Afternoon Tea at Pemberley

Leider war es kein Tea for two. Mr. Darcy, der Held in Jane Austen’s Roman „Pride and Prejudice“, glänzte einmal mehr durch Abwesenheit und liess mich mit meinem Teapot und einem üppig beladenen Cakestand allein. Aber wen kümmert schon Mr. Darcy, wenn man in ein Gurkensandwich beissen und dabei zwei knackigen Bauarbeitern zuschauen kann, die gerade das Dach des Seitenflügels von Lyme Park, alias Pemberley, reparieren? Denn, wie heisst es doch so schön: Lieber das Gurkensandwich in der Hand als den Darcy auf dem Dach. Jedenfalls konnte ich mich ohne Mr. Darcy ungeniert über die Köstlichkeiten auf dem Cakestand vor mir hermachen ohne mit ihm angestrengt übers Wetter reden zu müssen. Dank meinem Regency-Kleid, das in der Taille nicht geschnürt ist, standen auch den Scones und dem Cheescake auf den oberen Etagen nichts im Weg. Und während ich mir den Afternoon Tea einverleibte, liess ich meine Augen zu den Bauarbeitern und meine Gedanken zu Mr. Darcy schweifen.

In Lyme Park wurden in den 90er-Jahren Szenen für die Serie „Pride and Prejudice“ gedreht. Der Park und das Haus dienten als Landsitz „Pemberley“ von Mr. Darcy. Die Innenaufnahmen stammen allerdings von einem anderen Ort. Es ist schon interessant, was so eine Filmkulisse mit einem macht. Natürlich suchte ich jeden Winkel ab und freute mich über jede vertraute Ecke: Die Stelle, wo der vom Schwimmen klitschnasse Darcy der schockierten Elisabeth Bennet begegnet, der Innenhof, durch den Mr. Darcy stürmt, um Elisabeth aufzuhalten, der Gehweg mit den Treppen vor dem Haus, wo Darcy Elisabeth zum Dinner einlädt… So in Gedanken versunken verschwanden das Lachs- und das Egg-Sandwich von der untersten Etage meines Cakestands. Aber so ganz überall stimmten die Fakten von Lyme Park mit der Fiktion von Pemberley dann doch nicht überein. Etwas enttäuscht war ich ja vom Darcy Pond, der Teich, in den der erhitzte Darcy springt. Er liegt etwas abseits von der „Hall“, wie die Engländer die Gebäude der grossen Estates nennen, und ist eine klägliche Brühe mitten in der Schafweide. Grinsen musste ich auch, als ich die Geschichte der Familie Legh las, in deren Besitz Lyme Park war. Einer der Landlords hatte sieben Kinder von sieben verschiedenen Frauen, von denen er keine einzige ehelichte. Was wohl Mr. Darcy dazu gesagt hätte? Die Scones waren vorzüglich, natürlich mit clotted Cream. Ich goss mir eine Tasse Tee nach. Die Bauarbeiter hatten das Baugerüsts inzwischen um eine weitere Etage erhöht.

Ich gab ein Stück Zucker in meinen Tee und rührte um. Bevor ich mich dem Cheesecake widmen konnte, musste ich eine kurze Pause einlegen. Ja, was es wohl mit diesem Mr. Darcy auf sich hat, dass wir Frauen ihn so lieben? Er war doch ziemlich verstockt und arrogant und im Grunde ein humorloser Voyeur. Zudem sprang er in stinkende Tümpel. Ist es wirklich das, was wir Frauen wollen? Nun gut, Mr. Darcy hat Lizzie und ihre Familie vor einem Skandal gerettet. Er sah gut aus – und er hatte ich weiss nicht wie viele „Thousands a year“. Und da kommen wir der Wahrheit doch gefährlich nahe. Darcy’s Besitz spielt nämlich eine zentrale Rolle in der Liebesgeschichte zwischen ihm und Lizzie. Als nämlich Lizzie von ihrer Schwester gefragt wird, wann sie sich genau in Mr. Darcy verliebt habe, sagt sie: „When I First saw the beautiful Grounds of Pemberley.“ Dementsprechend beginnt auch das Buch mit den Worten: „It’s a truth universally acknowledged that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Wie unromantisch! Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist „Pride and Prejudice“ DIE Romanze der englischen Literatur. Denn was will frau mehr als einen reichen Mann mit einem edlen Gemüt?

Ich griff zum Cheescake, um mir diese Erkenntnis zu versüssen und sah mit etwas Bedauern zu den Bauarbeitern auf dem Dach hoch, die vielleicht ein edles Gemüt aber bestimmt keine „X-Thausends a year“ hatten.

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