Umsteigen

Sie stehen auf Plattformen, Perrons und an Haltestellen: Jene, die einsteigen wollen. Sie drängen sich vor den Eingangstüren von Zügen, Bussen und Trams mit Taschen, Koffern, Mappen und Rucksäcken. Vor allem aber mit angespannten Kiefern und starrem Blick bauen sie sich vor den Eingängen auf, die ja auch Ausgänge sind für jene, die aussteigen. Leider aber können jene, die einsteigen wollen erst einsteigen, wenn jene, die aussteigen wollen vorher ausgestiegen sind, weil sie sonst gar keinen Platz haben, um mitzufahren. Und so machen sie unwillig mehr oder eher weniger Platz vor der Tür, die Nerven zum Zerreissen gespannt, um den Moment nicht zu verpassen, in dem der Letzte, der aussteigen wollte, ausgestiegen ist und sie, die ja einsteigen wollen, endlich einsteigen können.

Dabei könnten jene, die aussteigen, jenen die einsteigen wollen, ein Lied davon singen, was es heisst, an Bord zu sein und mitzufahren. Nun gut, zuerst war da die Euphorie, dass sie an Bord waren, dass sie sich einen Platz erobert und das Gepäck verstaut hatten, und dass sie sogar im richtigen Fahrzeug sassen. Da war die Genugtuung darüber, dass sie schnell und bequem an den gewünschten Zielort befördert würden. Doch spätestens dann, als der Bus die erste Vollbremsung machte, die Bahn mitten auf der Strecke still stand oder das Tram wegen eines Streckenunterbruchs umgeleitet wurde, wich diese Genugtuung einem Unbehagen. Das Unbehagen darüber, dass sie nicht selbst am Steuer sassen sondern nur mitfuhren und weder über die Richtung noch über das Tempo ihrer Reise entscheiden konnten. Und zu guter letzt konnten sie an Bord meist auch ihren Sitznachbarn nicht auswählen. So kann es vor, dass sie während der ganzen Fahrt irgendwelches Geschepper aus Kopfhörern mitanhören mussten, oder der Nachbar zog im 10-Sekunden-Takt die Nase hoch, oder die Frau vis-à-vis machte am Handy mit ihrem Freund Schluss oder einer schräg gegenüber verschlang ein Happy-Meal von McDonalds.

Und so kommt es, dass jene, die an Bord waren, nichts lieber wollen als wieder aussteigen. Darum gaben sie ihre hart erkämpften Plätze schon Minuten bevor ihr Fahrzeug an ihrem Zielort ankam frei und standen in den Gängen. Und wie nun die Türe aufgeht, sind ihre Kiefer genauso verspannt, die Augen genauso starr und ihre Körperhaltung ebenso kompromisslos wie bei denen, die einsteigen wollen.

So stehen sie sich stumm und verbissen gegenüber; jene, die einsteigen und jene, die aussteigen. Es ist ein magischer Moment, dieses unfreiwillige Innehalten beim Umsteigen. Ein Moment, der alle Möglichkeiten offen lässt, wäre da nicht die grosse Angst, den Anschluss zu verpassen.

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Ein Gedanke zu “Umsteigen

  1. Elisabeth Klinger schreibt:

    Toller Beitrag exakt so läuft es. Beim Ein-und Umsteigen ist es wichtig, den richtigen Reisepartner bei sich zu haben. Was auch immer kommt – mit meiner Schwägerin finde ich immer einen Sitzplatz.

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