Der optimale Mittwochmorgenspaziergang

Am Mittwoch war ich mit meiner Schwester, wie immer, spazieren. Wir pflegen uns so zwischen 8.30 und 8.45 Uhr zu treffen. Spätestens um 10.45 Uhr muss ich wieder los zu meinem nächsten Termin. Jeweils am Dienstagabend telefonieren wir kurz, um zu besprechen, ob wir – wie wir es scherzhaft zu nennen pflegen – „zu dir oder zu mir“ gehen. Diesen Dienstag haben wir vereinbart, dass wir uns fortan abwechseln. Meine Schwester fand, das erspare uns jeweils die Diskussion, zu wem wir nun wieder gingen.

Auf unserem letzten Spaziergang beklagte ich mich über meine Arbeit. In der Firma, in der ich arbeite, seien viele Abläufe chaotisch, ja praktisch nicht existent. Meine Schwester, die als Lehrerin einen ganz anderen Alltag hat als ich, wollte, dass ich ihr das genauer erläutere. Und das tat ich dann ausführlich am theoretischen Beispiel unseres Mittwochmorgenspaziergangs:

In der Firma, in der ich arbeite, würde man offiziell jeweils mittwochs zwischen 8.30 und 10.30 Uhr zu zweit spazieren gehen. Das wäre einmal an einer Sitzung abgemacht worden. Leider gäbe es nichts Schriftliches, da Protokolle aus der Mode gekommen sind. So weit so gut. Die Abmachung wäre ja schliesslich von erwachsenen und mündigen Menschen gemacht worden und somit verbindlich. Würde man meinen, denn in der Firma, in der ich arbeite, würde man trotzdem jeden Dienstag kurz vor Büroschluss damit anfangen, E-Mails (mit CC an alle Vorgesetzten und Spaziergangfachleute) zu verschicken. Darin würde man diskutieren, ob man wirklich nur zu zweit spazieren gehen solle oder nicht doch besser noch den Meier und die Huber dazu nehme, denn Huber sei spezialisiert auf das Lesen von Karten und Meier könne als Botaniker die blühenden Schönheiten am Wegesrand zeigen und erklären. Dann würde sich die Frage stellen, ob man denn spazieren müsse oder ob man nicht besser Rad fahren, rollerbladen oder joggen sollte, denn das würde den Kreislauf doch mehr in Schwung bringen und die Fettverbrennung gegenüber einfachem Spazieren massiv verbessern. Statt nur „zu dir oder zu mir“ würden noch zahlreiche andere geographische Optionen diskutiert. Es würden Zug- und Busverbindungen verglichen, Höhenmeter und Leistungskilometer errechnet und auch landschaftliche Schönheiten und Panorama-Ausblicke würden in die Waagschale geworfen. Letztlich würde auch die Dauer des Spaziergangs in Frage gestellt und ob nicht der Donnerstagnachmittag besser passen würde als der Mittwochmorgen.

So eifrig alle mitdiskutieren würden, so zurückhaltend wären sie dabei, eine Entscheidung zu treffen. Denn man pflegt als modernes Unternehmen eine flache Hierarchie und niemand hat so richtig Lust, Verantwortung für einen Entscheid zu übernehmen, der möglicherweise nicht allen passt. Und so würde sich die Diskussion immer weiter weg von der Sache und hin zur Organisation, zu Kompetenzen und Abläufen verlagern. Am Schluss hätten alle Beteiligten des Projekts „Mittwochmorgenspaziergang“ so zwischen 48 und 57 E-Mails in ihrer Mailbox. Der Ton in den elektronischen Nachrichten hätte sich im Laufe des Briefwechsels verschärft, da die Zeit ja immer weiter fortgeschritten wäre und man endlich zu einem Resultat kommen wollte. Schliesslich ging es ja nur um einen Spaziergang, nicht mehr und nicht weniger.

Inzwischen wäre der Mittwochmorgen längst verstrichen, ohne dass irgendjemand mit irgendwem irgendwo irgendetwas unternommen hätte. Das hätte die beiden Spaziergängerinnen nun wieder so sauer gemacht, dass sie das Ganze hätten eskalieren lassen. Der Abteilungsleiter hätte sich eingeschaltet und der Mittwochmorgenspaziergang wäre nochmals offiziell grundsätzlich hinterfragt und nach mehreren Workshops mit externen Beratern neu lanciert worden. Schliesslich wäre aus dem Mittwochmorgenspaziergang ein 50-minütiger Work-Out jeweils über Freitagmittag geworden, zu dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Zugang hätten. Für die Anmeldung wäre in der IT eigens ein Online-Tool programmiert und für die Zahlung der Kurskosten in der Abteilung Finances ein hochkomplexes System entwickelt worden. Denn der Work-Out würde natürlich von einer diplomierten Fitnesstrainerin angeleitet, die entlöhnt würde.

Ich hatte mich mit meinem Gleichnis des Mittwochmorgenspaziergangs so richtig in Fahrt geredet und unter uns gesagt vielleicht auch ein bisschen übertrieben. Als ich endlich meinen Kropf geleert hatte und Mitleid erheischend zu meiner Schwester blickte, zuckte diese nur mit den Schultern und meinte lakonisch, dass es bei ihr in der Familie nicht gross anders sei, wenn sie die Wochenenden planten. Wir gingen ein Weilchen schweigend nebeneinander her. Und beide lobten wir uns wohl im Stillen unseren Mittwochmorgenspaziergang.

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