Vom Trennen und Sortieren

Heute hat mein Blog Jahrestag. Er wird drei! Grund genug, etwas zu posten:

Etwas vom Schwierigsten, wenn man als Schweizerin in Deutschland lebt, ist nicht etwa die Sprache. Ich verstehe die Berliner, auch wenn sie mich manchmal nicht verstehen. Auch die Euros habe ich mittlerweile ganz gut im Griff. Ich habe gelernt, ein 10-Cent-Stück von einem 20-Cent-Stück zu unterscheiden. Mit U-Bahn, S-Bahn und Tram komme ich gut zurecht – Busse sind immer noch etwas schwierig, da muss man die Geografie schon intus haben. Was mir aber nach wie vor so richtig zu schaffen macht, das ist die Mülltrennung.  Während es in Berlin einfach ist, überall und immer Dinge anzuschaffen, ist es ausgesprochen anspruchsvoll, etwas richtig zu entsorgen. Denn, in Deutschland wird der Müll anders getrennt als in der Schweiz – und das verschafft mir Kopfzerbrechen.

Bereits bevor ich in Berlin ankam, hatte mich mein Vermieter über die Mülltrennung aufgeklärt. Er hat dafür ein ausgeklügeltes System mit farbigen Boxen in der Küche. Jede Müllsorte ist einer Box zugeordnet. Ich war von diesem Ordnungssystem beeindruckt – und Farben finde ich sowieso immer gut. Mit den besten Absichten habe ich die Zuordnung auf einen Zettel geschrieben und quasi als Legende auf die Boxen gelegt: Grün steht sinnigerweise für Bio. Aber warum um Himmelswillen hatte mein Vermieter da einen Papierbeutel reingelegt? Aha, der ist biologisch abbaubar. Na gut. Die blaue Box ist für Papier. Soweit so gut, das kenne ich auch so von zu Hause. Aber dann gibt’s noch die orange Box, die ist für Plastik und Verpackung. Hm, ein sehr weit gefasster Begriff. Und zuletzt ist da rot für Restmüll. Hach, das ist noch besser! Da kann ich alles reinschmeissen, wenn ich unsicher bin, wo etwas hingehört. Sogleich erkläre ich die rote Restmüll-Box zu meinem Favoriten. Aber wenn ich es mir so richtig überlege, will ich es ja gut machen mit der Mülltrennung. Als Eidgenossin gehöre ich schliesslich zum Volk, das die Mülltrennung quasi erfunden hat und weltweite Spitze in dieser Disziplin ist. Wäre ja gelacht, wenn ich mit dem deutschen System nicht klar käme.

Ich kratzte mich dennoch am Kopf. In einer Weiterbildung zum Aufbau von Websites hatte ich mal gelernt, wie man Inhalte am besten strukturiert. Diese Lehre wende ich seither auf alle Lebensbereiche an. Man soll, so hiess es, beim Sortieren Kategorien wählen, die sich einerseits gegenseitig ergänzen und andererseits gegenseitig ausschliessen. Das heisst, mit anderen Worten: Es braucht also für jeden Inhalt eine Kategorie oder eine Box, in die er unmissverständlich reinpasst. Dank den Boxen «Verpackung» und «Restmüll» würde ich problemlos für jeden Stoff ein Plätzchen finden. Ob ich aber auch für jeden Stoff das richtige Plätzchen finden würde, war eine andere Frage. Gehörte eine Karton-Verpackung in die blaue oder in die orange Box? War eine Glasflasche Verpackung oder Restmüll? Noch schwieriger wurde es mit gemischten Stoffen: Der beschichtete Karton von Tetrapackungen zum Beispiel . Oder ganz schlimm: Teebeutel. Die bestehen ja aus dem Zettelchen, das aussen über den Tassenrand hängt, dem Schnürchen, das das Zettelchen mit dem Teebeutel verbindet, den beiden Heftklammern, mit denen das Schnürchen an seinen beiden Extremitäten befestigt ist, dem Teebeutel aus Filterpapier und dem Teekraut im Teebeutel. Da ist alles drin: Papier, Biomüll, Verpackung und Restmüll. Hinzu kommt das Beutelchen, in das der Teebeutel eingepackt war: beschichtetes Papier.

Ich wusste nicht, worüber ich mich mehr ärgern sollte: Über das Ordnungssystem der Mülltrennung oder die Teebeutel. Was von beidem hatte mehr Berechtigung? Gehörte der Teebeutel abgeschafft oder die Mülltrennung? Weil ich es richtig machen wollte, stand ich vor einem Problem, das ich lösen wollte. Aber was heisst schon richtig? Und was wäre denn die richtige Lösung? Ich kratzte mich wieder am Kopf und erahnte einen tieferen Sinn. Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass sich nicht alles säuberlich ordnen und trennen lässt? Und dass eine kompromisslose Ordnung einer Gesellschaft schadet? Spuren davon gibt es in Berlin genug. Und so denke ich – und höre auf, mich am Kopf zu kratzen – ist es doch ganz gut, dass es Teebeutel und Boxen für Verpackung und Restmüll gibt, die die Ordnung durchbrechen.

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