Kinder holen

Als ich gestern im Coop meine sieben Artikel bezahlen wollte, waren nur zwei Kassen offen und die Warteschlangen lang. Endlich ging noch eine zusätzliche Kasse auf. Ich steuerte auf die neue Schlange zu, die sich in Windeseile formte. Vor mir huschte wie ein Wiesel noch eine junge Frau rein. Sie war am Telefonieren und hielt zwei Tafeln Schokolade in der Hand. Aslo dachte ich, naja, das war jetzt zwar nicht die feine Art sich noch vor mir reinzudrücken, aber sie hat ja fast nichts. Zwei Minuten später kam jedoch ihre Kollegin mit einem voll bepackten Wagen um die Ecke. Die jungen Frau vor mir winkte sie heran und sagte zu ihr: „Komm, kannst hier rein!“ Das fand ich nun erst recht nicht die feine Art und so beschwerte ich mich lauthals bei der jungen Frau vor mir. Die Antwort war dann: „Sorry, aber ich muss die Kinder holen!“ Aha, dachte ich. Wieder einmal die Masche. Gegen Kinder darf man und vor allem frau nicht sein, denn Kinder sind unsere Zukunft. Schon hatte ich auf der Zunge, ihre Kinder interessierten mich einen Scheiss und meine Uroma liege schliesslich auch im Sterben. Aber erstens fand ich das meiner Uroma gegenüber unfair, die ich noch nicht mal gekannt hatte und die vor über 40 Jahren gestorben ist, und zweitens begann ich mir nun wirklich auszumalen, was denn passieren könnte, wenn diese junge Mutter zu spät zu ihren Kindern kam. Einsam und verlassen würden die lieben Kleinen dastehen. Vielleicht hätten sie hinterher ein Trauma, Verlustängste, und müssten jahrelang in Psychotherapie. Diese Therapie würde so viel kosten, dass die ganze Familie in die Armut getrieben würde – erst recht, nachdem jetzt die Familieninitiative abgehlehnt worden ist. Oder noch schlimmer: Die wartenden Kinder würden gekidnappt und von einem Psychopathen jahrelang in einem dunklen Kellerloch gefangen gehalten und gepeinigt werden. Nein, diese Verantwortung wollte und konnte ich nicht übernehmen. Also verkniff ich mir eine Bemerkung und liess die Frau gewähren.

Es ging noch eine ganze Weile, bis ich an die Reihe kam und so vertieb ich mir die Zeit damit, den Inhalt des Einkaufswagens von der gestressten Mutter anzuschauen. Da lagen überzuckerte Fruchtjoghurts neben Schokoriegeln und Süssgetränken. Mir wurde klar, dass es mir zwar soeben gelungen war, die Kinder der jungen Frau vor einem psychischen Trauma und einer langjährigen Gefangenschaft in einem dunklen Kellerloch zu retten. Gegen Fehlernährung und die gesundheitlichen Folgen wie Fettleibigkeit und Herzkreislaufprobleme war ich jedoch machtlos. Denn, zwar wird von jedermann und vor allem jederfrau Verständnis für gestresste Mütter erwartet. Die Mutter, die sich von Wildfremden punkto Erziehung und Ernährung reinreden lässt, muss aber noch erfunden werden.

Advertisements

3 Gedanken zu “Kinder holen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s