Vergebene Liebesmüh

Erst mal vielen Dank für eure eingesandten Wörter. Das waren: dementsprechend, Berner Mutzen, Rettungsschwimmer, Wagnis, zeitnah, Knoblauchpresse, Eierschneider, schmürzelig. Hier nun meine Geschichte…

Remo stand in der Küche und dementsprechend unter Druck. Denn für gewöhnlich kochte er nicht, er wärmte nur. Hätte es den Convenient-Food nicht schon gegeben, so hätte Remo ihn erfinden müssen. Er wusste genau, wie man Beutel-Tortelloni möglichst rasch warm kriegte, welche Fertig-Arrabiata-Sauce am besten schmeckte und wie er gefrorene Flammkuchen mit Champignons aus der Dose anreichern konnte. Remo hatte Monika eigentlich nicht zu sich nach Hause einladen wollen und schon gar nicht zum Essen. Aber irgendwie kam beim letzten Training am Mittwochabend das Gespräch auf Berner Mutzen. Als Neuzuzüger hatte Remo natürlich keine Ahnung, was das war. Und so hatten die anderen Rettungsschwimmer ein riesen Hallo um diese Berner Mutzen gemacht und so geheimnisvoll getan. Sehr witzig war das, nur Remo kam sich dabei ziemlich doof vor. Da er während des Schwimmtrainings sein Smartphone natürlich nicht dabei hatte, konnte er den Begriff auch nicht googeln. Monika hatte an diesem einseitigen Ratespiel besonderen Spass gehabt und schaffte es, das Ganze in eine Art Wette umzumünzen: Ein Nachtessen von Remo für sie gegen einen Berner Mutz. Und so kam es, dass Remo unter Gruppenzwang ein Zugeständnis machte, das er im Nachhinein bereute. Da Monika bald in die Ferien fahren würde, müsse der Austausch Berner Mutz gegen Nachtessen zeitnah stattfinden, forderte sie. An diesem Abend war es nun so weit.

Inzwischen hatte Remo eine Ahnung, was es mit dem Berner Mutz auf sich haben könnte. Allerdings hatte das Wort gemäss Google mehrere Bedeutungen. Es war eine Berner Männertracht, konnte aber auch ein Spieler des Berner Eishockey Clubs (SCB) sein oder ein Doppelstöckerzug der Bern Lötschberg Simplonbahn (BLS). Auch ein Jodelchörli in der Gemeinde Stettlen nannte sich „Berner Mutzen“. Remo rechnete nicht damit, dass Monika mit einem Jodler oder einem Doppelstöckerzug bei ihm aufkreuzen würde. Blieben also noch der SCB-Spieler oder die Männertracht, wobei Remo der SCB-Spieler fast lieber gewesen wäre. Dann würde er wenigstens den Abend nicht mit Monika allein verbringen müssen. Aber er hatte sich nun mal auf dieses Wagnis eingelassen und musste die Dinge nehmen wie sie kamen.

Remo hatte bereits Salat gewaschen, die Fertigsauce stand schon neben der Schüssel. Was diese Monika wohl von ihm wollte? Hatte sie nicht einen Freund? Ausserdem war sie doch sicher älter als er. Remo nahm die Pfanne mit dem Pudding für die Caramelköpfli vom Herd und goss den Inhalt in die Silikonförmchen. Als Hauptgang gab es Tortelloni aus dem Beutel mit Pestosauce aus dem Glas. Und überhaupt war Monika nicht sein Typ. Die war ihm viel zu schlagfertig und direkt. Remo bevorzugte schüchterne Frauen, die ausserdem zierlich waren. Monika glich eher einem Schlachtross. Er zog die Besteckschublade auf. Jedesmal klemmte diese wegen der unförmigen Knoblauchpresse. Remo knurrte, dabei benutzte er die Knoblauchpresse höchstens zweimal im Jahr wenn er Fondue wärmte. Er begann, den Tisch zu decken. Und dann diese hässlichen Tatoos. Monikas Arme und Rücken waren übersäht davon. Remo wühlte in der unteren Küchenschublade auf der Suche nach Servietten. Da lag noch so ein Plastikding mit Saiten. Ein Eierschneider, zum Tranchieren von hart gesottenen Eiern. Seine Mama hatte ihm den mal geschenkt, doch Remo hatte ihn noch nie benutzt.

Da klingelte es unten an der Haustür. Remo drückte auf den Summer und öffnete seine Wohnungstür. Während er auf Monika wartete, warf er einen letzten Kontrollblick zurück in die Küche – alles im Griff. Langsam wurden die stampfenden Schritte und der keuchende Atem im Treppenhaus lauter. Und da kamen sie: Monika gefolgt von einem menschlichen Wandschrank. Er hiess Tinu und trug ein gelbes Shirt mit dem Emblem des SC Bern. „Da hast du deinen Berner Mutz!“ begrüsste Monika Remo und streckte ihm die Hand entgegen. „Keine Sorge, der hat schon gegessen.“ Remo grinste verlegen und streckte Tinu seine Hand hin, die in der Pranke des Eishockey-Stürmers fast verschwand. „Kommt herein.“

Der Abend mit Monika und Tinu verlief ganz unterhaltsam. Remo hatte noch einen dritten Teller aufgetischt und sie hatten zusammen gegessen, obwohl die Portionen für drei etwas schmürzelig waren. Monika war ungewöhnlich still und hing den ganzen Abend wie gebannt an den Lippen ihres neuen Freundes Tinu. Neben dem Eishockey-Spieler wirkte sie auch gar nicht mehr so grobschlächtig. Remo war während des Essens klar geworden, dass ihm Monika nicht nachstellte. Sie wollte einfach ihren Freund Tinu präsentieren, auf den sie offensichtlich mächtig stolz war. Und Tinu schien sich in seiner Rolle sichtlich wohl zu fühlen. Auch Remo entspannte sich im Laufe des Abends. Obwohl, wenn er ganz ehrlich mit sich war, und nur dann, fand er es nun doch ein bisschen schade, dass Monika so gar nichts von ihm wollte und den Berner Mutz ihm, dem Rettungsschwimmer, trotz seiner Kochkünste vorzog.

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