Einmal im Jahr

Neulich war es mal wieder soweit. Einmal im Jahr steige ich todesmutig in ein Mobility-Auto und fahre zum Grossmarkt im Industriequartier, um Erdsäcke und Pflanzen für meinen Balkon zu kaufen. Das kostet Mut, denn ich fahre sonst nie Auto und bin seit meiner Fahrprüfung vor 16 Jahren auch nie regelmässig gefahren. Kommt hinzu, dass man, wenn man nur einmal im Jahr fährt, immer wieder vergisst, wo sich im Auto was befindet. Selbst wenn man immer dasselbe Mobility-Auto nimmt.

Das Anmelden geht immer problemlos. Die Karte auf das Feld an der Frontscheibe halten und zack rasten die Schlösser aus, es piept und alle Türen stehen offen. Dann einsteigen, die Tasche lässig auf den Beifahrersitz werfen, die Türe zuschlagen und den Sitz bis zum Anschlag ganz nach vorne ziehen. Dann ist es mit der Lässigkeit aber auch schon vorbei. Wie stellt man schon wieder die Seitenspiegel ein? Muss man nicht seit ein paar Jahren immer, auch tagsüber, Licht haben? Aber welches? Ich drehe an einem der spinnenbeinartigen Hebel am Lenkrad und prompt geht der Scheibenwischer am Heck los. Ich fasse wieder an den Hebel, jetzt beginnt es auch noch zu spritzen. Der scharfe Geruch des Fensterputzmittels steigt mir in die Nase. Nach dem ersten Schreck rede ich mir ein, dass es nicht schaden könne, die Scheibe mal wieder zu reinigen. Ich schaffe es, den Scheibenwischer wieder auszuschalten und finde endlich einen Knopf links vom Lenkrad, auf dem etwa drei verschiedene Symbole für Licht zu sehen sind. Ich entscheide mich für jenes, das nach am wenigsten Licht aussieht. Die Suche nach den Knöpfen zum Einstellen der Seitenspiegel bleibt erfolglos. Ich lehne mich über den Beifahrersitz, öffne das Handschuhfach und blättere in der Gebrauchsanleitung. Da! Die Knöpfe befinden sich an der linken Wagentüre. Hätte ich mich doch auf meinen Instinkt verlassen. Ich richte auch noch den Rückspiegel und fühle mich bereit, den Schlüsselknopf zu starten. Zündschlüssel, das war gestern. Aus dem Radio plärrt laute Musik. Warum sich die Leute beim Autofahren auch immer die Ohren zudröhnen? Das geht gar nicht, ich brauche alle Sinne. Ich drehe das Volumen runter, aber der Radio plärrt auf einem anderen Sender weiter. Aha, falscher Knopf. Beim zweiten Versuch klappt es. Los geht’s!

Erst lege ich den Rückgang ein. Das ist nicht so einfach, wenn man selten fährt. Doch auf einer meiner Balkon-Fahrten vor ein paar Jahren habe ich begriffen, dass man bei diesem Mobility-Auto den Schaltknüppel dafür erst feste runterdrücken muss. Dieses Mal klappt es auf Anhieb. Ein Blick zurück und ich gleite wie ein Profi aus der Parklücke. Erst beim Umschalten in den ersten Gang säuft mir zum ersten Mal der Motor ab. Von da an beginnt eine Serie von Starten, Stottern und Absaufen. Neben dem Parkplatz steht ein Mann in seinem Garten und schaut zu mir hinüber. Ich ignoriere ihn, komme aber nicht umhin, mir vorzustellen, was der neben dem Mobility-Parkplatz schon alles zu sehen bekommen hat. Der könnte wahrscheinlich ein Buch über Leute wie mich schreiben. Ich hüpfe weiter aus dem Parkplatz bis auf die Strasse, immer verzweifelter. Ich beschliesse, den Motor ein Weilchen auszuschalten. Der Trick 77 bei allen Maschinen. Tatsächlich kann ich den Motor beim nächsten Mal problemlos starten und in den zweiten Gang schalten. Alles läuft wie auf Butter. Den Hals gereckt, das rechte Bein total verkrampft, fahre ich bis zur ersten Ampel. Bremsen, kuppeln, runterschalten, warten, Gas geben, kuppeln, schalten. So langsam komme ich in den Flow. Mist, die Ampel auf der anderen Seite der Bahnunterführung steht auf rot. Ich muss am Hang anfahren. Der Schleifpunkt war an meinen drei Fahrprüfungen nie das Problem, versuche ich mich zu beruhigen. Tatsächlich schaffe ich das Anfahren ohne zurückzurollen. Dann schleiche ich die Technikumstrasse entlang. Mit dem Fahrrad wäre ich längst im Industriegebiet, denke ich. Aber solche Gedanken sind müssig, wenn man schon in seinem Mobility-Auto im Stau steht. Der Verkehr ist so dicht, dass die Ampeln nicht mehr nachkommen. Prompt komme ich mitten auf der Kreuzung zu stehen und blockiere den Autos, die von links kommen die Durchfahrt. Wütendes Gehupe, runtergelassene Fensterscheiben, hinter denen rote Köpfe mit hervortretenden Adern und offenen Mündern zu sehen sind. Sie rufen etwas zu mir hinüber. Ich will es lieber nicht hören und bin jetzt froh, dass ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich mein Fenster öffnen kann. Unangenehm ist es trotzdem. Ich sinke tief in den Sitz und rolle noch 20 Zentimeter vor, mehr geht nicht. Fast schlüpfte ich unter den Lastwagen vor mir.

Als ich endlich zum Parkplatz meines Einkaufszentrums abbiege, habe ich den nächsten Schreckmoment: Das geht ja in die Tiefgarage runter! Mist, brauchte ich jetzt Licht? Und welches? Standlicht, Abblendlicht, Scheinwerfer… Irgendein Licht habe ich ja schon. Das muss reichen, beschliesse ich. Die Tiefgarage ist ja auch noch beleuchtet. Mit angehaltenem Atem fahre ich die enge Kurve hinunter. Da steht der Kasten mit den Tickets und die Schranke. Ich fahre ganz nahe ran und öffne die Fensterscheibe. Rechts hinter mir summt es. Ich probiere den nächsten Knopf und es summt beim Beifahrersitz. Beim dritten Knopf klappt es. Die Scheibe links von mir gleitet nach unten und ich kann mein Ticket mit ausgestrecktem Arm problemlos ziehen. Ha, ich musste nicht aussteigen! Stolz, mit dem Ticket zwischen den Zähnen und mit drei offenen Fensterscheiben fahre ich in die fast leere Parkhalle.

Ob man’s glaubt oder nicht: Das Einparken im Parkhaus und die Rückfahrt verlaufen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ich beglückwünsche mich. Ich habe es einmal mehr geschafft, unfallfrei meine Erde und Pflanzen für den Balkon zu beschaffen. Die Kehrseite davon: Ich könnte nächsten Frühling wieder ins Mobility-Auto steigen und ins Einkaufszentrum im Industriegebiet fahren.

 

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Auswahl einer Auswahl einer Auswahl

Für einmal möchte ich hier, statt einen eigenen „literarischen“ Text zu schreiben, ein paar Eindrücke und Tipps von der Leipziger Buchmesse weitergeben. Aber Achtung: Die Leipziger Buchmesse umfasst rund 3000 Veranstaltungen. Die umfassen nebst Belletristik und Lyrik auch Sachbücher und fremdsprachige Literatur. Was ich in den vergangenen fünf Tagen gesehen und gehört habe, ist also nicht mehr als ein Tropfen im Ozean der deutschsprachigen Literatur.

Mein Auftakt zur Buchmesse war ein literarischer Stadtspaziergang mit der „Leipzigerin“. Er begann am Goethe-Denkmal und endete beim Auerbachkeller (bekannt durch den Ritt auf dem Weinfass im Faust). Als Stadt der Verlage und des Buchdrucks war Leipzig schon früh Magnetpunkt für viele Dichter. Ein Text, den die Leipzigerin unter anderem vorgetragen hat, möchte ich euch nicht vorenthalten. Goethe schrieb das folgende Gedicht an einer Feier, an der man ihm im Scherz den Auftrag gab, mit den Wörtern „Haustürklingel“ und „Mädchenbusen“ ein Gedicht zu schreiben. Der junge Goethe nahm die Herausforderung an:

Die Haustürklingel an der Wand
Der Mädchenbusen in der Hand
Sind beides Dinge wohlverwandt
Denn, wenn man beide leis berührt
Man innen drinnen deutlich spürt
Dass unten draussen einer steht
Der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht.

Wie viele andere Dichter und Denker, lebte und schrieb auch der junge Autor Erich Kästner in Leipzig. Nach dem Studium arbeitete er als Redaktor bei der „Neuen Leipziger Zeitung“. Als er 1927 zum Beethoven-Jubiläumsjahr das erotische Gedicht Abendlied des Kammervirtuosen in der „Plauener Volkszeitung“ veröffentlichte, wurde er gefeuert.

Mein diesjähriger Leipzig-Schwerpunkt aber war der Krimi. Was mich sehr beeindruckt hat, das war das Kriminalroman-Debüt von Marie Reiners. Sie schreibt seit drei Jahrzehnten Drehbücher („Morden im Norden“, „Mord mit Aussicht“ u.v.a.) und hat einen fantastischen schwarzen Humor. Auf der Buchmesse hat sie den Anfang von Frauen, die Bärbel heissen gelesen – und ich habe Tränen gelacht. Sicher lesen werde ich auch Der weisse Affe von Kerstin Ehmer. Dieser Krimi spielt im Berlin der 20er-Jahre und ist sehr packend geschrieben. Klaus-Peter Wolf ist mit seinen Ostfriesen-Krimis und zahlreichen anderen Krimis, Romanen, Hörspielen und Kinderbüchern ja ein alter Hase im Literaturgeschäft. Sein Krimi Ostfriesen Fluch interessiert mich, weil es um die Entführung von Frauen geht. Dabei verlangt der Täter kein Lösegeld. Was geschieht, wenn Frauen einfach verschwinden? Spannend, spannend.

Auf der Leipziger Buchmesse sind die Autorinnen und Autoren zum Greifen nah. Man  kommt leicht ins Gespräch. Besonders beeindruckt hat mich die Begegnung mit Lukas Hartmann. Seinen neuen Roman Ein Bild von Lydia werde ich sicher lesen. Darin geht es um die skandalöse Liebe von Lydia, der Tochter von Alfred Escher, mit dem Künstler Karl Stauffer in der Belle Epoque. Poppy J. Anderson ist Autorin von Liebesgeschichten und war schon früh sehr erfolgreich im Selfpublishing. Sie hat, wie ich, ein Buch mit dem Titel „Nur ein Kuss“ veröffentlicht. Ich habe sie auf der Buchmesse angesprochen und ihr ein Exemplar meines Kurzgeschichtenbands geschenkt, eine schöne Begegnung.

Falls ich euch mit meiner winzigen Auswahl einer Auswahl einer Auswahl einer Auswahl von der Leipziger Buchmesse ein bisschen gluschtig gemacht habe, freut mich das. Bis zur nächsten Leipziger Buchmesse werde ich meine um Vieles längere Leseliste wohl nicht abarbeiten können. Macht aber nichts.

Der Kampf für die gute Sache

Sie treten meist in Gruppen von vier bis fünf Leuten auf, tragen die gleiche gebrandete Kleidung, sind meistens jung, sehr engagiert und verdammt gut gelaunt. Es sind die Kämpferinnen und Kämpfer für die gute Sache. Jene Menschen, die für Organisationen wie Amnesty International, Unicef, Greenpeace, WWF & Co. auf der Strasse Leute ansprechen, um Geldspenden, Unterschriften oder Mitgliedschaften einzutreiben. Und sie lieben mich alle – was nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht. Gerade neulich hatte ich wieder so eine Begegnung.

Bei sechs Grad minus patrouillierten neulich vier Kämpfer für die gute Sache von Amnesty-International in gelber Uniform auf dem Platz vor dem Eingang zum S-Bahnhof Hackescher Markt. Ich sah sie schon von Weitem, als ich von den Hackeschen Höfen her kommend auf der anderen Strassenseite wartete, bis die Fussgängerampel auf grün sprang. Sie hatten sich grossräumig auf dem Platz verteilt. Unverhohlen sahen sie hinüber und musterten uns Fussgänger, die demnächst über die Strasse und in ihr Revier kommen würden. Ihre Beute war zum Greifen nah, sie wetzten schon ihre Messer. Zwischen uns floss nur der Berliner Verkehr. Verstohlen musterte ich die anderen Fussgänger neben mir, die ebenfalls über die Strasse wollten. Wer von uns würde es wohl schaffen, unbehelligt zum S-Bahnhof zu kommen und wer würde den Amnesty-Kämpfern ins Netz gehen? Man muss seine Mitstreiter schliesslich kennen, ehe man ins Gefecht zieht. Rechts von mir stand ein Pärchen, das sich an den Händen hielt und in ein angeregtes Gespräch vertieft war. Die würden schon mal unversehrt davon kommen, weil a) zu zweit und b) beschäftigt. Sie würden sich einfach weiter unterhalten und die Amnesty-Kämpfer links liegen lassen. Dann war da noch ein Geschäftsmann so Ende fünfzig, mindestens eins neunzig gross, breitschultrig und mit Handy am Ohr. Auch der fiel weg, weil a) am Handy, b) männlich, und daher nicht so weichherzig c) langbeinig und daher zu schnell, d) zu autoritär. Hinter dem Geschäftsmann stand ein Schüler mit Stöpseln in den Ohren und finsterem Blick, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auch er würde locker an der Amnesty-Front vorbeikommen, weil a) kein Geld und b) kein Gehör, schon gar nicht für die gute Sache von Amnesty International. Ich sah mich nach weiteren Leuten um, die demnächst den Fussgängerstreifen überqueren würden aber es war niemand mehr da ausser mir. Das bereitete mir Sorgen, denn ich war a) allein, b) weiblich und daher von Natur aus weichherzig, c) mittleren Alters und daher nicht mittellos, d) ohne Kopfhörer, also mit offenem Ohr für die gute Sache von Amnesty International und e) klein, daher kurzbeinig mit beschränkter Fluchtmöglichkeit. Kurz, ich war die einzige Person am Fussgängerstreifen, die hundertpro ins Beuteschema der gelben Kämpfer passte. Meine Chancen zu entkommen standen verdammt schlecht.

In einer solchen Situation darf man auf keinen Fall Schwäche oder Angst vor dem Gegner zeigen. Der spürt das sofort und greift an. Ich setzte also einen unbekümmerten Blick auf und vermied weiterhin jeden Augenkontakt mit den gelben Kämpfern. Dabei überlegte ich fieberhaft, wie ich der verhassten Inbeschlagnahme entkommen konnte. Einen Moment lang erwägte ich, ganz am Rande des Platzes zu gehen und mich in einem grossen Bogen dem S-Bahnhof zu nähern, um den Amnesty-Kämpfern zu entkommen. Ein verstohlener Blick auf das Amnesty-Heer erstickte diese Hoffnung jedoch im Keim. Die waren alle mindestens einen Kopf grösser als ich und würden mich locker einholen. Ich verwarf die Option aber auch aus Trotz. Der Platz vor dem S-Bahnhof ist schliesslich öffentlicher Raum, und ich würde mich wegen ein paar Amnesty-Kämpfern nicht vertreiben lassen.

Die Ampel sprang auf grün. Ich holte tief Luft, zog meine Kapuze ins Gesicht und gab Gas, wobei mich die anderen, die am Fussgängerstreifen gewartet hatten, schon hinter sich liessen, bevor ich überhaupt die Strasse überquert hatte. Ich gab noch mehr Vorlage und beschleunigte meinen Schritt. Ich hatte erst fünf Meter des Platzes überquert als ich aus den Augenwinkeln sah, wie sich mir eine Amnesty-Frau winkend von links näherte. Ich versuchte zusätzlich, meiner Miene einen finstern Ausdruck zu verleihen. Der Versuch musste bei der Kälte kläglich misslungen sein, denn nun rief die Amnesty-Kämpferin: «Na, die Dame. Sie grinsen ja so fröhlich…» Ich fluchte innerlich. War es wirklich die Kälte, die meine Miene wegen der blendenden Sonne zu einem verzogenen Grinsen eingefroren hatte oder hatte die Amnesty-Frau einfach noch nie etwas von nonverbaler Kommunikation gehört? Man kann nicht nicht kommunizieren, sagt Schulz von Thun. Die gelbe Kämpferin sollte also ungeachtet meiner Miene allein schon an meiner heruntergezogenen Kapuze und am Sturmschritt, mit dem ich den Platz überquerte, erkannt haben, dass ich nicht angesprochen werden wollte. Stattdessen setzte sie ihre Offensive gutgelaunt fort: «…, da haben Sie doch sicher auch einen Moment Zeit um stehen zu bleiben!» Sicher nicht, dachte ich. Zum Glück war mein Gesicht bei minus sechs Grad tatsächlich ziemlich steif, sodass ich gar nichts erwidern konnte sondern nur wortlos weiterstürmte und den sicheren Hafen, den S-Bahnhof Hackescher Markt, erreichte. Ich war den Kämpfern für die gute Sache noch einmal entkommen. Doch für wie lange? Denn, wenn die schon bei minus sechs Grad so kämpferisch sind – wie wird das erst, wenn die Temperaturen wieder steigen?

Vom Trennen und Sortieren

Heute hat mein Blog Jahrestag. Er wird drei! Grund genug, etwas zu posten:

Etwas vom Schwierigsten, wenn man als Schweizerin in Deutschland lebt, ist nicht etwa die Sprache. Ich verstehe die Berliner, auch wenn sie mich manchmal nicht verstehen. Auch die Euros habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. Ich habe gelernt, ein 10-Cent-Stück von einem 20-Cent-Stück zu unterscheiden. Mit U-Bahn, S-Bahn und Tram komme ich gut zurecht – Busse sind immer noch etwas schwierig, da muss man die Geografie schon intus haben. Was mir aber nach wie vor so richtig zu schaffen macht, das ist die Mülltrennung.  Während es in Berlin einfach ist, überall und immer Dinge anzuschaffen, ist es ausgesprochen anspruchsvoll, etwas richtig zu entsorgen. Denn, in Deutschland wird der Müll anders getrennt als in der Schweiz – und das verschafft mir Kopfzerbrechen.

Bereits bevor ich in Berlin ankam, hatte mich mein Vermieter über die Mülltrennung aufgeklärt. Er hat dafür ein ausgeklügeltes System mit farbigen Boxen in der Küche. Jede Müllsorte ist einer Box zugeordnet. Ich war von diesem Ordnungssystem beeindruckt – und Farben finde ich sowieso immer gut. Mit den besten Absichten habe ich die Zuordnung auf einen Zettel geschrieben und quasi als Legende auf die Boxen gelegt: Grün steht sinnigerweise für Bio. Aber warum um Himmelswillen hatte mein Vermieter da einen Papierbeutel reingelegt? Aha, der ist biologisch abbaubar. Na gut. Die blaue Box ist für Papier. Soweit so gut, das kenne ich auch so von zu Hause. Aber dann gibt’s noch die orange Box, die ist für Plastik und Verpackung. Hm, ein sehr weit gefasster Begriff. Und zuletzt ist da rot für Restmüll. Hach, das ist noch besser! Da kann ich alles reinschmeissen, wenn ich unsicher bin, wo etwas hingehört. Sogleich erkläre ich die rote Restmüll-Box zu meinem Favoriten. Aber wenn ich es mir so richtig überlege, will ich es ja gut machen mit der Mülltrennung. Als Eidgenossin gehöre ich schliesslich zum Volk, das die Mülltrennung quasi erfunden hat und weltweite Spitze in dieser Disziplin ist. Wäre ja gelacht, wenn ich mit dem deutschen System nicht klar käme.

Ich kratzte mich dennoch am Kopf. In einer Weiterbildung zum Aufbau von Websites hatte ich mal gelernt, wie man Inhalte am besten strukturiert. Diese Lehre wende ich seither auf alle Lebensbereiche an. Man soll, so hiess es, beim Sortieren Kategorien wählen, die sich einerseits gegenseitig ergänzen und andererseits gegenseitig ausschliessen. Das heisst, mit anderen Worten: Es braucht also für jeden Inhalt eine Kategorie oder eine Box, in die er unmissverständlich reinpasst. Dank den Boxen «Verpackung» und «Restmüll» würde ich problemlos für jeden Stoff ein Plätzchen finden. Ob ich aber auch für jeden Stoff das richtige Plätzchen finden würde, war eine andere Frage. Gehörte eine Karton-Verpackung in die blaue oder in die orange Box? War eine Glasflasche Verpackung oder Restmüll? Noch schwieriger wurde es mit gemischten Stoffen: Der beschichtete Karton von Tetrapackungen zum Beispiel . Oder ganz schlimm: Teebeutel. Die bestehen ja aus dem Zettelchen, das aussen über den Tassenrand hängt, dem Schnürchen, das das Zettelchen mit dem Teebeutel verbindet, den beiden Heftklammern, mit denen das Schnürchen an seinen beiden Extremitäten befestigt ist, dem Teebeutel aus Filterpapier und dem Teekraut im Teebeutel. Da ist alles drin: Papier, Biomüll, Verpackung und Restmüll. Hinzu kommt das Beutelchen, in das der Teebeutel eingepackt war: beschichtetes Papier.

Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr ärgern sollte: Über das Ordnungssystem der Mülltrennung oder die Teebeutel. Was von beidem hatte mehr Berechtigung? Gehörte der Teebeutel abgeschafft oder die Mülltrennung? Weil ich es richtig machen wollte, stand ich vor einem Problem, das ich lösen wollte. Aber was heisst schon richtig? Und was wäre denn die richtige Lösung? Ich kratzte mich wieder am Kopf und erahnte einen tieferen Sinn. Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass sich nicht alles säuberlich ordnen und trennen lässt? Und dass eine kompromisslose Ordnung einer Gesellschaft schadet? Spuren davon gibt es in Berlin genug. Und so denke ich – und höre auf, mich am Kopf zu kratzen – ist es doch ganz gut, dass es Teebeutel und Boxen für Verpackung und Restmüll gibt, die die Ordnung durchbrechen.

Endlich!

Heute wurde ich angeschnauzt. Endlich! Ich dachte schon, mit dieser Stadt stimmt was nicht. Seit sechs Tagen bin ich nun schon in Berlin und bisher waren alle so nett: Die Kellner, die Tischnachbarn, die «Motz»-Verkäufer, die Leute auf der Lesebühne, die Penner auf den Parkbänken, die Kunden im Späti, wo ich am ersten Abend Milch holte, und die Mutter mit ihrem Kind, die wie ich das Kommunikationsmuseum suchte und mich mit Google-Maps dorthin lotste. Alle ausnahmslos nett! Das wurde mir langsam unheimlich.

Die Frau, die mich heute anschnauzte, roch ein bisschen streng. Sie trug ausgelatschte Schuhe, eine Wolljacke. Ihre Zähne waren schlecht und sie hielt ein Bier in der Hand. Ich wäre in der Markthalle fast mit ihr zusammengestossen. Aber eben nur fast. «Pass doch auf, wo du hinläufst!», fuhr sie mich an und schaffte es – obwohl ich ja innerlich seit sechs Tagen ständig in innerer Bereitschaft für sowas war – dass ich mich ein bisschen erschrak. Und so kam ich dann gar nicht mehr dazu, mich bei ihr zu bedanken. Dafür nämlich, dass sie mir meinen Glauben an den unvergleichlichen Berliner Charme zurückgegeben hat.

Peterli

«Das mit dem Goldhamster tut mir immer noch leid». Diesen Titel, ich weiss gar nicht mehr, war er für ein Leseprogramm, ein Buch oder nur eine einzelne Geschichte, hörte ich gestern von den Brauseboys im Wedding, Berlin. Die Brauseboys sind eine Lese-Boy-Group, die seit 15 Jahren im Wedding jede Woche ihre Texte liest. Der Abend war lustig, geistreich und sehr unterhaltend. Und da war eben dieser wunderbare Titel: Das mit dem Goldhamster tut mir immer noch leid. Ich fand ihn toll – bis mir Peterli in den Sinn kam. Peterli, das war der Kanarienvogel meiner Schwester. Ja, war. Peterli ist gestorben. Eigentlich sollte mich das jetzt nicht mehr beschäftigen, denn das ist weit über zwanzig Jahre her und Peterli wäre inzwischen sowieso aus Altersgründen gestorben aber sein Tod damals ist und bleibt ungeklärt und meine Schwester hat ihn natürlich mir vorgeworfen. Denn, Peterli war in meiner Obhut als er eines Morgens vom Stängelchen fiel.

Peterli war knallgelb und ein fantastischer Sänger. Er sang sehr laut und vor allem dann, wenn sein Gesang in Konkurrenz mit anderen Geräuschen stand. So kam es, dass man beim Telefonieren Peterlis Käfig abdecken musste. Wenn es dunkel war, war es für Peterli Nacht und dann sang er nicht. Auch wenn wir Besuch hatten, hatten wir ihn meist abgedeckt, da wir sonst unser eigenes Wort nicht mehr verstanden hätten. Das hat dazu geführt, dass Peterli die meiste Zeit abgedeckt war. Manchmal haben wir ihn sogar mitsamt seinem Käfig ins angrenzende Zimmer gestellt, weil er auch unter dem Tuch noch weiterjubilierte. So kam es, dass der gefiederte Caruso mitunter fast ein bisschen in Vergessenheit geriet. Ich gebe zu, dass wir Peterlis Käfig während der Abwesenheit meiner Schwester, ich weiss gar nicht mehr, wo sie während dieser Zeit überhaupt war, denn für gewöhnlich verbrachten wir die Ferien gemeinsam, vielleicht etwas mehr abdeckten als sonst. Und weil man Peterli dadurch auch nicht hören konnte, ich vielleicht das ein oder andere Mal vergessen hatte, Wasser oder Körner nachzufüllen. Aber vielleicht nehme ich jetzt auch eine Schuld auf mich, die gar nicht die meine war. Vielleicht war Peterli einfach nur altersschwach. Wir hatten auf jeden Fall keine Ahnung, wie alt so ein Kanarienvogel normalerweise wird. Auf jeden Fall lag Peterli eines Morgens tot am Boden des Käfigs. Vielleicht war es auch schon am Tag davor passiert, so genau lässt sich das aus den eben genannten Gründen nicht mehr sagen. Es geschah auf jeden Fall kurz bevor meine Schwester aus den Ferien zurückkam.

Das war mir natürlich mehr als unangenehm und tat mir auch sehr leid. Kam hinzu, dass ich nicht wusste, was ich mit Peterlis Leichnam tun sollte. Ist ein Kanarienvogel Biomüll, darf man ihn in den Hausmüll schmeissen oder muss man ihn zur Tierkadaverstelle bringen? Ich weiss nicht mehr, wie wir mit Peterli verfahren sind. Irgendwie habe ich das verdrängt. Meine Eltern hatten sicher einen Rat gewusst. Das schlimmste aber an Peterlis Tod war der Vorwurf meiner Schwester als sie aus den Ferien zurückkam. Sie war sehr traurig, was mich ehrlich gesagt etwas erstaunte, denn ihre Beziehung zu Peterli vor seinem Tod schien mir nicht so innig. Einen Kanarienvogel kann man ja nicht streicheln. Der hüpft auch nicht vor Freude auf seinem Stängelchen hin und her, wenn du von der Schule oder der Arbeit nach Hause kommst. Und die wenigen Male, die er frei im Wohnzimmer herumflattern durfte, endeten jeweils damit, dass er vor Panik die Ledersofas vollschiss und sich am Schluss kaum wieder einfangen liess. Sein Gesang empfanden wir meist als störend und optisch gefielen uns die Wellensittiche der Nachbarn eigentlich auch besser. Wie dem auch sei, schlimmer als die Trauer meiner Schwester war der Vorwurf, Peterli sei als Folge meiner Vernachlässigung gestorben.

Auf jeden Fall wurde Peterli – im Gegensatz zu den Meerschweinchen – nie ersetzt.  Und ich muss seither damit leben, dass ich möglicherweise an seinem (frühen?) Tod schuldig war.

Die Crux im Januar

Am ersten Ersten, das ist wahr,
beginnet stets das neue Jahr.
Wenn alles dunkel, nass und kalt
starten wir von Neuem halt.

Quälen uns ins Fitnesscenter,
stemmen dort so manchen Zentner.
Ernähren uns neu ohne Zucker,
so ein paar Tage schafft man’s locker.

Aber dann rächt sich die Lust
aus Displizin wird plötzlich Frust.
Langsam zieht das inn’re Schwein
wieder in den Alltag ein.

und so geht es, das ist wahr,
allen immer, jedes Jahr.

 

Übrigens: Als kleine Aufmunterung im Januar werde ich am Freitag, 26. Januar um 19.30 Uhr in der Mediothek Hinwil (Alte Zihlstrasse 2A) aus meinem Kurzgeschichtenband „Nur ein Kuss“ vorlesen. Anschliessend gemütliches Zusammensein beim Apéro