spanische Nüsschen, waren sie schnell weg. Immer das Gleiche, dachte ich, als ich die Nüsschen in den Müll kippte.
Warum mag man eigentlich die spanischen Nüsschen weniger als den Rest? Ist es die Tatsache, dass man sie mühsam aufbrechen und schälen muss? Das braucht Zeit, und davon hat in der – hektischen statt besinnlichen – Weihnachtszeit niemand etwas übrig. Und, spanische Nüsschen knacken macht eine Riesenschweinerei. Wer soll das wegputzen? Auch ein Zeitfaktor. Vielleicht müssten wir einfach dahingehend mutieren, dass wir die spanischen Nüsschen mitsamt der Schale essen. Ein Patenkind von mir isst immerhin schon die dünne braune Hülse, die die Nusskerne ummantelt. Im Gegensatz zu spanischen Nüsschen lässt sich ein Tirggel oder eine Dattel halt viel schneller in den Mund stecken und geniessen. In der Zeit, die man zum Schälen zweier winzigen spanischen Nusskerne aufwendet, hat man locker eine ganze Mandarine von ihrer Schale befreit. Eins zu null für die Mandarine, also. Letztlich sind die Konkurrenten der spanischen Nüsschen süss – und da wir ja Zuckerjunkies sind, haben sie einen massiven Vorteil.

Aber warum lässt man denn die spanischen Nüsschen nicht einfach weg, wenn man doch von Anfang an weiss, dass sie am Schluss in der Chlausschale übrigbleiben? Nun ja, sie sind günstiges Füllmaterial. Ein Sack spanische Nüsschen kostet nicht viel – und schon ist die Chlausschale so gut wie voll. Dank ihnen spart man an den teureren Leckereien, die man oben drauf packt. Spanische Nüsschen haben aber nicht nur ökonomische Vorteile. Sie enthalten keinen Zucker und sind, so nehme ich an, auch gesunde Magenfüller. So gesehen spielt auch die Vernunft oder der gute Wille, sich gesund zu ernähren, ein bisschen mit. Nicht zuletzt sind es die vielen unscheinbaren spanischen Nüsschen, welche die Mandarinen, Schokoladen, Datteln, Feigen, Lebkuchen, Guetsli und Tirggel tragen und erst zu etwas Besonderem machen. Kurz, ohne die spanischen Nüsschen würde in der Chlausschale nicht nur etwas fehlen – sie sind auch nötig. Im Grunde sind die spanischen Nüsschen in der Chlausschale in etwa das, was die Zellen im menschlichen Körper oder die Sauerstoffmoleküle in der Atmosphäre.

Beinahe überkommt mich ein schlechtes Gewissen, als ich den Deckel des Mülleimers zuklappe. Ich habe das Ökosystem in meiner Chlausschale völlig zerstört. Im Grunde hatte es schon angefangen, als ich mich nur auf die Leckereien im oberen Bereich der Chlausschale gestürzt hatte. Das Wegkippen der spanischen Nüsschen war nur noch das Ende einer schleichenden Entwicklung. Eine Entwicklung, die mein diskriminierendes Verhalten gegenüber spanischen Nüsschen und meine Gier nach dem schnellen Genuss zum Ausdruck bringt. Da kann ich nur hoffen, dass die spanischen Nüsschen dieser Welt nicht eines Tages zurückschlagen. Sonst Wehe mir!

Von Raum- und Körperpflege

Seit ein paar Wochen habe ich in meinem Bad eine nigelnagelneue Duschkabine. Nach über zwei Jahrzehnten mit Duschvorhang ist das eine ganz neue Erfahrung. Die Kabine hat zwei Schiebetüren, funkelnde Griffe und ist überhaupt sehr schön. Nichts klebt einem beim Duschen am Hintern und ich habe freien Blick ins Bad, währenddem ich mich einseife. Einen Einbrecher oder Mörder würde ich durch die Plexiglasscheibe also schon beim Betreten des Bades erkennen und könnte entsprechend reagieren. Das sind Vorteile, die auf der Hand liegen.

Nun ist es aber so, dass das Wasser in Winterthur sehr hart ist und sich der Kalk überall festsetzt. Heisst: Jedes Mal nach dem Duschen muss ich die Plexiglaswände meiner Duschkabine mit so einem Gummischaber abziehen. Bei den geraden Scheiben geht das noch, denn man kann den Schaber zweimal oben ansetzen und dann nach unten durchziehen. Dabei ist zu beachten, dass man, wenn man nach unten kommt, mit dem nackten, frisch getrockneten Hintern nicht gegen die nassen Plättchen an der Rückwand stösst. Bei den gerundeten Türen ist die Prozedur schon aufwändiger. Denn, bei denen muss man quer schaben und den Schaber mehrere Male ansetzen. Kommt dazu, dass man dort, wo sich die Griffe befinden, mit einem Lappen nachbessern muss. Das Gleiche gilt für die Seiten und unten an den Scheiben. Besonders knifflig sind die Stellen, wo sich die Scheiben überlappen. Dort muss man unten die Scheiben lösen (Achtung: trockener Hintern – nasse Plättchen an der Rückwand!), die überlappende Stelle mit dem Lappen abreiben und dann die Scheibe wieder fixieren. Für all diese Arbeiten, befinden sich jetzt nebst meinem Shampo und Duschmittel für die Körperpflege auch ein Schaber und ein Lappen in meiner Dusche: Welcome to the Schab- and Lapp-Community!

Die Zeit, die ich in der Dusche verbringe, hat sich mit der neuen Duschkabine verdoppelt. „Wenn du schabst musst du dafür weniger putzen“, sagen die Einen. „Jetzt putze ich einfach jedes Mal, wenn ich dusche“, sage ich. O.k., ich muss weniger rubbeln, wenn ich die Duschkabine dann mal richtig putze und brauche dafür auch weniger scharfe Putzmittel. Aber unter dem Strich widme ich der Sauberkeit meiner Dusche bedeutend mehr Zeit als früher meiner Badewanne mit Duschvorhang. Und Schaben und Abreiben gehören doch – wie Sprayen und Rubbeln – auch zur Raumpflege. Nun ist es aber so, dass ich beim Duschen in erster Linie Körper- und nicht Raumpflege betreiben will.

Zum Glück habe ich einen Ausweg aus meiner Misère gefunden. Zweimal die Woche bin ich beim Sport und dusche auswärts. Einmal die Woche mache ich Wellness im lokalen Fitnesspark. Da sind dann schon mal drei Duschgänge pro Woche abgedeckt. Und die übrigen Male, die ich zu Hause dusche, richte ich die Brause so, dass der Wasserstrahl möglichst nicht bis zu den Plexiglasscheiben vordringt.

Budget bleibt Balanceakt

Der Bankomat feiert heuer sein 50-jähriges Bestehen, soeben ist das neue 10-er Nötli erschienen und Winterthur steht nach mehrjährigen massiven Sparmassnahmen finanziell wieder besser da. Zeit, über Geld zu schreiben. Den folgenden Text „Budget bleibt Balanceakt“ bitte laut lesen:

Beutler berechnet Budgets bei Bretzel, Bagels, Bier. Berauscht, beinahe blindlings, bemerkt Beutler: Bald bedroht Bankrott Bargeldhaushalt. Beutler braucht Batzen.

Beschämt bettelt Beutler beim Busbahnhof. Bürger beäugen Beutler betroffen, bemitleiden bettelnde Blondine. Bald bringen Bürger Bares, Bankiers Bankomaten, Betrüger Blüten, Bauern Birnen, Bäcker Brot, Bademeister Bikinis. Beutler bunkert binnen Bruchteilssekunden Billionenbeute. Beschafft Beutler bald Billett bis Bahamas, badet bei Betrügern?

Beinahe. Buschauffeur Bruno bringt Beutler bis Brauiweiher. Barbusige, barfüssige, bauchfreie Badegäste beobachten beide beklommen. Beutler bucht Bachblütentherapie, Bruno braucht Bärlauchwickel. Bald behauptet Bruno bedächtig: Brühlgutpark bietet beileibe Besseres. Beutler bezahlt Busbillett bis Brühlgutpark bar.  Beim Betonband bereitet Bruno Beutler Bescherung: Beutler bekommt Bassgeige, Bruno bringt Bratsche. Beide beschallen bettnässende Brühlgutparkbesucher bescheiden bei Beethoven, Bach, Benjamin Britten. Beutlers Baskenmütze beinhaltet bald Batzen beziehungsweise Banknoten. Beim Brühlgutcafé bestellt Beutler Brause. Bruno beisst begeistert biegsame Bratwurst. Beide bleiben bis Bankrott beim brühlguter Betonband.