Vom Ökosystem in der Chlausschale

Gestern habe ich die Schale mit den spanischen Nüsschen entsorgt. Ursprünglich war es ja viel mehr als eine Schale mit spanischen Nüsschen, denn die Schale war einst angereichert mit Mandarinen, Schokolade, Datteln, Feigen, Lebkuchen, Guetsli und Tirggeln. Aber weil ich diese Leckereien lieber mag als spanische Nüsschen, waren sie schnell weg. Immer das Gleiche, dachte ich, als ich die Nüsschen in den Müll kippte.
Warum mag man eigentlich die spanischen Nüsschen weniger als den Rest? Ist es die Tatsache, dass man sie mühsam aufbrechen und schälen muss? Das braucht Zeit, und davon hat in der – hektischen statt besinnlichen – Weihnachtszeit niemand etwas übrig. Und, spanische Nüsschen knacken macht eine Riesenschweinerei. Wer soll das wegputzen? Auch ein Zeitfaktor. Vielleicht müssten wir einfach dahingehend mutieren, dass wir die spanischen Nüsschen mitsamt der Schale essen. Ein Patenkind von mir isst immerhin schon die dünne braune Hülse, die die Nusskerne ummantelt. Im Gegensatz zu spanischen Nüsschen lässt sich ein Tirggel oder eine Dattel halt viel schneller in den Mund stecken und geniessen. In der Zeit, die man zum Schälen zweier winzigen spanischen Nusskerne aufwendet, hat man locker eine ganze Mandarine von ihrer Schale befreit. Eins zu null für die Mandarine, also. Letztlich sind die Konkurrenten der spanischen Nüsschen süss – und da wir ja Zuckerjunkies sind, haben sie einen massiven Vorteil.

Aber warum lässt man denn die spanischen Nüsschen nicht einfach weg, wenn man doch von Anfang an weiss, dass sie am Schluss in der Chlausschale übrigbleiben? Nun ja, sie sind günstiges Füllmaterial. Ein Sack spanische Nüsschen kostet nicht viel – und schon ist die Chlausschale so gut wie voll. Dank ihnen spart man an den teureren Leckereien, die man oben drauf packt. Spanische Nüsschen haben aber nicht nur ökonomische Vorteile. Sie enthalten keinen Zucker und sind, so nehme ich an, auch gesunde Magenfüller. So gesehen spielt auch die Vernunft oder der gute Wille, sich gesund zu ernähren, ein bisschen mit. Nicht zuletzt sind es die vielen unscheinbaren spanischen Nüsschen, welche die Mandarinen, Schokoladen, Datteln, Feigen, Lebkuchen, Guetsli und Tirggel tragen und erst zu etwas Besonderem machen. Kurz, ohne die spanischen Nüsschen würde in der Chlausschale nicht nur etwas fehlen – sie sind auch nötig. Im Grunde sind die spanischen Nüsschen in der Chlausschale in etwa das, was die Zellen im menschlichen Körper oder die Sauerstoffmoleküle in der Atmosphäre.

Beinahe überkommt mich ein schlechtes Gewissen, als ich den Deckel des Mülleimers zuklappe. Ich habe das Ökosystem in meiner Chlausschale völlig zerstört. Im Grunde hatte es schon angefangen, als ich mich nur auf die Leckereien im oberen Bereich der Chlausschale gestürzt hatte. Das Wegkippen der spanischen Nüsschen war nur noch das Ende einer schleichenden Entwicklung. Eine Entwicklung, die mein diskriminierendes Verhalten gegenüber spanischen Nüsschen und meine Gier nach dem schnellen Genuss zum Ausdruck bringt. Da kann ich nur hoffen, dass die spanischen Nüsschen dieser Welt nicht eines Tages zurückschlagen. Sonst Wehe mir!

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Ein Gedanke zu “Vom Ökosystem in der Chlausschale

  1. Denise Zintzmeyer schreibt:

    Stand von meiner Chlausschale heute: eine trockene Mandarine (es könnte zwar auch eine Clementine sein), zwei spanische Nüssli (eiserne Reserve), ein Schoggistängeli (Marke unbekannt), zwei Mozartkugeln (sind einfach etwas gar süss), ein geschenktes handgenähtes wirklich hübsches Mini-Chlaussäckli (leer).

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