Aufräumen

Gestern habe ich wieder einmal meinen Schreibtisch aufgeräumt. Ganz fertig bin ich allerdings noch nicht. Ein kleines Häufchen ist übrig geblieben. Und in etwa so setzt sich dieses zusammen:

Ein Prospekt vom Kiental (ein wunderbarer Ort, da gehe ich bestimmt wieder einmal hin), der Schiffahrtsfahrplan für den Thuner- und Brienzersee (gerne würde ich mal mit dem Frühstücksschiff fahren), das Programm für die Wintersaison von einer Berner Kleinbühne (da wollte ich mir schon lange wieder einmal etwas ansehen), ein Mini-Reise-Nähset aus dem letzten Hotel (kann man immer mal brauchen), eine Visitenkarte von einer Reisebekanntschaft (irgendwann möchte ich dieser Frau mal schreiben), eine Karte, die ich jemandem schicken wollte und nie zur Post gebracht habe (die Vorderseite ist so witzig, ich könnte die Karte irgendwo in meiner Wohnung aufstellen oder aufhängen), Notizen für eine Kurzgeschichte (vielleicht schreibe ich die ja irgendwann), ein Gutschein vom Schild (bis Ende Dezember gehe ich da sicher mal hin und kaufe mir was zum Anziehen),  die neue Versicherungspolice meiner Krankenkasse (ich muss mir noch einen Ordner für die Ablage der Unterlagen für 2017 kaufen), ein medizinischer Fachartikel über Spreizfüsse (den werde ich mal in einer Mussestunde lesen, aber im Moment sind die Fussbeschwerden ja nicht so doll), ein Vorteilcoupon von der Migros mit 25-fachen Kumuluspunkten, der noch bis am 17. Oktober gültig… (oh schade, der muss weg), eine Plastiktüte mit dem aufgedruckten Datum der nächsten Kleidersammlung (ich wollte schon längst mal meinen Kleiderschrank ausmisten), ein Post-it-Blöckli, das mir der Samariterverein neulich beim Einkaufen als „kleines Geschenk“ förmlich aufgezwungen hat (Post-its kann man doch immer brauchen)…

Und so geht das weiter. Ja, kann man vielleicht alles noch brauchen, weil man etwas sparen, erleben, wieder aufleben lassen, verschenken, verschönern, vertiefen, verbessern oder erschaffen will. Wenn ich das jetzt alles einfach wegwerfen würde, dann wären ja auch all diese hehren Ziele und Vorsätze im Eimer. Während ich das Häufchen so hin und her schiebe und nochmals durchschaue und wieder hin- und herschiebe, wird mir klar, dass es genau das ist, was mir am Aufräumen so stinkt. Beim Aufräumen werde ich immer an all die Träume, Ziele und Möglichkeiten erinnert, die ich (noch) nicht umgesetzt habe. Und dann setze ich mich so unter Druck, weil ich mit dem Ziel aufzuräumen, zack entscheiden muss, welche dieser Ziele ich jetzt begrabe respektive in den Müll kippe und welche nicht.

Dabei kann ich doch eigentlich froh sein, dass ich so ein Häufchen habe. Man stelle sich mal vor man räumt auf und es bleibt kein Häufchen zurück – nicht einmal ein Flyer vom nächsten Pizza-Take-Away. Da kann man sich doch gleich mit in die Tonne schmeissen! Da hat man ja gar keine Ziele und Träume mehr. Oder anders gesagt: Im Grunde ist so ein Häufchen ein Symbol der Lebendigkeit, Aufräumen hingegen Selbstmord auf Raten.

Nach diesen tiefschürfenden Überlegungen habe ich mich für das Leben entschieden. Das Häufchen darf  bleiben. Und wer weiss, wenn ich es lange genug hege und immer wieder mal umgrabe und -schichte, wird daraus irgendwann wertvoller Kompost, auf dem wieder neues Leben entstehen kann.

 

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2 Gedanken zu “Aufräumen

  1. Denise Zintzmeyer schreibt:

    Die Auflistung entspricht vollumfänglich meiner Pendenzen-Schublade, es fehlen lediglich noch die Kochrezepte aus der Coop-Zeitung, die Zeichnungen meiner Nichte, mit der Absicht dafür einmal einen Rahmen zu besorgen, eine Auswertung eines Psychotests (bin ich der rote, gelbe, grüne oder blaue Typ), Vitamintabletten und Garantiescheine für irgendwelche Geräte sowie die Notizen vom letzten Lesezirkel welche Bücher ich lesen möchte! Freuen wir uns also auf alles was kommt….

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  2. Elisabeth Klinger schreibt:

    Ausgezeichnet geschrieben. Dummerweise hat mein Mann den Artikel auch gelesen, er war Balsam für ihn. Alle Kleidudngsstücke werden aufgehoben man weiss ja nie!! Weggeben schränkt die Wahlmöglichkeit ein.

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