Adventsbus-Geschichten 2014-2018

Sie ist da! Am 5. Dezember fand die Buchvernissage der Anthologie „Adventsbus-Geschichten 2014-2018“ in der Alten Kaserne in Winterthur statt. 20 Autorinnen und 1 Autor sind glücklich und stolz auf ihr gemeinsames Werk. Das Buch mit 20 Adventsbus-Geschichten für Jugendliche und Erwachsene und 15 Kindergeschichten ist ab sofort unter der ISBN 978-3-7469-8200-7 im Buchhandel auf Bestellung erhältlich. Die Winterthurer Buchhandlungen Orell Füssli, Obergass und Buch am Platz verkaufen es direkt für 27.50 CHF.

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Wer meine diesjährige Geschichte für Jugendliche und Erwachsene mit dem Titel „Oh du Fröhliche“ im Adventsbus hören möchte, hat am Mittwoch, 19. Dezember um 17.40/18.20/19.00 Uhr Gelegenheit dazu. Die Fahrt inklusive Live-Musik dauert etwa eine halbe Stunde, Abfahrtsort ist die Bushaltestelle Schmidgasse. Auch ohne gratis Platzkarte findet sich stets ein Plätzchen für Kurzentschlossene.

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Schreibmüde und doch ziemlich produktiv

Liebe Leserinnen und Leser, heute habe ich nach einer ungewöhnlich langen Schreibpause wieder einmal auf meinen Blog geschaut und war ganz überrascht, wer alles hier war während meiner Abwesenheit. Und da waren Kommentare, die ich noch nicht gelesen hatte und die mich sehr freuten. Vielen Dank! 

To Tell you The Truthahn (eigentlich meinte ich „truth“, aber mein IPad hat mehr Humor als Sprachgefühl): Ich habe wieder ein Buch im Köcher – das hat in den letzten Wochen viel Zeit, Energie und NERVEN (!!!) gekostet. Heute ging es in den Druck. Dieses Mal ist es eine Anthologie mit 35 Weihnachtsgeschichten von 21 verschiedenen Autorinnen und Autoren. Die Geschichten sind im Rahmen des jährlichen Schreibwettbewerbs, den der Adventsbus-Verein Winterthur ausschreibt, entstanden. Die besten Geschichten werden jeweils auf den Adventsbusfahrten im historischen Trolleybus vorgelesen. Da der Adventsbus heuer in seine fünfte Saison rollt, erscheint zum Jubiläum das Buch „Adventsbus-Geschichten“ mit den besten Geschichten der letzten fünf Jahre. Fünf der Geschichten im Buch sind von mir. Das Buch erscheint am 6. Dezember. Eine Geschichte für Erwachsene und eine Kindergeschichte, die ich dieses Jahr eingereicht habe, werde ich im Dezember auch live im Adventsbus vorlesen. Weitere Informationen folgen. 

Ausserdem wurde meine Tiergeschichte „Das Meerschweinchen“, die ich für den Wettbewerb des „Zürcher Oberländers“ eingereicht habe, unter die besten 50 Geschichten gewählt. Sie wird daher Mitte Dezember im Buch „Die schönsten Tiergeschichten“ erscheinen. 

Hm, eigentlich war ich ja doch ziemlich produktiv – einfach nicht auf meinem Blog. Wir lesen uns!

Die Weinverkostung

Kennt ihr das Märchen «Des Kaisers neue Kleider»? Da kommen zwei Schelme in die Stadt, die dem eitlen Kaiser verkünden, sie könnten Kleider schneidern, die nur jene sähen, die ihres Amtes würdig und nicht dumm seien. Tief beeindruckt erteilt der Kaiser den Schelmen den Auftrag, ihm ein neues Kleid zu nähen. Die beiden geben vor, zu weben und zu nähen und führen alle am Hof inkl. Kaiser an der Nase herum. Der Schwindel fliegt erst auf, als sich der Kaiser an einem Umzug dem Volk stolz in seinem neuen „Kleid“ – also splitterfasernackt – präsentiert. Dabei ruft ein Kind laut: «Mama, der hat ja gar nichts an!»

Etwa so wie in diesem Märchen verhält es sich an Weinproben. Wenn immer man in einer Weingegend Ferien macht, kommt man um eine Weinverkostung nicht herum. Da fragt keiner danach, ob man überhaupt Wein trinkt oder mag. Denn, der kultivierte Mensch trinkt und geniesst Wein. Gestern im Südtirol war es wieder einmal so weit.

Andächtig sitzen wir um die Tische mit weissen Tischtüchern und viel zu grossen Gläsern. Da fängt’s bei mir schon an. Wozu müssen die Gläser so gross sein, wenn dann doch nur ein bis zwei Finger breit Wein eingeschenkt wird? Niemand sagt ein Wort bis die langhaarige Blondine, die uns den Wein präsentiert, allen eingeschenkt hat und den Namen des Weins bekannt gibt: Müller-Thurgau. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Müller-Thurgau! Was für ein bünzliger Name für einen Wein, der im Südtirol angebaut wird. Also ehrlich! Das macht auch der charmante italienische Akzent der Blondine nicht besser. Wie Sonntagsschüler sitzen wir um den Tisch und warten auf weitere Offenbarungen. Bevor wir einen Schluck nehmen dürfen, müssen wir das Glas übers weisse Tischtuch halten, um andächtig die gelbe Flüssigkeit zu betrachten. «Goldgelb» nennt die attraktive Blondine die Farbe. Dann werden die Gläser geschwenkt, man hält vorsichtig die Nase darüber. Die Fortgeschrittenen schliessen jetzt auch die Augen. Hui, und nach was jetzt der Wein alles riechen soll: Zitrone, Früchte und im Abgang ein Schuss Holunder. Kennerhaftes Nicken, ja genau, so riecht es! Endlich setzt die Blondine das Glas an. Jetzt dürfen wir auch trinken. Aber nur einen kleinen Schluck, sonst ist das Glas ja schon wieder leer. Der Wein sei trocken. Auch so ein Ausdruck, den ich nicht verstehe. Wie kann ein Getränk, das mir Zunge und Kehle befeuchtet, trocken sein? Man spricht ja umgekehrt auch nicht von feuchten oder nassen Weinen. Aber ich behalte meine Irritation für mich, ich will mich ja nicht als Banause outen. Vor allem nicht in einer Gesellschaft, in der alle so wissend und verzückt vor sich hinnicken.

Die Blondine erzählt von Holz- und Stahlfässern, vom Alkoholgehalt und von der Reblaus. Auf dem Tisch stehen Körbchen mit Brotwürfelchen. Sie erinnern mich ans Abendmahl in der reformierten Kirche. Überhaupt komme ich mir vor wie in einem Gottesdienst. Ich würde mich nicht getrauen, laut zu sprechen oder gar zu husten, das ist hier eine ernste Sache. Der zweite Wein kommt ins gleiche Glas. Ich finde es ja immer erstaunlich, dass man so ein Tamtam um den Geschmack macht und dann alle Weine ins gleiche Glas reinkippt. Also beim Essen würde ich das nie machen, da gibt’s für die Suppe einen anderen Teller als für den Hauptgang. Aber ich verstehe halt nichts von Wein, darum sage ich auch nichts.

Der nächste Wein ist nochmals weiss, respektive goldgelb – ein Silvaner. Für mich riecht er etwas muffig, aber es seien die Düfte von Melonen und tropischen Früchte, die mir da in die Nase stiegen, sagt die Blondine. Es folgen weitere Ausführungen über das Spritzen und Lagern des Weins. Noch zwei Flaschen to go. Es sind Rotweine. Der La Greina duftet nach Waldfrüchten, hat eine tiefrote Farbe und im Abgang schmeckt er nach Muskat. «Der schmeckt mir bis jetzt am besten», raunt mir meine Sitznachbarin ganz beseelt zu. Sowas darf man natürlich nicht laut aussprechen. Er passe wunderbar zu Trockenfleisch, erklärt die Blondine und tut, als ob sie die Bemerkung meiner Nachbarin überhört hätte. Den letzten Wein, einen Trollinger könne man zu allem trinken. Ich frage mich, was so ein Allerweltswein, den man zu allem trinken kann, an einer so edel inszenierten Weinverkostung verloren hat. Aber ich sage natürlich nichts, denn ich habe ja keine Ahnung von Wein.

Sommerwehmut

«Schön, dass wir nochmals … vielleicht ist es das letzte Mal», diesen Spruch habe ich diese Woche gleich mehrmals gehört: in der Gartenbeiz nach der Chorprobe, am Grillabend auf dem Mitarbeiterausflug und beim Schwimmen in der Limmat. Im Moment sind alle sommerwehmütig. Man könnte meinen, dass nach dem Sommer nichts mehr kommt. Oder anders gesagt: Die Endlichkeit des Sommers lehrt uns, den Moment zu geniessen.

Ist ja eigentlich eine gute Sache, wenn man bedenkt, dass wir heutzutage ständig ziemlich überall sind, ausser im hier und jetzt. Wir tippen auf dem Weg durch den Bahnhof auf dem Handy rum, haben schon seit Jahren auf unserer Pendlerstrecke nicht mehr aus dem Zugfenster geschaut, weil wir die Fahrt lieber dafür nutzen, in der Zeitung zu lesen, was am Tag zuvor in den USA, China oder Korea passiert ist. Wir gehen in Gedanken schon die Tischordnung für die Silvesterfeier durch, planen das überüberüberübernächste Wochenende und haben längst die Destinationen aller Urlaube für die nächsten drei Jahre festgelegt.

Da ist so ein (vielleicht letzter) Spätsommerabend doch Gold wert. Ja und zum Glück sage ich, zum guten Glück haben wir Jahreszeiten! Ich will ja nicht wissen, wie es denen geht, die am Äquator wohnen. Wenn alles immer gleich ist, haben die ja gar keine Gelegenheit, wehmütig die letzten Tage des Sommers und so den Moment zu geniessen. Die armen Ecuadorianer, Kenianer, Somalier und Indonesier. Wie schaffen, die es jemals, im hier und jetzt zu sein?

Oder ist es umgekehrt? Brauchen wir, weil wir nicht im Moment leben können, die Jahreszeiten während die Ecuadorianer, Kenianer, Somalier und Indonesier sowas gar nicht nötig haben, weil sie auch so den Augenblick geniessen können? Vielleicht müsste ich mal hinfahren und fragen… In vier Jahren finde ich möglicherweise ein langes Wochenende, an dem ich so ein Äquator-Studienreisli noch dazwischenschieben kann.

Sommerhit 2018: Ewige Summer!

Liebe Leserinnen und Leser, seit Wochen trage ich ihn schon mit mir herum, und bevor die Hitzewelle zu Ende geht, muss er einfach noch raus. Ja, es ist Zeit für den Sommerhit 2018! Er heisst „Ewige Summer“ und lässt sich zufälligerweise ganz gut zur Melodie von „Ewigi Liäbi“ schmettern. Und wie das Original erhebt er keinen Anspruch auf Logik, Rhythmus, Reim oder Poesie.

Sit Wuche scho, isch es so heiss, und no keis Änd i Sicht
Ich ligge fuul im Ligestuel, will’s eifach so schlapp macht
Ich schwitze vill, und grääm mi ii, ja ich schläck Glacé dezue
Doch Meteo git kei Garantii, dass es für immer so wird sii

Ewige Summer – das wünsch ich diir
ewige Summer – das wünsch ich miir
ewige Summer – nöd nur für eus zwei
ewige Summer- au für die dehei

Verdürrets Laub und trochni Flüss, ich gib de Rasä für dich uuf
Hitz heizt alli Hüüser uuf, bschärt mängi Tropenacht
Lahmgleit vo dem Summer, wo so schlapp macht , würdi alles mache,
alles gäh, alles defür tue, ich wär di so gärn los!

Ewige Summer – das wünsch ich diir
ewige Summer – das wünsch ich miir
ewige Summer – nöd nur für eus zwei
ewige Summer- au für die dehei

Blutmond mit Potenzial

Den Blutmond über Berlin wollten wir uns auf der Dachterrasse meiner Freundin ansehen. Ein Jahrhundert-Event am Firmament. Ein Tisch mit kühlen Getränken und Leckereien stand bereit. Noch eine Freundin stiess hinzu. Der Mond konnte kommen.

Als ob sie sich mit ihrem Kollegen in Konkurrenz befände, zauberte die Sonne im Westen ein fantastisches Spektakel an den Himmel. Der untergehende Feuerball beleuchtete Berge von Wolken, die rot erglommen und sich langsam zu langen Fischen verformten. In Richtung Potsdamer Platz färbte sich der Himmel violett. Welche Farbenpracht! Doch unsere Aufmerksamkeit galt dem Südosten, denn dort sollte der Mond aufgehen. Es war schon viertel nach neun. Wir suchten mit unseren Augen die Dachzinnen ab, hinter denen jeden Moment die runde weisse Scheibe erscheinen würde – aber da war kein Mond. Und ohne Mond würde auch keine Mondfinsternis zu sehen sein. Wir füllten unsere Gläser nach und suchten auf unseren Handys nach Informationen: «Berlin Blutmond wo», tippte die Freundin meiner Freundin in die Google-Suche. Da stand etwas von Südosten und Wolken. Hm, so viel wussten wir auch schon.

Endlich, um viertel vor zehn, zeigte meine Freundin auf einen blassen weisslichen Ball hoch am Himmel: «Da ist er, der Mond!» Bleich und klein war er, von Wolken verschleiert. Warum war der Mond, der manchmal so gross sein konnte, just an diesem Abend wie ein Gufenkopf? Aber noch blieb eine halbe Stunde Zeit bis zur kompletten Mondfinsternis und so waren wir noch voller Hoffnung, dass sich die Wolken lichten, der Mond wachsen und die Mondfinsternis deutlich zeigen würde. Immerhin wirkte der Mond ja schon rötlich und irgendwie war da auch so eine fransige Schicht darüber. Allerdings war nicht so recht klar, ob es sich dabei um eine Wolke oder den Schatten der Erde handelte. Das Warten half wenig, der Blutmond blieb für dieses Jahrhundert auf jener Dachterrasse in Berlin-Schöneberg ein Blutmond mit Potenzial.

Ich würde sogar sagen, der Sonnenuntergang hat dem Blutmond den Rang abgelaufen. Welche Enttäuschung! Irgendwie erinnerte mich das an meine Besteigung des Stromboli als ich keine einzige Vulkaneruption sah, weil die Luft so feucht war. Oder an den Ausflug ans Nordkap bei stockdickem Nebel. Ausser Spesen nichts gewesen. Vielleicht, so dachte ich mir, haben uns Sonne und Mond in jener Nacht auf der Dachterrasse in Berlin-Schöneberg eine Lehre erteilen wollen. Wie oft richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit und Erwartungen auf das Grosse, Besondere, Extreme: wir wollen den Kilimanjaro besteigen, das Nordlicht in allen Farben des Regenbogens bewundern, in den afrikanischen Nationalparks die Big Five vor die Kameralinse kriegen, in Kanada Wale beobachten, in der australischen Wüste den perfekten Sonnenuntergang am Ayers Rock fotografieren, und und und. Dabei vergessen wir die vielen kleinen Schönheiten im Alltag: wie sich die ersten Sonnenstrahlen morgens in den Garten tasten, Tautropfen auf Blättern und Gräsern, eine Amsel, die abends ihr Lied singt, lange Schatten im Abendlicht…

„Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“, würde John Lennon sagen. Mich hat das Jahrhundert-Event am Firmament letztlich auf den Boden der Realität zurückgebracht. Aber wenn es um Himmelskörper geht, darf man schon mal ins Philosophieren kommen. Ich meine, wann, wenn nicht dann?

Zwetschgen auf der Überholspur

Neulich stand ich mit dem Fahrrad an der Ampel. Als diese auf Orange sprang, rief ein Autofahrer hinter mir aus dem offenen Fenster: «Fahre!» Die Aufforderung galt vermutlich den beiden Mädels neben mir, die ebenfalls auf ihren Fahrrädern warteten und gleichzeitig mit ihren Handys beschäftigt waren. Zu dritt blockierten wir die ganze Fahrbahn. Solange wir nicht fuhren, hatte der Ungeduldige im Auto keine Chance fortzukommen. Trotzdem nervte die ungeduldig-agressive Art des Autofahrers, zumal ja erst orange war. Was hatte der uns auf so nonchalante Art rumzukommandieren? Schliesslich haben die Radfahrer an der Ampel Vorfahrt. Aber ich zeige auf der Strasse keinen Mittelfingern, ich denke ihn mir nur. Mit erhobenem Mittelfinger im Kopf hielt ich an der nächsten Ampel, die für die Fahrräder wieder rot war. Trotzdem zogen drei Velofahrer mit einem Affenzahn an mir vorbei, als ob sie farbenblind oder auf der Flucht wären. Ich schüttelte den Kopf mitsamt dem erhobenen Mittelfinger drin. Diese Ungeduld! Alles muss immer schnell gehen! Dafür wird gern auch Kopf und Kragen riskiert. Zum Glück, so tröstete ich mich, als die Ampel auf Grün sprang und ich weiterfahren konnte, gibt es im Leben noch Dinge, die sich diesem Geschwindigkeitswahn widersetzen. Ein Baby bleibt 40 Wochen lang im Mutterleib, bis es auf die Welt kommt, ein Hefeteig lässt sich nicht zur Eile antreiben und wer hat schon je eine Kuh gesehen, die sich beim Widerkäuen aus der Ruhe bringen lässt? Ja, die Natur, die lässt sich nicht zur Eile antreiben.

Und dann das: Zwetschgen Mitte Juli! Heute standen sie in einer Schale vor mir. Die Kirschen noch am Baum – schon sind die Zwetschgen da. Also daran, dass man im Dezember im Laden Erdbeeren bekommt, daran habe ich mich gewöhnt. Die kommen aus Treibhäusern aus aller Herren Länder und werden hierher geflogen. Aber diese Zwetschgen waren vom Bauern und frisch vom Baum. Wir assen sie unter dem Kirschbaum, der immer noch voll behangen war. Dabei waren heuer ja schon die Kirschen früh. Was war nur in diese Zwetschgen gefahren? Sie waren klein aber ausgesprochen gut. Wir griffen wacker zu und assen das Schälchen schnell leer. Schliesslich mussten wir jeden Augenblick damit rechnen, dass die Pilze zwischen unseren Füssen aus dem Boden schossen.