Sommerhit 2018: Ewige Summer!

Liebe Leserinnen und Leser, seit Wochen trage ich ihn schon mit mir herum, und bevor die Hitzewelle zu Ende geht, muss er einfach noch raus. Ja, es ist Zeit für den Sommerhit 2018! Er heisst „Ewige Summer“ und lässt sich zufälligerweise ganz gut zur Melodie von „Ewigi Liäbi“ schmettern. Und wie das Original erhebt er keinen Anspruch auf Logik, Rhythmus, Reim oder Poesie.

Sit Wuche scho, isch es so heiss, und no keis Änd i Sicht
Ich ligge fuul im Ligestuel, will’s eifach so schlapp macht
Ich schwitze vill, und grääm mi ii, ja ich schläck Glacé dezue
Doch Meteo git kei Garantii, dass es für immer so wird sii

Ewige Summer – das wünsch ich diir
ewige Summer – das wünsch ich miir
ewige Summer – nöd nur für eus zwei
ewige Summer- au für die dehei

Verdürrets Laub und trochni Flüss, ich gib de Rasä für dich uuf
Hitz heizt alli Hüüser uuf, bschärt mängi Tropenacht
Lahmgleit vo dem Summer, wo so schlapp macht , würdi alles mache,
alles gäh, alles defür tue, ich wär di so gärn los!

Ewige Summer – das wünsch ich diir
ewige Summer – das wünsch ich miir
ewige Summer – nöd nur für eus zwei
ewige Summer- au für die dehei

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Blutmond mit Potenzial

Den Blutmond über Berlin wollten wir uns auf der Dachterrasse meiner Freundin ansehen. Ein Jahrhundert-Event am Firmament. Ein Tisch mit kühlen Getränken und Leckereien stand bereit. Noch eine Freundin stiess hinzu. Der Mond konnte kommen.

Als ob sie sich mit ihrem Kollegen in Konkurrenz befände, zauberte die Sonne im Westen ein fantastisches Spektakel an den Himmel. Der untergehende Feuerball beleuchtete Berge von Wolken, die rot erglommen und sich langsam zu langen Fischen verformten. In Richtung Potsdamer Platz färbte sich der Himmel violett. Welche Farbenpracht! Doch unsere Aufmerksamkeit galt dem Südosten, denn dort sollte der Mond aufgehen. Es war schon viertel nach neun. Wir suchten mit unseren Augen die Dachzinnen ab, hinter denen jeden Moment die runde weisse Scheibe erscheinen würde – aber da war kein Mond. Und ohne Mond würde auch keine Mondfinsternis zu sehen sein. Wir füllten unsere Gläser nach und suchten auf unseren Handys nach Informationen: «Berlin Blutmond wo», tippte die Freundin meiner Freundin in die Google-Suche. Da stand etwas von Südosten und Wolken. Hm, so viel wussten wir auch schon.

Endlich, um viertel vor zehn, zeigte meine Freundin auf einen blassen weisslichen Ball hoch am Himmel: «Da ist er, der Mond!» Bleich und klein war er, von Wolken verschleiert. Warum war der Mond, der manchmal so gross sein konnte, just an diesem Abend wie ein Gufenkopf? Aber noch blieb eine halbe Stunde Zeit bis zur kompletten Mondfinsternis und so waren wir noch voller Hoffnung, dass sich die Wolken lichten, der Mond wachsen und die Mondfinsternis deutlich zeigen würde. Immerhin wirkte der Mond ja schon rötlich und irgendwie war da auch so eine fransige Schicht darüber. Allerdings war nicht so recht klar, ob es sich dabei um eine Wolke oder den Schatten der Erde handelte. Das Warten half wenig, der Blutmond blieb für dieses Jahrhundert auf jener Dachterrasse in Berlin-Schöneberg ein Blutmond mit Potenzial.

Ich würde sogar sagen, der Sonnenuntergang hat dem Blutmond den Rang abgelaufen. Welche Enttäuschung! Irgendwie erinnerte mich das an meine Besteigung des Stromboli als ich keine einzige Vulkaneruption sah, weil die Luft so feucht war. Oder an den Ausflug ans Nordkap bei stockdickem Nebel. Ausser Spesen nichts gewesen. Vielleicht, so dachte ich mir, haben uns Sonne und Mond in jener Nacht auf der Dachterrasse in Berlin-Schöneberg eine Lehre erteilen wollen. Wie oft richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit und Erwartungen auf das Grosse, Besondere, Extreme: wir wollen den Kilimanjaro besteigen, das Nordlicht in allen Farben des Regenbogens bewundern, in den afrikanischen Nationalparks die Big Five vor die Kameralinse kriegen, in Kanada Wale beobachten, in der australischen Wüste den perfekten Sonnenuntergang am Ayers Rock fotografieren, und und und. Dabei vergessen wir die vielen kleinen Schönheiten im Alltag: wie sich die ersten Sonnenstrahlen morgens in den Garten tasten, Tautropfen auf Blättern und Gräsern, eine Amsel, die abends ihr Lied singt, lange Schatten im Abendlicht…

„Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“, würde John Lennon sagen. Mich hat das Jahrhundert-Event am Firmament letztlich auf den Boden der Realität zurückgebracht. Aber wenn es um Himmelskörper geht, darf man schon mal ins Philosophieren kommen. Ich meine, wann, wenn nicht dann?

Zwetschgen auf der Überholspur

Neulich stand ich mit dem Fahrrad an der Ampel. Als diese auf Orange sprang, rief ein Autofahrer hinter mir aus dem offenen Fenster: «Fahre!» Die Aufforderung galt vermutlich den beiden Mädels neben mir, die ebenfalls auf ihren Fahrrädern warteten und gleichzeitig mit ihren Handys beschäftigt waren. Zu dritt blockierten wir die ganze Fahrbahn. Solange wir nicht fuhren, hatte der Ungeduldige im Auto keine Chance fortzukommen. Trotzdem nervte die ungeduldig-agressive Art des Autofahrers, zumal ja erst orange war. Was hatte der uns auf so nonchalante Art rumzukommandieren? Schliesslich haben die Radfahrer an der Ampel Vorfahrt. Aber ich zeige auf der Strasse keinen Mittelfingern, ich denke ihn mir nur. Mit erhobenem Mittelfinger im Kopf hielt ich an der nächsten Ampel, die für die Fahrräder wieder rot war. Trotzdem zogen drei Velofahrer mit einem Affenzahn an mir vorbei, als ob sie farbenblind oder auf der Flucht wären. Ich schüttelte den Kopf mitsamt dem erhobenen Mittelfinger drin. Diese Ungeduld! Alles muss immer schnell gehen! Dafür wird gern auch Kopf und Kragen riskiert. Zum Glück, so tröstete ich mich, als die Ampel auf Grün sprang und ich weiterfahren konnte, gibt es im Leben noch Dinge, die sich diesem Geschwindigkeitswahn widersetzen. Ein Baby bleibt 40 Wochen lang im Mutterleib, bis es auf die Welt kommt, ein Hefeteig lässt sich nicht zur Eile antreiben und wer hat schon je eine Kuh gesehen, die sich beim Widerkäuen aus der Ruhe bringen lässt? Ja, die Natur, die lässt sich nicht zur Eile antreiben.

Und dann das: Zwetschgen Mitte Juli! Heute standen sie in einer Schale vor mir. Die Kirschen noch am Baum – schon sind die Zwetschgen da. Also daran, dass man im Dezember im Laden Erdbeeren bekommt, daran habe ich mich gewöhnt. Die kommen aus Treibhäusern aus aller Herren Länder und werden hierher geflogen. Aber diese Zwetschgen waren vom Bauern und frisch vom Baum. Wir assen sie unter dem Kirschbaum, der immer noch voll behangen war. Dabei waren heuer ja schon die Kirschen früh. Was war nur in diese Zwetschgen gefahren? Sie waren klein aber ausgesprochen gut. Wir griffen wacker zu und assen das Schälchen schnell leer. Schliesslich mussten wir jeden Augenblick damit rechnen, dass die Pilze zwischen unseren Füssen aus dem Boden schossen.

Geistiger Zerfall im Stall

Ich finde, es ist wieder einmal Zeit für eine Kuh-Geschichte. Diese hier liegt schon lange auf meinem Desktop und fand heute Morgen einen vielleicht etwas abrupten Schluss. Aber lest selbst:

Eigentlich war der IQ eine Sie, eine Ikuh. Doch weil ein weibliches Tier, wie der Bauer glaubte, nicht so intelligent sein konnte, wie es die Ikuh war, nannte er sie „der Ikuh“. Und so war das Leben der Ikuh gewissermassen eine Hosenrolle. Sie musste neben dem Bullen im Stall stehen und war demzufolge mehr oder weniger dauerträchtig. Viele kleine Ikühchen und Ibüllchen kamen zur Welt. Die Ikuh war glücklich, denn ihr Nachwuchs war – im Gegensatz zum Bullen – hochintelligent. Sie besorgte sich im Dorf eine Wandtafel mit Kreide, einen Rubric-Würfel und einen Zählrahmen. Tagsüber verzog sie sich mit ihren Kindern auf die entfernteste Ecke der Weide und erteilte ihnen Unterricht. Schon bald lösten sie Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Logicals oder experimentierten mit Gräsern, Wasser und was sie sonst so auf der Weide fanden. Abends vor dem Schlafengehen trugen sie sich zum Spass im Dunkeln gegenseitig Algebra-Aufgaben auf. Die Ikuh hatte allen Grund, auf ihre Kleinen stolz zu sein.
Nur der Bulle, dem wollte das gar nicht passen. Er war nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen, das wusste er. Aber er war schlau genug um zu merken, dass in seiner Familie etwas vorging, von dem er nicht Teil war. Und das nagte an ihm. Die Ikuh realisierte sofort, was mit dem Bullen nicht stimmte. Sie war ja nicht umsonst eine Ikuh. Sie ermahnte die Kinder, sich ihre Intelligenz nicht anmerken zu lassen, nicht vor dem Bullen und erst recht nicht, wenn der Bauer vorbeikam. Die Ikühchen und –büllchen hielten sich daran, so gut es ging.

Eines Tages, der Bauer war gerade bei der Ikuh-Familie, um die Ikuh zu melken, da vergass eines der Ikühchen seinen Rubrikwürfel im Heu. Der Bauer hob den Würfel auf und betrachtete ihn misstrauisch von allen Seiten, hatte er sowas doch noch nie gesehen. Wortlos steckte er das bunte eckige Ding in seine Jackentasche. Am nächsten Tag kehrte er mit einer Mistgabel zurück und mistete den ganzen Stall gründlich aus. Er fand die Wandtafel, konfiszierte ein Paket Kreide und den Zählrahmen. Der Bauer und der Bulle freuten sich, weil sie nähmlich der Ikuh und ihren Jungen auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung machen konnten.

Und die Moral von der Geschicht? Wer «nämlich» mit «h» schreibt, ist dämlich!

Das Erfolgsrezept

Am Sonntag gewann England gegen Panama 6:1. Panama ist somit aus der WM ausgeschieden. Doch die Panamaer feierten. Sie freuten sich über alle Massen über ihr erstes WM-Tor aller Zeiten. Ihr Jubel war grenzenlos.

Ich bewundere die Panamaer. Sie haben offensichtlich wenig erwartet und so war ihr erstes WM-Tor ein Triumph, den sie so richtig auskosten konnten. Definiert man Optimismus damit, dass das Glas halb voll ist, so war das Glas der Panamaer bestenfalls «bödelet». Trotzdem freuten sie sich, als wäre es randvoll. Die Engländer freuten sich natürlich auch über ihr 6:1 – immerhin hatte ihre Mannschaft damit ihren klarsten WM-Sieg aller Zeiten errungen und es war bisher der deutlichste Sieg dieser WM. Ihr Glas war gewissermassen randvoll und darüber sollte man sich auf jeden Fall freuen. Aber eben, von den Engländern erwartet man ja, dass sie gut spielen – gegen einen Neuling wie Panama sowieso.

Die Wahrnehmung von Erfolg hat also mehr mit Erwartungen und individuellen Zielen als mit absoluten Werten zu tun. Wer nichts oder wenig erwartet, kann jeden Tag Erfolge verbuchen. Aber Achtung: Auch Nicht-Erwartungen müssen irgendwie in einem realistischen Rahmen sein. Es macht mich nicht glücklich, wenn ich heute keinen Anruf von einem Buchverlag erwarte, keine zufällige Begegnung mit Yotam Ottolenghi und auch nicht, dass sich ein Eisvogel auf mein Fenstersims setzt. Wenn ich aber auf keinen Sitzplatz in der S-Bahn hoffe, nicht damit rechne, dass den Pendlern im HB essbare Werbe-Müsterli verteilt werden oder jemand Kuchen ins Büro bringt – dann habe ich eine echte Chance, einen oder gar mehrere Erfolge zu verbuchen.

Wer seine Erwartungen zu hoch hält, geht zwangsläufig als Verlierer durchs Leben. Das zeigte vor einem Monat die Rückkehr des Schweizer Eishockey-Teams aus Schweden. Es hatte Gold erwartet und kam mit Silber und langen Gesichtern nach Hause. Das sei doch Jammern auf hohem Niveau, fand ich. «Die haben aber auch gekämpft», wandte meine Arbeitskollegin ein. Stimmt, aber die Panamaer auch, konterte ich. Man muss also auch etwas für seinen Erfolg tun. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», sagte schon Goethe. Hätten sich die Panamaer nicht bemüht, hätten böse Zungen sagen können, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn fände.

Wie also lautet das optimale Erfolgsrezept: Ist es die in «Glücks-Büchern» so oft zitierte Selffulfilling Prophecy? Schuster bleib bei deinen Leisten? Hope for the best and be prepared for the worst? Das Glas ist halb voll? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn? Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen? Wie auch immer. Für mich sind die Panamaer schon jetzt die wahren Gewinner dieser WM.

In dringender Mission

Wann hat es eigentlich damit angefangen, dass die Leute im Zug auf halber Strecke schon wieder aufstehen und sich von den Türen bis in die Flure anstellen, um möglichst schnell wieder aus dem Zug auszusteigen? Früher musste man nur beim Einsteigen um seinen Platz kämpfen. Wenn man einen hatte, also eigentlich immer, erfreute man sich dessen so lange wie möglich und stand erst auf, wann der Zug schon in den Bahnhof einfuhr. Heute stehen die Ersten auf, sobald der nächste Halt angesagt wird und das ist in der Regel bevor der Zug überhaupt in den Ort einfährt und lange bevor der Bahnhof in Sicht kommt. So kommt es, dass der ganze Flur jeweils schon vollgestellt ist, bevor man «Papp» sagen kann. Oft hat man in den letzten Fahrminuten schon die Rucksäcke und Handtaschen der aufgestandenen Passagiere im Gesicht. Ihre Hände krallen sich in die Griffe an den Hinterköpfen der Sitzenden oder sie halten sich an den Gepäcksablagen über deren Köpfen fest. Wann dann der Zug in den Bahnhof einfährt, muss man sich von seinem Abteil mühsam in den Flur drängen. Kurz, beim Aussteigen herrscht das gleiche Gerangel wie beim Einsteigen. Das Gleiche gilt übrigens im Flugzeug. Da habe ich also auch schon erlebt, dass einer, der neben mir am Fenster sass, sich beim Aussteigen an mir am Gangsitz vorbeigedrückt hat, notabene als das Anschnallen-Zeichen über unseren Köpfen noch an war. Ich hatte dem Reflex, ihn in den Hintern zu beissen nur mit voller Körperbeherrschung widerstanden. Und das war gut, denn wir standen später bei der Gepäcksausgabe wieder nebeneinander und warteten mehr oder weniger ungeduldig auf unsere Koffer.

Mich nervt diese ungeduldige Zwängerei. Was treibt diese Leute so an? Es würde mir extrem helfen, wenn ich wüsste, dass sie dafür einen wichtigen Grund haben. Zum Beispiel dass sie vergessen haben, den Herd abzuschalten und möglichst schnell nach Hause müssen, um einen Flächenbrand zu verhindern; dass sie spät dran sind, um ihren Friedensnobelpreis abzuholen; dass sie ihre Ehe, eine Katze vom Baum, das Klima, die Weltmeere, den Eisvogel oder sonst irgendetwas retten müssten. Wenn das so wäre, wäre ich die letzte, die ihnen im Weg stehen würde. Dann würde ich gelassen sagen: «Nach Ihnen». Endlich zu Hause angekommen, würde ich mich dann, im Gegensatz zu allen anderen, gemütlich mit einer Tüte Chips vor den Fernseher setzen.

Das Reisebüro für Antiferien

Als ich am Sonntag mit dem Fahrrad unterwegs war und mir an der Thur und am Rhein ein ruhiges idyllisches Plätzchen suchte, war ich chancenlos. Überall waren Leute, alle suchten sie Erholung in der Natur: Brätle und Bädele mit seinen Lieben, das ist des Schweizers Lust. Kreischende Kinder, wummernde Bässe aus irgendwelchen Musikverstärkern (Yeah, der Ghettoblaster ist zurück!), kläffende Hunde, Rauch und Grillfleisch. Ich fuhr einfach zu und fand am Schluss zu Hause auf meinem Balkon im Liegestuhl meine Ruhe. Alle wissen, wo’s schön ist, alle haben am Wochenende frei, alle haben das gleiche Wetter, das gleiche Bedürfnis, in etwa die gleichen finanziellen Möglichkeiten. Am schlimmsten sind die Orte, wo man mit dem Auto gut hinkommt – und in der kleinräumigen Schweiz ist das fast überall.

Eigentlich, so dachte ich in meinem Liegestuhl, müsste man in dieser überbevölkerten Welt viel antizyklischer leben. Wenn man berufstätig ist, kann man ja schlecht unter der Woche etwas Schönes an einem idyllischen Ort unternehmen. Aber warum fährt man am Wochenende nicht irgendwo hin, wo’s hässlich ist und unternimmt etwas, das überhaupt keinen Spass macht? Zum Beispiel könnte man bei schönem Wetter in ein Industriequartier fahren und dort in irgendeinem Grossmarkt den ganzen Tag lang staubsaugen. Oder man setzt sich bei Regen einen Sonntag lang an eine Autobahn, isst zum Picknick Fenchel und Kutteln aus dem Tupperware und sieht sich am Abend am Fernsehen ein Formel 1 Rennen an. Man könnte einen Samstag lang in einer Bahnhofsunterführung, wo es nach Pisse riecht, im Schein einer Neonröhre Hemden bügeln. Oder man lädt seine ärgsten Feinde zum Lösen von Algebraaufgaben unter der Zürcher Hardbrücke ein. Und wer es ganz doll mag, macht am freien Sonntag die Steuererklärung am Rande des Klärbeckens einer Abwasserreinigungsanlage. Das gleiche Prinzip liesse sich für Ferien anwenden: Warum nicht mal eine Woche lang in einer Mietskaserne in Schwammendingen in der Flugschneise hausen, sich in einem Häuschen unter einem Strommasten und mit Blick aufs Kernkraftwerk Gösgen einmieten oder in einem der orangen Wohnblöcke an den Gleisen beim Bahnhof Bern? Hässliche Orte gibt’s überall genug. Und auch an Dingen, die keinen Spass machen, besteht kein Mangel.

Solche Antiweekends und Antiferien hätten bestechende Vorteile: Man hätte alles für sich, da niemand sonst dorthin wollte respektive alle bei der erstbesten Möglichkeit genau dem entfliehen würden. Zudem müsste man keine langen Wege auf sich nehmen, denn das Hässliche liegt so nah. Dementsprechend tief wären die Preise und zu guter Letzt würde man sich nach einem Antiweekend oder nach Antiferien wieder extrem auf den Alltag freuen. Eine Win-Win-Situation, also. Im Geiste habe ich am Sonntag in meinem Liegestuhl schon den Businessplan gemacht für mein Reisebüro für Antiferien. Ob mein Geschäft von Erfolg gekrönt wäre, sei dahingestellt. Sicher aber ist, dass bei zu viel Ruhe auch mal die Fantasie mit mir durchgeht.