Der Antiklimax

Einmal pro Woche gehe ich am Morgen früh ins Yoga. Darauf bin ich recht stolz, da frühes Aufstehen nicht so mein Ding ist und Sport am Morgen eigentlich auch nicht. Aber das ist ja Yoga, da geht’s um mehr als Sport. Da geht’s auch um Atmung und Mentales, ein Lebensgefühl sozusagen. Und ich gehe da eigentlich ganz gerne hin.

Jedenfalls finde ich mich jeweils kurz vor 7.10 Uhr auf meiner Yogamatte ein und versuche eine Stunde lang alle möglichen Verrenkungen mitzumachen, auch wenn ich mir oft nicht vorstellen kann, dass mein Körper das mitmacht. Zum Glück findet man sich zwischendurch immer mal wieder im „Down facing dog“, und den kann ich.  So gegen Ende der Lektion machen wir jeweils eine Kopfüber-Übung. Das heisst für  die leistungsorientierten Herren vor mir: Kopfstand – natürlich frei und nicht gegen die Wand. Und während die ihre krummen dünnen Beinchen in die Luft strecken, mache ich in der hinteren Reihe den Schulterstand, was wir früher in der Primarschule „s Cherzli“ nannten. Zuletzt kommt die „Schavan asana“, bei der man einfach alle Viere von sich gestreckt auf dem Rücken liegt und entspannt. Das ist der Moment auf den ich mich immer freue, denn Yoga entspannt mich wirklich und ich fühle mich in diesem Moment sehr gut. Nach der „Schavan asana“ setzt man sich wieder in den Schneidersitz, schliesst die Hände vor der Brust und murmelt das Yoga-Amen „Namaste“. Da bewege ich jeweils nur die Lippen, weil mir das etwas komisch vorkommt. Ich bin ja beim Sport und nicht in der Kirche.

Ja und dann kommt’s. Dann kommt das letzte Ritual der Yoga-Stunde. Das garstigste, niederste und entwürdigendste, das man sich vorstellen kann. Dann müssen wir zum Abschluss unsere Yogamatte putzen, mit lindengrünen Waschlappen, von denen keiner weiss ob und wann die jemals eine Waschmaschine von innen gesehen haben. Zuerst kommt so ein Spray auf die Matte und dann wird mit dem lindengrünen Waschlappen darüber gefahren. Die noch leicht feuchte Matte rollt man dann zusammen und legt sie ins Regal zurück.

Abgesehen davon, dass ich an der reinigenden Wirkung dieser Prozedur zweifle, fühle ich jedes Mal, wie meine eben mühsam erarbeitete Gelassenheit wieder um die Hälfte zusammenschrumpft. Denn Putzen am frühen Morgen ist definitiv nicht mein Ding.

 

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Ein Gedanke zu “Der Antiklimax

  1. Stegemann schreibt:

    Lindgrün und fast nicht sauber würden mich auch um Gleichmut und Fassung Ringen lassen. Aber vielleicht wäre nach dieser Prozedur auch ein Namaste angebracht.

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