Klassenzusammenkunft

Gestern fuhr ich mit dem Zug von Bern nach Zürich. Am Abend sollte die Klassenzusammenkunft mit meiner Gymi-Klasse stattfinden. Ich wählte meine Kleider an jenem Morgen etwas bewusster als auch schon, inspizierte beim Blick in den Spiegel meine grauen Haarsträhnen, die Augenfältchen und dachte, dass mich wohl noch niemand von meiner damaligen Klasse mit Brille gesehen hat. Es geht allen gleich, tröstete ich mich, verabschiedete mich von meinem Spiegelbild und stieg mutig in den Zug. Der Zufall wollte es, dass im Abteil schräg hinter mir zwei schwerhörige Rheintalerinnen sassen, die offensichtlich ebenfalls auf den Weg zu einer Klassenzusammenkunft waren. Ich packte mein Strickzeug aus und hatte auf dem ganzen Weg nach Zürich beste Unterhaltung. Ich schätzte die beiden Damen auf Jahrgang 1945. Erst wurden die Kolleginnen und Kollegen ihrer ehemaligen Schulklasse durchgenommen. Wer war gestorben, wer litt an welcher Krankheit, wer wohnte wo, geschieden oder mit einem neuen Partner zusammen. Dann ging man über zu deren Geschwister. Als auch dieses Thema erschöpft war, sprachen die beiden Frauen von ihren Enkelkindern. Wie oft sie diese hüteten und wie wichtig ihre eigenen Grosseltern für sie damals gewesen waren. Die eine meinte allerdings, ihre Basler Grossmutter hätte ihre Cousinen und Cousins lieber gehabt als sie. Ihr hätte sie immer nur so kratzige Strumpfhosen gestrickt. Ich war versucht, einzuwenden, dass es doch ein Liebesbeweis war, wenn man jemandem ein paar Strumpfhosen strickte. Aber halt, ich war ja im Zug und nicht beim Mitmach-Radio. Da galt es, die Privatsphäre der Damen zu respektieren. Der Zug hatte Olten passiert, da kam das Thema, wie nicht anders zu erwarten, auf Gebrechen, Abnützungserscheinungen, Operationen und Therapien. Naja, dachte ich, das finde ich jetzt nicht so interessant und hing meinen eigenen Gedanken nach. Aber dann, auf der Höhe von Dietikon horchte ich wieder auf. Die Rheintalerinnen redeten über eine Bekannte, die einen neuen Partner habe, mit dem sie aber nicht zusammenwohne. Sie würde das auch nicht mehr wollen, sagte die eine. Einen Partner, ja, aber zusammenwohnen, nein danke, bekräftigte die andere. Man habe inzwischen ja so seine Mödeli und, nun ja, es müsste einer also schon SEHR pflegeleicht sein, dass man ihn sich jetzt noch ins Haus holen würde. Ich strickte nachdenklich weiter und fragte mich, ob ihre Männer das auch so sehen würden.

Meine eigene Klassenzusammenkunft fand fast in reiner Frauengesellschaft statt, denn wir waren eine Lehramtsklasse. Wir redeten noch nicht über Gebrechen und gestorben war zum Glück auch noch niemand. Als Mittvierzigerinnen sprachen wir viel über Veränderungswünsche im Beruf, und natürlich wurden auf den Handys Fotos der Kinder gezeigt. Als ich auf dem Heimweg mein Strickzeug wieder hervorholte und den Abend in Gedanken Revue passieren liess, dachte ich, dass ein Thema im Gegensatz zu unserer Gymizeit doch sehr stiefmütterlich behandelt wurde: …

An dieser Stelle war eigentlich eine Pointe vorgesehen, doch die wurde auf halber Strecke zwischen Zürich und Bern vom Zug überfahren. Echt schade, ist das!

 

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