In dringender Mission

Wann hat es eigentlich damit angefangen, dass die Leute im Zug auf halber Strecke schon wieder aufstehen und sich von den Türen bis in die Flure anstellen, um möglichst schnell wieder aus dem Zug auszusteigen? Früher musste man nur beim Einsteigen um seinen Platz kämpfen. Wenn man einen hatte, also eigentlich immer, erfreute man sich dessen so lange wie möglich und stand erst auf, wann der Zug schon in den Bahnhof einfuhr. Heute stehen die Ersten auf, sobald der nächste Halt angesagt wird und das ist in der Regel bevor der Zug überhaupt in den Ort einfährt und lange bevor der Bahnhof in Sicht kommt. So kommt es, dass der ganze Flur jeweils schon vollgestellt ist, bevor man «Papp» sagen kann. Oft hat man in den letzten Fahrminuten schon die Rucksäcke und Handtaschen der aufgestandenen Passagiere im Gesicht. Ihre Hände krallen sich in die Griffe an den Hinterköpfen der Sitzenden oder sie halten sich an den Gepäcksablagen über deren Köpfen fest. Wann dann der Zug in den Bahnhof einfährt, muss man sich von seinem Abteil mühsam in den Flur drängen. Kurz, beim Aussteigen herrscht das gleiche Gerangel wie beim Einsteigen. Das Gleiche gilt übrigens im Flugzeug. Da habe ich also auch schon erlebt, dass einer, der neben mir am Fenster sass, sich beim Aussteigen an mir am Gangsitz vorbeigedrückt hat, notabene als das Anschnallen-Zeichen über unseren Köpfen noch an war. Ich hatte dem Reflex, ihn in den Hintern zu beissen nur mit voller Körperbeherrschung widerstanden. Und das war gut, denn wir standen später bei der Gepäcksausgabe wieder nebeneinander und warteten mehr oder weniger ungeduldig auf unsere Koffer.

Mich nervt diese ungeduldige Zwängerei. Was treibt diese Leute so an? Es würde mir extrem helfen, wenn ich wüsste, dass sie dafür einen wichtigen Grund haben. Zum Beispiel dass sie vergessen haben, den Herd abzuschalten und möglichst schnell nach Hause müssen, um einen Flächenbrand zu verhindern; dass sie spät dran sind, um ihren Friedensnobelpreis abzuholen; dass sie ihre Ehe, eine Katze vom Baum, das Klima, die Weltmeere, den Eisvogel oder sonst irgendetwas retten müssten. Wenn das so wäre, wäre ich die letzte, die ihnen im Weg stehen würde. Dann würde ich gelassen sagen: «Nach Ihnen». Endlich zu Hause angekommen, würde ich mich dann, im Gegensatz zu allen anderen, gemütlich mit einer Tüte Chips vor den Fernseher setzen.

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Das Reisebüro für Antiferien

Als ich am Sonntag mit dem Fahrrad unterwegs war und mir an der Thur und am Rhein ein ruhiges idyllisches Plätzchen suchte, war ich chancenlos. Überall waren Leute, alle suchten sie Erholung in der Natur: Brätle und Bädele mit seinen Lieben, das ist des Schweizers Lust. Kreischende Kinder, wummernde Bässe aus irgendwelchen Musikverstärkern (Yeah, der Ghettoblaster ist zurück!), kläffende Hunde, Rauch und Grillfleisch. Ich fuhr einfach zu und fand am Schluss zu Hause auf meinem Balkon im Liegestuhl meine Ruhe. Alle wissen, wo’s schön ist, alle haben am Wochenende frei, alle haben das gleiche Wetter, das gleiche Bedürfnis, in etwa die gleichen finanziellen Möglichkeiten. Am schlimmsten sind die Orte, wo man mit dem Auto gut hinkommt – und in der kleinräumigen Schweiz ist das fast überall.

Eigentlich, so dachte ich in meinem Liegestuhl, müsste man in dieser überbevölkerten Welt viel antizyklischer leben. Wenn man berufstätig ist, kann man ja schlecht unter der Woche etwas Schönes an einem idyllischen Ort unternehmen. Aber warum fährt man am Wochenende nicht irgendwo hin, wo’s hässlich ist und unternimmt etwas, das überhaupt keinen Spass macht? Zum Beispiel könnte man bei schönem Wetter in ein Industriequartier fahren und dort in irgendeinem Grossmarkt den ganzen Tag lang staubsaugen. Oder man setzt sich bei Regen einen Sonntag lang an eine Autobahn, isst zum Picknick Fenchel und Kutteln aus dem Tupperware und sieht sich am Abend am Fernsehen ein Formel 1 Rennen an. Man könnte einen Samstag lang in einer Bahnhofsunterführung, wo es nach Pisse riecht, im Schein einer Neonröhre Hemden bügeln. Oder man lädt seine ärgsten Feinde zum Lösen von Algebraaufgaben unter der Zürcher Hardbrücke ein. Und wer es ganz doll mag, macht am freien Sonntag die Steuererklärung am Rande des Klärbeckens einer Abwasserreinigungsanlage. Das gleiche Prinzip liesse sich für Ferien anwenden: Warum nicht mal eine Woche lang in einer Mietskaserne in Schwammendingen in der Flugschneise hausen, sich in einem Häuschen unter einem Strommasten und mit Blick aufs Kernkraftwerk Gösgen einmieten oder in einem der orangen Wohnblöcke an den Gleisen beim Bahnhof Bern? Hässliche Orte gibt’s überall genug. Und auch an Dingen, die keinen Spass machen, besteht kein Mangel.

Solche Antiweekends und Antiferien hätten bestechende Vorteile: Man hätte alles für sich, da niemand sonst dorthin wollte respektive alle bei der erstbesten Möglichkeit genau dem entfliehen würden. Zudem müsste man keine langen Wege auf sich nehmen, denn das Hässliche liegt so nah. Dementsprechend tief wären die Preise und zu guter Letzt würde man sich nach einem Antiweekend oder nach Antiferien wieder extrem auf den Alltag freuen. Eine Win-Win-Situation, also. Im Geiste habe ich am Sonntag in meinem Liegestuhl schon den Businessplan gemacht für mein Reisebüro für Antiferien. Ob mein Geschäft von Erfolg gekrönt wäre, sei dahingestellt. Sicher aber ist, dass bei zu viel Ruhe auch mal die Fantasie mit mir durchgeht.

Oberarmtaschen

Meine Grossmutter, die hatte sie, seit ich mich erinnern konnte. Die schlaffen Hauttaschen an der Unterseite der Oberarme. Als Kinder hat uns das immer total fasziniert. Diesen Hauttaschen konnte man mit der Hand einen leichten Stoss geben und schon schwangen sie hin und her. Toll war das! Vor allem auch weil Grossmutter dann immer sauer wurde. Sie hasste das und wir neckten sie gerne damit, ohne so richtig zu verstehen, warum sie sich eigentlich so ärgerte. Die coolen Oberarmtaschen gehörten einfach zu Grossmutter, wie die Runzeln in ihrem Gesicht und die grauen Haare.

Neulich war ich mit dem Fahrrad unterwegs und der Zufall wollte es, dass ich über eine ziemlich holprige Strecke fahren musste. Da vibriert der ganze Körper mit, besonders die Oberarme. Allerdings musste ich feststellen, dass die untere Seite der Oberarme länger nachvibrierte als die obere. Ich nahm das mal so zur Kenntnis. Als ich mich nach der Fahrradtour vor den Spiegel stellte und mit den Fingerkuppen an meinen unteren Oberarmen rumstupste, kam Einiges in Bewegung. Was ich als Kind bei Grossmutter im ausgeprägten Stadium noch total cool fand, wollte mir an mir selber im mittleren Alter nicht einmal im Ansatz gefallen. Das war der Anfang der Oberarmtaschen! Und die unmissverständliche, gnadenlose Botschaft dahinter lautete: Ich werde älter! Eine sportliche Kollegin wusste um das Problem und empfahl mir eine Übung mit dem Terraband. Ich habe beschlossen, nicht gegen meine Oberarmtaschen anzugehen. Das Alter und die Schwerkraft siegen sowieso früher oder später. Im Moment sind es ja auch noch keine Taschen sondern einfach ein bisschen schlafferes Gewebe, das ich liebevoll «Schläberli» nenne.

Überhaupt kommt es bei solchen Dingen viel mehr auf die richtige Einstellung und das Naming an. Schliesslich spricht man bei überflüssigem Hüftspeck ja auch von «Hüftgold», «Love Handles» oder «Poches d’amour». Ich setze mich an den Computer und tippe «schlaffe Oberarme Bezeichnung» in die Google-Suche. Siehe da, auch dafür gibt es einen Namen: «Winkearme». Wie nett! «Muskelplatin» würde mir in Anlehnung an Hüftgold auch gefallen oder «Hug-Bags» als Ergänzung zu «Love Handles». Die französische Version wäre dann «Poches Popeye». Auf jeden Fall lautet die Botschaft: Umarme dein Alter mit wabbeligen Armen! Wer möchte, kann ihm auch freundlich zuwinken – ohne dabei die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.

Einmal im Jahr

Neulich war es mal wieder soweit. Einmal im Jahr steige ich todesmutig in ein Mobility-Auto und fahre zum Grossmarkt im Industriequartier, um Erdsäcke und Pflanzen für meinen Balkon zu kaufen. Das kostet Mut, denn ich fahre sonst nie Auto und bin seit meiner Fahrprüfung vor 16 Jahren auch nie regelmässig gefahren. Kommt hinzu, dass man, wenn man nur einmal im Jahr fährt, immer wieder vergisst, wo sich im Auto was befindet. Selbst wenn man immer dasselbe Mobility-Auto nimmt.

Das Anmelden geht immer problemlos. Die Karte auf das Feld an der Frontscheibe halten und zack rasten die Schlösser aus, es piept und alle Türen stehen offen. Dann einsteigen, die Tasche lässig auf den Beifahrersitz werfen, die Türe zuschlagen und den Sitz bis zum Anschlag ganz nach vorne ziehen. Dann ist es mit der Lässigkeit aber auch schon vorbei. Wie stellt man schon wieder die Seitenspiegel ein? Muss man nicht seit ein paar Jahren immer, auch tagsüber, Licht haben? Aber welches? Ich drehe an einem der spinnenbeinartigen Hebel am Lenkrad und prompt geht der Scheibenwischer am Heck los. Ich fasse wieder an den Hebel, jetzt beginnt es auch noch zu spritzen. Der scharfe Geruch des Fensterputzmittels steigt mir in die Nase. Nach dem ersten Schreck rede ich mir ein, dass es nicht schaden könne, die Scheibe mal wieder zu reinigen. Ich schaffe es, den Scheibenwischer wieder auszuschalten und finde endlich einen Knopf links vom Lenkrad, auf dem etwa drei verschiedene Symbole für Licht zu sehen sind. Ich entscheide mich für jenes, das nach am wenigsten Licht aussieht. Die Suche nach den Knöpfen zum Einstellen der Seitenspiegel bleibt erfolglos. Ich lehne mich über den Beifahrersitz, öffne das Handschuhfach und blättere in der Gebrauchsanleitung. Da! Die Knöpfe befinden sich an der linken Wagentüre. Hätte ich mich doch auf meinen Instinkt verlassen. Ich richte auch noch den Rückspiegel und fühle mich bereit, den Schlüsselknopf zu starten. Zündschlüssel, das war gestern. Aus dem Radio plärrt laute Musik. Warum sich die Leute beim Autofahren auch immer die Ohren zudröhnen? Das geht gar nicht, ich brauche alle Sinne. Ich drehe das Volumen runter, aber der Radio plärrt auf einem anderen Sender weiter. Aha, falscher Knopf. Beim zweiten Versuch klappt es. Los geht’s!

Erst lege ich den Rückgang ein. Das ist nicht so einfach, wenn man selten fährt. Doch auf einer meiner Balkon-Fahrten vor ein paar Jahren habe ich begriffen, dass man bei diesem Mobility-Auto den Schaltknüppel dafür erst feste runterdrücken muss. Dieses Mal klappt es auf Anhieb. Ein Blick zurück und ich gleite wie ein Profi aus der Parklücke. Erst beim Umschalten in den ersten Gang säuft mir zum ersten Mal der Motor ab. Von da an beginnt eine Serie von Starten, Stottern und Absaufen. Neben dem Parkplatz steht ein Mann in seinem Garten und schaut zu mir hinüber. Ich ignoriere ihn, komme aber nicht umhin, mir vorzustellen, was der neben dem Mobility-Parkplatz schon alles zu sehen bekommen hat. Der könnte wahrscheinlich ein Buch über Leute wie mich schreiben. Ich hüpfe weiter aus dem Parkplatz bis auf die Strasse, immer verzweifelter. Ich beschliesse, den Motor ein Weilchen auszuschalten. Der Trick 77 bei allen Maschinen. Tatsächlich kann ich den Motor beim nächsten Mal problemlos starten und in den zweiten Gang schalten. Alles läuft wie auf Butter. Den Hals gereckt, das rechte Bein total verkrampft, fahre ich bis zur ersten Ampel. Bremsen, kuppeln, runterschalten, warten, Gas geben, kuppeln, schalten. So langsam komme ich in den Flow. Mist, die Ampel auf der anderen Seite der Bahnunterführung steht auf rot. Ich muss am Hang anfahren. Der Schleifpunkt war an meinen drei Fahrprüfungen nie das Problem, versuche ich mich zu beruhigen. Tatsächlich schaffe ich das Anfahren ohne zurückzurollen. Dann schleiche ich die Technikumstrasse entlang. Mit dem Fahrrad wäre ich längst im Industriegebiet, denke ich. Aber solche Gedanken sind müssig, wenn man schon in seinem Mobility-Auto im Stau steht. Der Verkehr ist so dicht, dass die Ampeln nicht mehr nachkommen. Prompt komme ich mitten auf der Kreuzung zu stehen und blockiere den Autos, die von links kommen die Durchfahrt. Wütendes Gehupe, runtergelassene Fensterscheiben, hinter denen rote Köpfe mit hervortretenden Adern und offenen Mündern zu sehen sind. Sie rufen etwas zu mir hinüber. Ich will es lieber nicht hören und bin jetzt froh, dass ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich mein Fenster öffnen kann. Unangenehm ist es trotzdem. Ich sinke tief in den Sitz und rolle noch 20 Zentimeter vor, mehr geht nicht. Fast schlüpfte ich unter den Lastwagen vor mir.

Als ich endlich zum Parkplatz meines Einkaufszentrums abbiege, habe ich den nächsten Schreckmoment: Das geht ja in die Tiefgarage runter! Mist, brauchte ich jetzt Licht? Und welches? Standlicht, Abblendlicht, Scheinwerfer… Irgendein Licht habe ich ja schon. Das muss reichen, beschliesse ich. Die Tiefgarage ist ja auch noch beleuchtet. Mit angehaltenem Atem fahre ich die enge Kurve hinunter. Da steht der Kasten mit den Tickets und die Schranke. Ich fahre ganz nahe ran und öffne die Fensterscheibe. Rechts hinter mir summt es. Ich probiere den nächsten Knopf und es summt beim Beifahrersitz. Beim dritten Knopf klappt es. Die Scheibe links von mir gleitet nach unten und ich kann mein Ticket mit ausgestrecktem Arm problemlos ziehen. Ha, ich musste nicht aussteigen! Stolz, mit dem Ticket zwischen den Zähnen und mit drei offenen Fensterscheiben fahre ich in die fast leere Parkhalle.

Ob man’s glaubt oder nicht: Das Einparken im Parkhaus und die Rückfahrt verlaufen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ich beglückwünsche mich. Ich habe es einmal mehr geschafft, unfallfrei meine Erde und Pflanzen für den Balkon zu beschaffen. Die Kehrseite davon: Ich könnte nächsten Frühling wieder ins Mobility-Auto steigen und ins Einkaufszentrum im Industriegebiet fahren.

 

Auswahl einer Auswahl einer Auswahl

Für einmal möchte ich hier, statt einen eigenen „literarischen“ Text zu schreiben, ein paar Eindrücke und Tipps von der Leipziger Buchmesse weitergeben. Aber Achtung: Die Leipziger Buchmesse umfasst rund 3000 Veranstaltungen. Die umfassen nebst Belletristik und Lyrik auch Sachbücher und fremdsprachige Literatur. Was ich in den vergangenen fünf Tagen gesehen und gehört habe, ist also nicht mehr als ein Tropfen im Ozean der deutschsprachigen Literatur.

Mein Auftakt zur Buchmesse war ein literarischer Stadtspaziergang mit der „Leipzigerin“. Er begann am Goethe-Denkmal und endete beim Auerbachkeller (bekannt durch den Ritt auf dem Weinfass im Faust). Als Stadt der Verlage und des Buchdrucks war Leipzig schon früh Magnetpunkt für viele Dichter. Ein Text, den die Leipzigerin unter anderem vorgetragen hat, möchte ich euch nicht vorenthalten. Goethe schrieb das folgende Gedicht an einer Feier, an der man ihm im Scherz den Auftrag gab, mit den Wörtern „Haustürklingel“ und „Mädchenbusen“ ein Gedicht zu schreiben. Der junge Goethe nahm die Herausforderung an:

Die Haustürklingel an der Wand
Der Mädchenbusen in der Hand
Sind beides Dinge wohlverwandt
Denn, wenn man beide leis berührt
Man innen drinnen deutlich spürt
Dass unten draussen einer steht
Der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht.

Wie viele andere Dichter und Denker, lebte und schrieb auch der junge Autor Erich Kästner in Leipzig. Nach dem Studium arbeitete er als Redaktor bei der „Neuen Leipziger Zeitung“. Als er 1927 zum Beethoven-Jubiläumsjahr das erotische Gedicht Abendlied des Kammervirtuosen in der „Plauener Volkszeitung“ veröffentlichte, wurde er gefeuert.

Mein diesjähriger Leipzig-Schwerpunkt aber war der Krimi. Was mich sehr beeindruckt hat, das war das Kriminalroman-Debüt von Marie Reiners. Sie schreibt seit drei Jahrzehnten Drehbücher („Morden im Norden“, „Mord mit Aussicht“ u.v.a.) und hat einen fantastischen schwarzen Humor. Auf der Buchmesse hat sie den Anfang von Frauen, die Bärbel heissen gelesen – und ich habe Tränen gelacht. Sicher lesen werde ich auch Der weisse Affe von Kerstin Ehmer. Dieser Krimi spielt im Berlin der 20er-Jahre und ist sehr packend geschrieben. Klaus-Peter Wolf ist mit seinen Ostfriesen-Krimis und zahlreichen anderen Krimis, Romanen, Hörspielen und Kinderbüchern ja ein alter Hase im Literaturgeschäft. Sein Krimi Ostfriesen Fluch interessiert mich, weil es um die Entführung von Frauen geht. Dabei verlangt der Täter kein Lösegeld. Was geschieht, wenn Frauen einfach verschwinden? Spannend, spannend.

Auf der Leipziger Buchmesse sind die Autorinnen und Autoren zum Greifen nah. Man  kommt leicht ins Gespräch. Besonders beeindruckt hat mich die Begegnung mit Lukas Hartmann. Seinen neuen Roman Ein Bild von Lydia werde ich sicher lesen. Darin geht es um die skandalöse Liebe von Lydia, der Tochter von Alfred Escher, mit dem Künstler Karl Stauffer in der Belle Epoque. Poppy J. Anderson ist Autorin von Liebesgeschichten und war schon früh sehr erfolgreich im Selfpublishing. Sie hat, wie ich, ein Buch mit dem Titel „Nur ein Kuss“ veröffentlicht. Ich habe sie auf der Buchmesse angesprochen und ihr ein Exemplar meines Kurzgeschichtenbands geschenkt, eine schöne Begegnung.

Falls ich euch mit meiner winzigen Auswahl einer Auswahl einer Auswahl einer Auswahl von der Leipziger Buchmesse ein bisschen gluschtig gemacht habe, freut mich das. Bis zur nächsten Leipziger Buchmesse werde ich meine um Vieles längere Leseliste wohl nicht abarbeiten können. Macht aber nichts.

Der Kampf für die gute Sache

Sie treten meist in Gruppen von vier bis fünf Leuten auf, tragen die gleiche gebrandete Kleidung, sind meistens jung, sehr engagiert und verdammt gut gelaunt. Es sind die Kämpferinnen und Kämpfer für die gute Sache. Jene Menschen, die für Organisationen wie Amnesty International, Unicef, Greenpeace, WWF & Co. auf der Strasse Leute ansprechen, um Geldspenden, Unterschriften oder Mitgliedschaften einzutreiben. Und sie lieben mich alle – was nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit beruht. Gerade neulich hatte ich wieder so eine Begegnung.

Bei sechs Grad minus patrouillierten neulich vier Kämpfer für die gute Sache von Amnesty-International in gelber Uniform auf dem Platz vor dem Eingang zum S-Bahnhof Hackescher Markt. Ich sah sie schon von Weitem, als ich von den Hackeschen Höfen her kommend auf der anderen Strassenseite wartete, bis die Fussgängerampel auf grün sprang. Sie hatten sich grossräumig auf dem Platz verteilt. Unverhohlen sahen sie hinüber und musterten uns Fussgänger, die demnächst über die Strasse und in ihr Revier kommen würden. Ihre Beute war zum Greifen nah, sie wetzten schon ihre Messer. Zwischen uns floss nur der Berliner Verkehr. Verstohlen musterte ich die anderen Fussgänger neben mir, die ebenfalls über die Strasse wollten. Wer von uns würde es wohl schaffen, unbehelligt zum S-Bahnhof zu kommen und wer würde den Amnesty-Kämpfern ins Netz gehen? Man muss seine Mitstreiter schliesslich kennen, ehe man ins Gefecht zieht. Rechts von mir stand ein Pärchen, das sich an den Händen hielt und in ein angeregtes Gespräch vertieft war. Die würden schon mal unversehrt davon kommen, weil a) zu zweit und b) beschäftigt. Sie würden sich einfach weiter unterhalten und die Amnesty-Kämpfer links liegen lassen. Dann war da noch ein Geschäftsmann so Ende fünfzig, mindestens eins neunzig gross, breitschultrig und mit Handy am Ohr. Auch der fiel weg, weil a) am Handy, b) männlich, und daher nicht so weichherzig c) langbeinig und daher zu schnell, d) zu autoritär. Hinter dem Geschäftsmann stand ein Schüler mit Stöpseln in den Ohren und finsterem Blick, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Auch er würde locker an der Amnesty-Front vorbeikommen, weil a) kein Geld und b) kein Gehör, schon gar nicht für die gute Sache von Amnesty International. Ich sah mich nach weiteren Leuten um, die demnächst den Fussgängerstreifen überqueren würden aber es war niemand mehr da ausser mir. Das bereitete mir Sorgen, denn ich war a) allein, b) weiblich und daher von Natur aus weichherzig, c) mittleren Alters und daher nicht mittellos, d) ohne Kopfhörer, also mit offenem Ohr für die gute Sache von Amnesty International und e) klein, daher kurzbeinig mit beschränkter Fluchtmöglichkeit. Kurz, ich war die einzige Person am Fussgängerstreifen, die hundertpro ins Beuteschema der gelben Kämpfer passte. Meine Chancen zu entkommen standen verdammt schlecht.

In einer solchen Situation darf man auf keinen Fall Schwäche oder Angst vor dem Gegner zeigen. Der spürt das sofort und greift an. Ich setzte also einen unbekümmerten Blick auf und vermied weiterhin jeden Augenkontakt mit den gelben Kämpfern. Dabei überlegte ich fieberhaft, wie ich der verhassten Inbeschlagnahme entkommen konnte. Einen Moment lang erwägte ich, ganz am Rande des Platzes zu gehen und mich in einem grossen Bogen dem S-Bahnhof zu nähern, um den Amnesty-Kämpfern zu entkommen. Ein verstohlener Blick auf das Amnesty-Heer erstickte diese Hoffnung jedoch im Keim. Die waren alle mindestens einen Kopf grösser als ich und würden mich locker einholen. Ich verwarf die Option aber auch aus Trotz. Der Platz vor dem S-Bahnhof ist schliesslich öffentlicher Raum, und ich würde mich wegen ein paar Amnesty-Kämpfern nicht vertreiben lassen.

Die Ampel sprang auf grün. Ich holte tief Luft, zog meine Kapuze ins Gesicht und gab Gas, wobei mich die anderen, die am Fussgängerstreifen gewartet hatten, schon hinter sich liessen, bevor ich überhaupt die Strasse überquert hatte. Ich gab noch mehr Vorlage und beschleunigte meinen Schritt. Ich hatte erst fünf Meter des Platzes überquert als ich aus den Augenwinkeln sah, wie sich mir eine Amnesty-Frau winkend von links näherte. Ich versuchte zusätzlich, meiner Miene einen finstern Ausdruck zu verleihen. Der Versuch musste bei der Kälte kläglich misslungen sein, denn nun rief die Amnesty-Kämpferin: «Na, die Dame. Sie grinsen ja so fröhlich…» Ich fluchte innerlich. War es wirklich die Kälte, die meine Miene wegen der blendenden Sonne zu einem verzogenen Grinsen eingefroren hatte oder hatte die Amnesty-Frau einfach noch nie etwas von nonverbaler Kommunikation gehört? Man kann nicht nicht kommunizieren, sagt Schulz von Thun. Die gelbe Kämpferin sollte also ungeachtet meiner Miene allein schon an meiner heruntergezogenen Kapuze und am Sturmschritt, mit dem ich den Platz überquerte, erkannt haben, dass ich nicht angesprochen werden wollte. Stattdessen setzte sie ihre Offensive gutgelaunt fort: «…, da haben Sie doch sicher auch einen Moment Zeit um stehen zu bleiben!» Sicher nicht, dachte ich. Zum Glück war mein Gesicht bei minus sechs Grad tatsächlich ziemlich steif, sodass ich gar nichts erwidern konnte sondern nur wortlos weiterstürmte und den sicheren Hafen, den S-Bahnhof Hackescher Markt, erreichte. Ich war den Kämpfern für die gute Sache noch einmal entkommen. Doch für wie lange? Denn, wenn die schon bei minus sechs Grad so kämpferisch sind – wie wird das erst, wenn die Temperaturen wieder steigen?

Vom Trennen und Sortieren

Heute hat mein Blog Jahrestag. Er wird drei! Grund genug, etwas zu posten:

Etwas vom Schwierigsten, wenn man als Schweizerin in Deutschland lebt, ist nicht etwa die Sprache. Ich verstehe die Berliner, auch wenn sie mich manchmal nicht verstehen. Auch die Euros habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. Ich habe gelernt, ein 10-Cent-Stück von einem 20-Cent-Stück zu unterscheiden. Mit U-Bahn, S-Bahn und Tram komme ich gut zurecht – Busse sind immer noch etwas schwierig, da muss man die Geografie schon intus haben. Was mir aber nach wie vor so richtig zu schaffen macht, das ist die Mülltrennung.  Während es in Berlin einfach ist, überall und immer Dinge anzuschaffen, ist es ausgesprochen anspruchsvoll, etwas richtig zu entsorgen. Denn, in Deutschland wird der Müll anders getrennt als in der Schweiz – und das verschafft mir Kopfzerbrechen.

Bereits bevor ich in Berlin ankam, hatte mich mein Vermieter über die Mülltrennung aufgeklärt. Er hat dafür ein ausgeklügeltes System mit farbigen Boxen in der Küche. Jede Müllsorte ist einer Box zugeordnet. Ich war von diesem Ordnungssystem beeindruckt – und Farben finde ich sowieso immer gut. Mit den besten Absichten habe ich die Zuordnung auf einen Zettel geschrieben und quasi als Legende auf die Boxen gelegt: Grün steht sinnigerweise für Bio. Aber warum um Himmelswillen hatte mein Vermieter da einen Papierbeutel reingelegt? Aha, der ist biologisch abbaubar. Na gut. Die blaue Box ist für Papier. Soweit so gut, das kenne ich auch so von zu Hause. Aber dann gibt’s noch die orange Box, die ist für Plastik und Verpackung. Hm, ein sehr weit gefasster Begriff. Und zuletzt ist da rot für Restmüll. Hach, das ist noch besser! Da kann ich alles reinschmeissen, wenn ich unsicher bin, wo etwas hingehört. Sogleich erkläre ich die rote Restmüll-Box zu meinem Favoriten. Aber wenn ich es mir so richtig überlege, will ich es ja gut machen mit der Mülltrennung. Als Eidgenossin gehöre ich schliesslich zum Volk, das die Mülltrennung quasi erfunden hat und weltweite Spitze in dieser Disziplin ist. Wäre ja gelacht, wenn ich mit dem deutschen System nicht klar käme.

Ich kratzte mich dennoch am Kopf. In einer Weiterbildung zum Aufbau von Websites hatte ich mal gelernt, wie man Inhalte am besten strukturiert. Diese Lehre wende ich seither auf alle Lebensbereiche an. Man soll, so hiess es, beim Sortieren Kategorien wählen, die sich einerseits gegenseitig ergänzen und andererseits gegenseitig ausschliessen. Das heisst, mit anderen Worten: Es braucht also für jeden Inhalt eine Kategorie oder eine Box, in die er unmissverständlich reinpasst. Dank den Boxen «Verpackung» und «Restmüll» würde ich problemlos für jeden Stoff ein Plätzchen finden. Ob ich aber auch für jeden Stoff das richtige Plätzchen finden würde, war eine andere Frage. Gehörte eine Karton-Verpackung in die blaue oder in die orange Box? War eine Glasflasche Verpackung oder Restmüll? Noch schwieriger wurde es mit gemischten Stoffen: Der beschichtete Karton von Tetrapackungen zum Beispiel . Oder ganz schlimm: Teebeutel. Die bestehen ja aus dem Zettelchen, das aussen über den Tassenrand hängt, dem Schnürchen, das das Zettelchen mit dem Teebeutel verbindet, den beiden Heftklammern, mit denen das Schnürchen an seinen beiden Extremitäten befestigt ist, dem Teebeutel aus Filterpapier und dem Teekraut im Teebeutel. Da ist alles drin: Papier, Biomüll, Verpackung und Restmüll. Hinzu kommt das Beutelchen, in das der Teebeutel eingepackt war: beschichtetes Papier.

Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr ärgern sollte: Über das Ordnungssystem der Mülltrennung oder die Teebeutel. Was von beidem hatte mehr Berechtigung? Gehörte der Teebeutel abgeschafft oder die Mülltrennung? Weil ich es richtig machen wollte, stand ich vor einem Problem, das ich lösen wollte. Aber was heisst schon richtig? Und was wäre denn die richtige Lösung? Ich kratzte mich wieder am Kopf und erahnte einen tieferen Sinn. Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass sich nicht alles säuberlich ordnen und trennen lässt? Und dass eine kompromisslose Ordnung einer Gesellschaft schadet? Spuren davon gibt es in Berlin genug. Und so denke ich – und höre auf, mich am Kopf zu kratzen – ist es doch ganz gut, dass es Teebeutel und Boxen für Verpackung und Restmüll gibt, die die Ordnung durchbrechen.