Zirpende Weihnacht – Christmas Special

Es war ein ganz besonderer 22. Dezember in einem ganz normalen Wohnquartier irgendwo zwischen Buckenhof und Ostermundigen. Eine Kohlmeise und eine Blaumeise, rasteten an einer Christbaumkugel, die wahrscheinlich ein Kind in einem Garten an eine Rottanne gehängt hatte. Bitterkalt war’s und die beiden Vögelchen waren sehr hungrig. Während die Blaumeise noch ihr Spiegelbild in der glänzenden Kugel betrachtete und insgeheim dachte, sie würde bestimmt jeden Schönheitswettbewerb gewinnen, war die Kohlmeise halb im Delirium vor Hunger. Sie glaubte, es handle sich bei ihrem Landeplatz um ein Maisenbrödel. Schliesslich konnte sie nicht mehr an sich halten und pickte in die glatte kalte Kugel. Zuerst gab es nur einen kleinen Riss, doch breitete sich dieser in Sekundenschnelle über die ganze Kugel aus. Es knirschte unter den Krallen der Meisen, bis sich die untere Hälfte der Kugel löste. Die beiden Meisen verloren den Halt und stürzten unablässig in die Tiefe. Christbaumkugelsplitter hagelten durch die Luft und trafen die fallenden Vögel empfindlich an Kopf und Flügeln.

Zum Glück lag in diesem Winter schon der erste Schnee, sodass die beiden Meisen auf einer weichen Decke landeten. Übermütig, weil sie den Sturz überlebt hatte, machte die Blaumeise im Schnee den Engel und plapperte etwas davon, dass die guten Dinge eben zahlreich und allgegenwärtig seien, man müsse sie nur erkennen. Die Kohlmeise sah das weniger optimistisch und knurrte nur: „jetzt haben wir das Geschenk.“ Der Blaumeise war es einerlei, was ihre Kollegin zu meckern hatte. Sie hüpfte auf den nächsten Ast und sah sich um. Da erblickte sie in der Nähe ein Küchenfenster: „Ich weiss, was wir machen“, sagte sie. „Aha“, spottete die Kohlmeise, „der Professor hat einen Plan.“ Die Blaumeise ignorierte die Kohlmeise. Sie war kein Selfchen, fragte sich jedoch inzwischen, ob sie mit ihrer griesgrämigen Kollegin in guter Gesellschaft war.

Sollte die Kohlmeise doch tun und lassen, was sie wollte. Die Blaumeise würde es sich auf jeden Fall gemütlich machen und Weihnachten mit allen Sinnen geniessen. Sie flog zum Küchenfenster und setzte sich auf den Sims. Die Kohlmeise folgte ihr missmutig. Drinnen in der Küche war eine ältere Frau am Backen. Am Radio lief ein Weihnachtskonzert. Sie spielten gerade „Give me an old Fashioned Christmas“ von Frank Sinatra. Im offenen Gewürzschränkchen der Frau standen neunerlei Weihnachtsgewürze: Pimentkörner, Sternanis, Zimtstangen, Gewürznelken, Koriander, Fenchelsamen, Kardamomkapseln, Ingwerknollen und Muskatnüsse. Die Frau trällerte zur Musik aus dem Radio und war eifrig am Werk. Sie buk Brunsli, Mailänderli und Gritibenzen. Nicht etwa, dass sie Politik in der Backstube betrieben hätte. Das Gebäck hiess wirklich so. Ein Lebkuchen für ihren Mann war auch dabei: Ein Engel für Rolf. Dieser war offenbar nicht zu Hause. Ob er wohl gerade Weihnachtseinkäufe tätigte? „Ein Mann kauft ein„, dachte die Kohlmeise, „auweia!“

Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen und die Frau hatte in der Küche das Licht eingeschaltet. „Zünde eine Kerze an!“ raunte die Blaumeise der Kohlmeise zu. Sie legte Wert auf eine stimmungsvolle Beleuchtung und hatte auf einem benachbarten Balkon Kerzen und Streichhölzer gesehen. Die Kohlmeise brummte etwas, das so klang wie „warum muss immer ich…“, holte dann aber eine Kerze und eine Streichholzschachtel vom Nachbarsbalkon und machte sich ungeschickt daran zu schaffen. „Heilige Scheisse!“, entfuhr es ihr kurz darauf. Sie hatte sich an der Flamme des Streichholzes verbrannt. Die Blaumeise musste laut lachen. Mit owie vielen ungeschickten Kohlmeisen hatte sie sich in ihrem Leben schon abgegeben! Sie schubste die Kohlmeise zur Seite und zündete die Kerze selbst an.

Inzwischen war Rolf, der Mann der Bäckerin, vom Einkaufen zurückgekehrt. Im Bus seien vier Schwarzfahrer und ein Advent mitgefahren, erzählte er ihr. „Was verbrennt?“, brüllte die Bäckerin. Sie war offensichtlich schwerhörig. „Nein, ein ADVENT ist mitgefahren!“, schrie der Mann. Doch die Frau sah ihn nur verständnislos an. Dann sagte der Mann noch, dass es in den Geschäften fast keine Kalender mehr gehabt habe, weil viele Leute ihre Adventskalender im Sommer schon gekauft hatten. Doch die Frau hörte nicht, was er sagte, und so ging er wieder aus der Küche. Die Kohlmeise fragte sich, wozu der Mann am 22. Dezember noch einen Adventskalender kaufen wollte – aber so war das nun mal, wenn Männer einkauften.

Die mürrische Kohlmeise und die fröhliche Blaumeise sassen noch lange bei Kerzenschein auf dem Sims und sahen der Bäckerin zu. Ja, die 2 und Weihnachten, das war ein sonderliches Paar. Die beiden Vögel hatten über Gott und die Welt gesprochen. Sie hatten sich gewundert, wie Weihnachten wohl in anderen Ländern gefeiert würde. Dabei hatte die Kohlmeise der Blaumeise erzählt, dass sie noch nie weiter als bis zum nächsten Waldrand gekommen sei. Die Blaumeise wollte wissen, warum das so war, und da erzählte ihr die Kohlmeise eine traurige Geschichte. Sie war als Kind voller Abenteuerlust und Tatendrang gewesen und wollte schon immer reisen. Doch was sie auch anpackte, bei allem hatten ihre Eltern und Geschwister gesagt: „Das kannst du nicht.“ „Irgendwann habe ich das selbst geglaubt und mir nichts mehr zugetraut“, sagte die Kohlmeise leise. Nun tat es der Blaumeise leid, dass sie die Kollegin vorhin ausgelacht hatte, als diese so ungeschickt die Kerze angezündet hatte. Sie legte ihren Flügel um sie: „Gräm dich nicht. Wer weiss, vielleicht werden deine Träume bald wahr.“

Die beiden Meisen sassen noch lange auf dem Sims. Es war, als würde sich die geteilte Last der Kohlmeise in der kalten Winterluft wie durch ein Wunder auflösen. Die Kohlmeise wurde immer leichter und heiterer und zwitscherte über alle möglichen Dinge. Längst war das Licht in der Küche erloschen. Die Bäckerin war zu Bett gegangen und auch die Kerze auf dem Sims, auf dem die Meisen sassen, war abgebrannt. „Stell dir mal vor, wie es wäre, wenn wir Weihnachten vergessen würden„, sagte die Blaumeise schläfrig. Sie schaute zur Kohlmeise hinüber – doch diese war verschwunden. An der Stelle, wo sie gesessen hatte, lag ein Zettel: „Mache eine kleine Weltreise„. Die Blaumeise lächelte und schaute nach oben, wo sie gerade noch sah, wie die Kohlmeise über dem nächsten Hausdach verschwand: „Frohe Weihnachten!“, zwitscherte sie, „und gute Reise.“

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