Konfliktfreies Gärtnern

Es war ein schwieriges Gartenjahr, sagen erfahrene Gärtner. Was soll ich denn erst sagen, die dieses Jahr ganz neu mit dem Gärtnern angefangen hat? Wobei so ganz blauäugig ging ich nicht an die Sache heran, im Gegenteil: Nach über 50 Episoden von «Gardener’s World» (ich konnte die Melodie am Schluss schon mitschmettern, kenne jetzt sämtliche botanischen Begriffe auf Englisch und bin total in den Gärtner Monty Dom verknallt) und sämtlichen Folgen von «Hinter den Hecken» und «Mission B» fühlte ich mich gut gerüstet. Auch alle Gartenbücher der Bibliothek Seen hatte ich mir reingezogen. Der Corona-Winter war lang und ich wollte gut vorbereitet sein. Ob ich einen Job finden oder Corona vorbei sein würde, konnte ich nicht beeinflussen. Aber der nächster Sommer würde bestimmt kommen, dachte ich.

Nun ja, er kam nicht so richtig, das zeigte sich schon beim Vorziehen der Pflänzchen in der Wohnung im Frühling. Es war kühl und regnete. Die angezogenen Pflänzchen blieben erbärmlich mickrig. Doch wer mit all dem Regen kam, das waren die Schnecken. Ein Tier, dessen Fresslust und Vermehrungsfähigkeit ich masslos unterschätzt hatte. Die Schnecken haben mir sämtliche Keimlinge meiner Direktsaat abgefressen. Was ich so richtig fies fand, war, dass sie die Kornblumenkeimlinge erst abfrassen, nachdem ich sie mühsam pikkiert hatte. Das hätten sie auch vorher erledigen können, die Biester! Ich nahm das richtig persönlich. Und das war wohl der Moment, in dem ich den schleimigen fetten Dingern den Krieg erklärte. Am Anfang war ich noch moderat oder man könnte vielleicht auch sagen naiv. Als ich merkte, dass die Schnecken eine meiner Funkien fast komplett abgefressen hatten, kontrollierte ich diese Pflanzen regelmässig und gründlich und las die Schnecken ab. Einmal habe ich eine Hand voll Schnecken den nächsten Gullideckel hinuntergeworfen. Sollen sie doch dort unten ersaufen! Als ich wenige Minuten später noch einmal in den Gullischacht hinunterschaute, krochen die fetten, rotbraunen Schleimer wie ein Heer von Racheengeln an den Seiten des Schachts wieder empor. Wie in einem Horrorfilm war das!

So ging das nicht. Wieder einmal suchte ich nach Antworten im Internet und in diversen Ratgebern. Ich war ja nicht die Erste, die mit einer Schneckenplage zu kämpfen hatte. Die Palette von Vernichtungsmethoden war beeindruckend: Bier, Kaffeesatz, Eierschalen, Salz, Schneckenkörner, Schneckenbleche, Schneckenkragen, Schnecken zerschneiden, heisses Wasser über die Schnecken giessen, Schnecken einfrieren… Das Bier gönne ich den Schnecken nicht. Ich trinke keinen Kaffee und esse zu wenig Eier, um damit meine grossen Beete einzufassen. Salz ist für den Boden nicht gut und Schneckenkörner sind giftig. Schneckenbleche und Schneckenkragen kommen bei der Dimension meiner Beete nicht in Frage. Blieb nur noch das Zerschnippeln, mit heissem Wasser übergiessen oder Einfrieren. Ich entschied mich für letzteres.

Seit die Schnecken in einem Tupperware neben der Box mit dem Vanilleeis in eisiger Kälte sterben, frage ich mich, was diese Tötungsmethode über mich aussagt. So ganz nach dem Motto: Sage mir, wie du deine Schnecken um die Ecke bringst, und ich sage dir, wer du bist. Ich bin zum Schluss gekommen, dass ich der Konfliktvermeidungstyp bin. Ich stecke die Schnecken in die Gefriertruhe, so sind sie aus den Augen und aus dem Sinn. Ob sie dort ersticken oder erfrieren? Erfrieren sei ja ein sanfter Tod. Aber ersticken? Winden sie sich dann zum letzten Mal qualvoll? «Man weiss so wenig», würde Erich Kästner dazu sagen. Aber ganz ehrlich: Will man das wissen? Eben, sagt der Konfliktvermeidungstyp.

Reimerhein

Am Rheinwaldhorn und am Thomasee beginnt er klein,
doch klugerweise zweigleisig – der Rhein
Als zweites Standbein des Vorderrhein,
gräbt sich bei Ilanz der Hinterrhein
in eine Schlucht hinein,
vereint sich in Reichenau mit dem Vorderrhein
und wächst und wäscht sich rein
im Bodensee. Das muss so sein.
Weder am Vorder- noch am Hinterrhein
liegt ein Städtchen so klein und fein wie Stein
am Rhein mit einem aktiven Dorfverein.
Bei Neuhausen stürzt sich der Rhein
von Felsen hoch und bei Sonnenschein
springen Nixen bei Rheinau rein
mit Beuteln und Flossen und Sinn für Gemein-
schaft. Manch einer denkt: Kein
Wunder, stirbt doch keiner gern allein.
Apropos, kein Fischer fährt ohne Pein
in Lorleis Felsen aus Schieferstein.
Doch lassen wir düstere Gedanken sein,
denn vielerorts wächst Wein am Rhein,
auch im Rheinland, südlich von Frankfurt am Main.
Darum lasst uns lieber fröhlich sein.
Nur Bier nach Wein, dass lasse sein!
Ja, ewig liesse sich reimen zum Rhein,
flösse er nicht in Rotterdam ins Meer hinein.

Sommer-Hit 2021: Bucheli-Blues

Als wär Corona nicht genug,
der Sommer ist nur Lug und Trug
die Wassermassen fallen
ganz unentwegt und allen
ist’s zu nass und kalt.
Nur ein Glück ist uns hold…

Refrain:
„Seid froh“, sagt der Tiefdruck zu den Isobaren:
„Diesen Sommer müsst ihr nicht enthaaren!“

Die Umstände werden jedes Jahr krasser,
die Ferienplanung fällt wörtlich ins Wasser.
Den Camping am See, den kannst du streichen
und willst nicht schon wieder in die Berge ausweichen.
Viele Länder kannste wegen Corona knicken,
die Ferien quasi in die Wüste schicken.

„Doch seid froh“, sagt der Tiefdruck zu den Isobaren:
„Diesen Sommer müsst ihr nicht enthaaren!“

geimpft, genesen, getestet – geschieden
Du hast dich fürs Verschieben entschieden?
Von deinem Urlaub aufs nächste Jahr.
Nur, wird’s dann besser? Das ist nicht klar.
Wird’s ein Hitzesommer mit Mutante E?
Man weiss es nicht, herrjemine!

„Doch seid froh“, sagt der Tiefdruck zu den Isobaren:
„Diesen Sommer müsst ihr nicht enthaaren!“

Zu Hause bleiben, den Balkon geniessen
die Pflanzen brauchst du nicht zu giessen
mit Wolldecke und Schnorchel im Liegestuhl
Eigentlich ist das doch mega cool….?
So trotzt du Unwetter und allen Viren
und musst weder shaven noch epilieren.

„Seid froh“, sagt der Tiefdruck zu den Isobaren:
„Diesen Sommer müsst ihr nicht enthaaren!“


De Bus vo Wuhan uf Covid

De Bus isch volle Lüüt. Mer cha kei Abstand halte. Und uf em Bode vom Bus, zwüschet es paar dräckige, plattdruckte Atemschutzmaske lyt d Wirtschaft. En Passagier im Aazug und mit Gravatte versuecht, si uufzpäppele. Näbetdraa lismet en Arbetslosi en Socke für ihres Gottemeitli. Si hät wenig Gäld aber vill Zyt. Über d Bildschirm, wo suscht d Haltestelle aagäh wärded, flimmeret e Netflix-Serie: «Emily in Paris». Wiä schön isch das gsy, womer no hät chöne reise!

Das isch de Bus vo Wuhan uf Covid
Keine stygt uus, all fahred mit

Bim Kantonsspital styged es paar Pflägerine ii. Sie lönd sich erschöpft uf en lääre Sitz falle und schlafed sofort ii. Keine beachtet si, keine klatscht meh. Diä Zyte sind längschtens verby. «2474 neu Infizierti», seit de Buschauffeur, «und 53 Tooti. Es bestaht e Maskepflicht.» E jungi Frau hät d Maske am Chini. Si heig kei Luscht, d Maske ufeztue. Keine seit öppis. Isch doch egal, Covid isch sowieso viral.

Das isch de Bus vo Wuhan uf Covid
Keine stygt uus, all fahred mit

En alte Maa luegt us em Fänschter. sini Brüle isch beschlage. Was gseht er ächt? Bim Fridhof wärded es paar Tooti uusglade. Es sind fascht nur Alti. Es wird still im Bus, aber nume churz. En alti Frau brüelet i ihres Stoffnastüechli. Ihres Schluchze wird vo de Wirtschaft übertönt wo am Bode lyt und jetzt luut grochset. Es paar Lüüt drähied ihre besorgt de Chopf zue. «Wohi fahred mer eigetlich?», frögt e Dame de Chauffeur.» Er hebt de Zeigfinger vor sini Atemschutzmaske und zeigt dänn uf e Tafle a de Glasschybe hinder sich: «Bitte während der Fahrt nicht mit dem Chauffeur sprechen».

Das isch de Bus vo Wuhan uf Covid
Keine stygt uus, all fahred mit

«Isch es no wyt?», fröget es Chind sini Mueter sicher scho zum achtevierzgischte Mal. Und si antwortet sicher scho zum achtevierzgischte Mal: «Mir sind bald det.» Jetzt flackeret’s uf em Bildschirm: «Nächster Halt: Impfung». En Junge zuckt mit de Schultere: «Ich lah mich sicher nöd impfe.» «Das isch e Verschwörig!» rüeft en Ma us em Fonds vom Bus. Es paar Lüüt dräied ihri Chöpf und murmled öppis hinder ihrne Atemschutzmaske. Aber dänn isch es wider still bis ufs lyslige Wimmere vo de Wirtschaft.

Das isch de Bus vo Wuhan uf Covid
Keine stygt uus, all fahred mit

De Bus haltet a de Talstation vomene Skigebiet aa. E Gruppe Snowboarder stygt ii: «Skiheil!» rüefeds hinder ihrne dicke Halstüecher füre. D Wirtschaft lupft churz hoffnigsvoll de Chopf. Aber dänn isch wider alles still im Bus. Jede starrt hinder sinere Maske us em Fänschter. Nur hine im Bus gröled no es paar Ängländer, wo während ihrne Skiferie i de Schwyzer Bärge abtaucht sind. Si heigid i ihrem Land zwar höchi Infektionszahle, säged’s, aber defür seig mer mit Impfe scho vill wyter als i de Schwyz. Da wärded’s vom Buschauffeur unterbroche, wo de nächschti Lockdown aachündt: «Bis im Februar blybed näbscht de Restaurant au d Läde mit Ware vo nöd täglichem Bedarf gschlosse». Jetzt wird’s erscht richtig still im Bus – und de Schnee, wo scho sit Stunde fallt, deckt langsam alles zue.

Ref. Das isch de Bus vo Wuhan uf Covid
Keine stygt uus, all fahred mit
All fahred mit
All fahred mit
All fahred mit

Die Wandergesellinnen und das Panorama

Es waren einmal zwei Wandergesellinnen. Die wanderten so gern im herbstlichen Tösstal. Kein Berg war ihnen zu hoch, keine Flanke zu steil und kein Abstieg zu beschwerlich. Sobald das Wetter es zuliess, packten sie ihre Rucksäcke und zogen los. Besonders gern bestiegen sie das Hörnli. Mit der Zeit wurde es zur Tradition, dass sie ihr Mittagessen vor dem Gipfel einnahmen, damit sie oben im Bergrestaurant den Kaffee geniessen konnten. Sie suchten sich ein sonniges Plätzchen, von wo sie einen schönen Ausblick hatten, setzten sich ins Gras und kramten in ihren Rucksäcken. Redlich teilten sie ihr Essen. Sie schlugen hart gekochte Eier auf, Füdle-Spitz, und assen frisches Obst vom Winterthurer Wochenmarkt. Sie verzehrten ihr Essen mit gutem Appetit. Danach legten sie sich für ein Verdauungsnickerchen ins weiche Gras und streckten ihre runden Bäuche der Sonne entgegen.

Eines Tages, sie waren schon auf dem Abstieg in Richtung Sternenberg, kamen sie just in dem Moment an einem prächtigen Aussichtspunkt vorbei, als sich das Panorama im schönsten Licht zeigte. Die sanften grünen Hügel des Tösstals betteten die Glarneralpen so harmonisch ins Bild, dass es ein Fest fürs Auge war. Die Abendsonne tauchte diese alpine Komposition in güldenes Licht. Das Ganze war von einer Schönheit, wie es die beiden Gesellinnen noch nie gesehen hatten. Eine tiefe Sehnsucht ergriff sie und der innige Wunsch, dieses Panorama in diesem Licht für immer einzufangen und für sich allein zu besitzen. Gierig rissen sie sich ihre Säcke vom Rücken und wühlten hastig in den Aussentaschen. Eine jede brachte ein digitales Gerätchen zum Vorschein. Damit wollten sie das Panorama für immer für sich einfangen. Wie besessen von diesem Wunsch vergassen die Gesellinnen ganz, dass sie noch vor Kurzem ihr Essen so redlich geteilt hatten. Nun war sich jede selbst die nächste. Jede wollte ihr Panorama für sich, ohne Rücksicht auf Verlust. Und so kam es, dass…

Zum Glück waren die digitalen Gerätchen derart ausgestattet, dass sich das Panorma mehr als einmal einfangen liess. Das wurde auch der Gesellin klar, die auf so unverschämte Weise um ihr Panorama betrogen worden war. Und so konnte sie diese rohe Tat, wenn auch mit etwas Verzögerung, doch mit Humor nehmen. Was für ein Glück!

Man munkelt, die beiden Gesellinnen seien wenige Tage später wieder auf dem Hörnli gesehen worden und hätten dort mit ihren digitalen Gerätchen nicht nur das Panorama sondern auch das Nebelmeer festgehalten. Wer weiss, wann sie das nächste Mal durch die Tösstaler-Hügel streifen, hart gekochte Eier aufschlagen und mit ihren digitalen Gerätchen ihr Unwesen treiben.

Andere passen besser ins Profil

Gestern war ich zum dritten Mal in der Filiale eines Elektronik-Geschäfts im Stadtzentrum. Mitte Oktober hatte ich online einen Mixer-Aufsatz zum Pürieren bestellt und – um die Versandgebühr zu sparen – dorthin liefern lassen. Das erste Mal als ich dort war, hatte ein Herr vom Kundendienst alle Schränke durchsucht und meinen Pürierstab nirgends gefunden. Das, obwohl sowohl die Filiale als auch ich eine E-Mail erhalten hatten, dass der Pürierstab geschickt worden sei. Nachdem ich 10 Minuten wie bestellt und nicht abgeholt dort gestanden und gewartet hatte, bis alle Schränke durchsucht waren, zuckte der Herr vom Kundendienst die Achseln und teilte mir mit abgeklärtem Ton mit: «Der Pürierstab ist nicht da». Für ihn war die Sache erledigt. Ich machte ihn freundlich aber bestimmt darauf aufmerksam, dass es nun sein Job sei, sich darum zu kümmern. Ich erreichte, dass er den Stab nochmals für mich bestellte und zog mit leeren Händen von dannen.  Einen ganzen Monat später rief mich ein überfreundlicher und überaufgestellter Herr vom Kundendienst an und teilte mir mit, der Pürierstab sei schwierig zu liefern gewesen, aber nun sei er da und ich könne ihn abholen. Er fühlte sich ganz offensichtlich wie Father Christmas, der es endlich geschafft hatte, mir meinen Wunsch zu erfüllen. So ging ich wieder in die Filiale und holte den Pürierstab. Leider sah ich ihn mir nicht schon im Laden an, sondern packte ihn erst zu Hause aus: Es war der falsche. Ich rief den überfreundlichen und überaufgestellten Herrn vom Kundendienst an und teilte ihm mit, dass ich den falschen Stab erhalten hatte und dass er mir den richtigen bestellen soll. Er versicherte mir, dass der Fehler nicht bei ihm gelegen habe, denn er hätte die richtige Artikelnummer angegeben. Der Fehler sei beim Lieferanten passiert. Schön, aber was bringt mir das? Warum muss man sich eigentlich heutzutage immer Erklärungen über irgendwelche komplizierten Prozesse anhören und kann nicht mehr denjenigen zusammenscheissen, der den Fehler gemacht hat? Es dauerte wieder zwei Wochen, bis der überfreundliche und überaufgestellte Herr vom Kundendienst anrief und mir dieses Mal etwas zerknirscht mitteilte, er habe zwar einen Pürierstab erhalten, aber das Gefühl, dass es wieder der falsche sei. Er beschrieb mir das Gewinde (wofür haben Artikel eigentlich Artikel-Nummern?) und ich bestätige ihm, dass das der falsche Stab sei. Der überfreundliche Herr bestellte nochmals. Inzwischen war es Dezember geworden. Ich erhielt vor drei Tagen wieder ein Telefon von Father Christmas, äh vom überfreundlichen Herrn vom Kundendienst, und gleichzeitig eine E-Mail: JETZT sei mein Pürierstab da! Ich ging gestern wieder zum Kundendienst – und es war wieder der falsche Stab!

In diesem Moment verlor ich die Fassung. Plötzlich ist es über mich hereingebrochen: Obwohl das eine überhaupt nichts mit dem anderen zu tun hat, kam mir die Geschichte mit dem Pürierstab so symptomatisch vor für meine Stellensuche in diesem Jahr! Es war ein Jahr mit ganz vielen Bemühungen und ohne nachhaltigen Erfolg. Wie bei der Bestellung dieses Pürierstabs durchlief ich bei der Stellensuche alle Phasen von Hoffnung, Enttäuschung, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit mehrfach. Freundlich hingehalten und abgewiesen von Kundendienstmitarbeitern und HR-Menschen. Und wie diese Pürieraufsätze nicht aufs Gehäuse passen, so passe ich mit meiner Bewerbung offenbar nie so ganz ins Stellenprofil. Denn, auch ich als Mensch soll wie ein Ersatzteil in eine Maschinerie passen. Und so drehen die falschen Pürierstäbe und ich im Leeren. 4 Pürierstäbe waren es – und über 90 Job-Inserate, auf die ich mich beworben hatte. Was für eine Verschwendung von Energie und Zeit! Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich mich jetzt – müde vom im Kreise drehen in diesem Jahr – mit einem Stapel Gartenbücher auf mein Sofa zurückziehe und das Pürieren und Arbeiten bis im Januar jenen überlasse, die besser ins Profil passen.

Die Runde

Heute war ein verrückter Tag: Ich habe meine Spaziergang-Runde zum allerersten Mal in umgekehrter Richtung gemacht. Seit gut einem Jahr wohne ich nun in Seen. Ich habe am neuen Wohnort schnell ein paar Lieblingsrunden gefunden, die ich seit dem Lockdown regelmässig mache. Ich habe eine Runde, die eine Stunde dauert, eine halbstündige Runde und einen Quickie von einer Viertelstunde. So gerne ich im Leben Abwechslung habe, so konservativ bin ich bei meinen Spaziergängen. Ich würde fast sagen erzkonservativ. Seit dem Lockdown habe ich meine einstündige Runde unzählige Male gemacht – immer in dieselbe Richtung. Bis auf heute.

Was mich ausgerechnet an diesem grauen Adventssonntag dazu bewogen hat, mit meiner Tradition zu brechen, weiss ich nicht. Ich hätte meine Runde ja schon unzählige Male davor anders rum gehen können. War es vielleicht ein tiefer Wunsch nach Veränderung der auf so unkonventionelle Art an die Oberfläche drängte? Jedenfalls sind mir auf meiner Gegen-Runde besonders die Steigungen aufgefallen und die Stellen, an denen der Weg abfiel. «Was, hier komme ich jeweils hoch?», habe ich mich gewundert, als ich meine Pobacken auf dem Weg vom Restaurant Eschenberg in den Wald zum Bremsen zusammenklemmte. Auch die Abzweigungen sahen ganz anders aus als in umgekehrter Richtung. Wenig spektakulär waren hingegen jene Strecken, die flach und gerade waren.

Mein Abenteuer hat mal wieder meine philosophische Seite anklingen lassen. Im Corona-Jahr 2020 haben wir ja viele Dinge anders gemacht, da passt meine Runde in entgegengesetzter Richtung ganz gut mit rein. Wir haben anders Geburtstag gefeiert, die Ferien anders verbracht und so wie es aussieht, wird es auch ganz andere Weihnachten geben. Oft waren wir gezwungen, mit Traditionen zu brechen. Wir haben es getan, weil uns keine Wahl blieb. Die grosse Frage ist nur: Wie werden wir es machen, wenn wir wieder die Wahl haben? Wie und wo verbringen wir 2021 unsere Ferien? Wie feiern wir nächstes Jahr Geburtstag und Weihnachten? Kehren wir zum Alten zurück, machen wir es gleich wie in diesem Corona-Jahr oder werden wir ganz neue Wege gehen? Auch ich habe mich heute, als ich vor der Haustüre meine Schuhe auf der Türmatte abputzte, gefragt: Werde ich meine Runde nächstes Mal so oder anders rum machen?

Missverschtändnis

Hüt hani mit mim Vater telefoniert und er hät gseit: «Geschter hani Chys bschtellt.» Interessant, han ich tänkt, und verschtande: «Geschter hanich Ys bschtellt.»

Das isch im Fall nöd s Glych. Will, us em Einte git’s e Ruderalflächi und us em Andere zum Byspil en Yyskunschtbahn. Und e Ruderalflächi isch vill besser fürs Klima als en Yskunschtbahn. Da gseht mer doch wider, uf was für tünns Ys mer sich bim Kommuniziäre begit. Und sottigi Missverschtändnis sind i de hütige Zyt sehr heikel und chönd s Gschprächsklima zimli abchüele – im schlimmschte Fall bis zur Yszyt.

Zum Glück hämmers chöne kläre.

Winkewinke, wir sind noch da!

Heute habe ich meinen Blog upgegradet, geupgradet, gradeupert, aufgeappert… Wie auch immer. Ihr wisst schon, mein Blog kann jetzt mehr. Bis ich auch mehr kann, wird es noch ein bisschen dauern. Immerhin kann ich euch heute schon mal ein erstes Filmchen posten. Ich schätze mal die Dauer dieses heissen Streifens reicht etwa für den Verzehr von einem Popcorn. Juhu!

Die Bauarbeiter, Daniel Koch und ich

Es gibt Leute, die sagen, die Corona-Krise sei eine Gesundheitskrise, andere sagen, es handle sich um eine Wirtschaftskrise – ich sage,  sie ist eine Sinnkrise.

Ich sitze seit Tagen im Home-Office und gucke dabei den Bauarbeitern auf dem Dach des entstehenden Neubaus vor meinem Haus zu. Seit ich hier am Fenster sitze und von zu Hause aus arbeite, haben sich unsere Arbeitsrhythmen aneinander angeglichen. Um 7 Uhr machen die Bauarbeiter die lautesten Arbeiten. Die Botschaft: Guten Morgen, Leute, wir sind auf und fleissig! Auch ich fahre noch im Pyjama meinen Laptop hoch und haue die ersten E-Mails mit der gleichen Botschaft raus: Guten Morgen Leute, ich bin auch auf und ich bin auch fleissig! Danach wird es – zumindest bei mir – ziemlich ruhig. Der Zürcher Gemeinderat tagt während des Lockdowns nicht, Veranstaltungen sind auf Eis gelegt… Auch die Bauarbeiter führen nun ruhigere Arbeiten aus, kommen aber stetig voran. Um 9 Uhr machen wir Kaffeepause, um 12 Uhr wird es für eine Stunde still und spätestens um fünf ist Schluss. Meine Abende verbringe ich dann mit Daniel Koch – er am Bildschirm, ich auf dem Sofa. Der Leiter „Übertragbare Krankheiten“ des BAG informiert über das Corona-Virus (heisst es eigentlich der oder das Virus?), die Fallzahlen, die gesundheitlichen Entwicklungen. Müde schaut er aus und irgendwie ungesund. Der hat es sicher streng.

Weil die Bauarbeiter, Herr Koch und ich in letzter Zeit so ein eingeschworenes Team sind, weil jetzt manche ganz viel, andere ganz wenig und wieder andere gar nichts mehr zu tun haben, weil die einen bei der Arbeit ihr eigenes Leben riskieren, das Leben anderer retten und dafür zwar schlechte Löhne aber Applaus kriegen während die anderen sicher im Home-Office sitzen und einen dicken Zahltag einstreichen, weil ganz Viele helfen möchten und zum Daheimbleiben verknurrt sind, drängt sich bei mir schon die Frage nach dem Sinn der Arbeit auf.

Eine E-Mail reisst mich aus meinen Gedanken. Ich soll einen Bürgerbrief im Namen des Stadtrats beantworten. Ich leite die E-Mail an die zuständige Dienstabteilung weiter. Die schreiben mir zurück, dass sie den Auftrag zur Beantwortung schon längst von jemand anderem erhalten haben und schicken mir den Vorschlag für die Antwort. Der Vorschlag ist gut und fixfertig ausformuliert. Eigentlich müsste ich ihn nur noch in die richtige Word-Vorlage kopieren und an meinen Chef schicken. Doch ich schreibe noch einen Einleitungssatz, stelle hier und dort noch etwas um… Der Brief ist jetzt nicht wirklich besser aber ein bisschen anders. Die Bauarbeiter haben inzwischen die Sparre des Daches montiert und Daniel Koch (oder wohl eher eine fleissige Mitarbeiterin) die Fallzahlen auf der BAG-Website aktualisiert. Ich warte auf die Rückmeldung zu meinem Brief vom Chef. Er ist mit dieser Version einverstanden und hat keine Änderungswünsche mehr. Jetzt geht der Brief noch an die Asssistentin für die letzte Kontrolle. Sie macht aus „Bewohnerinnen und Bewohnern“ noch „Bewohnende“, aus «und» «sowie» und fügt im letzten Satz noch ein Wörtchen ein. Nun geht der Brief zum Departementssekretär, der ihn dem Stadtrat zur Unterschrift vorlegen wird.

17 Uhr, die Bauarbeiter und ich sind müde. Ich habe mit meiner sinnentleerten Aktenschieberei gut verdient – sie wohl weniger. Am meisten von uns verdient wahrscheinlich Herr Koch, der in zweieinhalb Stunden wieder in der Tagesschau auf meinem Fernsehbildschirm erscheinen wird. Und was kriegen die Fachfrauen Gesundheit im KSW, die Frauen an der Migroskasse und die Männer hinten auf dem Müllabfuhrwagen für ihre Arbeit?

Wir können nicht alle auf dem Bau, an der Kasse, im Spital oder bei der Abfallentsorgung arbeiten – aber irgendwie zeigt uns diese Corona-Krise, dass in unserer Arbeitswelt und in unserem Verständnis von Sinn und Wert etwas ganz und gar nicht stimmt.