Das Erfolgsrezept

Am Sonntag gewann England gegen Panama 6:1. Panama ist somit aus der WM ausgeschieden. Doch die Panamaer feierten. Sie freuten sich über alle Massen über ihr erstes WM-Tor aller Zeiten. Ihr Jubel war grenzenlos.

Ich bewundere die Panamaer. Sie haben offensichtlich wenig erwartet und so war ihr erstes WM-Tor ein Triumph, den sie so richtig auskosten konnten. Definiert man Optimismus damit, dass das Glas halb voll ist, so war das Glas der Panamaer bestenfalls «bödelet». Trotzdem freuten sie sich, als wäre es randvoll. Die Engländer freuten sich natürlich auch über ihr 6:1 – immerhin hatte ihre Mannschaft damit ihren klarsten WM-Sieg aller Zeiten errungen und es war bisher der deutlichste Sieg dieser WM. Ihr Glas war gewissermassen randvoll und darüber sollte man sich auf jeden Fall freuen. Aber eben, von den Engländern erwartet man ja, dass sie gut spielen – gegen einen Neuling wie Panama sowieso.

Die Wahrnehmung von Erfolg hat also mehr mit Erwartungen und individuellen Zielen als mit absoluten Werten zu tun. Wer nichts oder wenig erwartet, kann jeden Tag Erfolge verbuchen. Aber Achtung: Auch Nicht-Erwartungen müssen irgendwie in einem realistischen Rahmen sein. Es macht mich nicht glücklich, wenn ich heute keinen Anruf von einem Buchverlag erwarte, keine zufällige Begegnung mit Yotam Ottolenghi und auch nicht, dass sich ein Eisvogel auf mein Fenstersims setzt. Wenn ich aber auf keinen Sitzplatz in der S-Bahn hoffe, nicht damit rechne, dass den Pendlern im HB essbare Werbe-Müsterli verteilt werden oder jemand Kuchen ins Büro bringt – dann habe ich eine echte Chance, einen oder gar mehrere Erfolge zu verbuchen.

Wer seine Erwartungen zu hoch hält, geht zwangsläufig als Verlierer durchs Leben. Das zeigte vor einem Monat die Rückkehr des Schweizer Eishockey-Teams aus Schweden. Es hatte Gold erwartet und kam mit Silber und langen Gesichtern nach Hause. Das sei doch Jammern auf hohem Niveau, fand ich. «Die haben aber auch gekämpft», wandte meine Arbeitskollegin ein. Stimmt, aber die Panamaer auch, konterte ich. Man muss also auch etwas für seinen Erfolg tun. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», sagte schon Goethe. Hätten sich die Panamaer nicht bemüht, hätten böse Zungen sagen können, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn fände.

Wie also lautet das optimale Erfolgsrezept: Ist es die in «Glücks-Büchern» so oft zitierte Selffulfilling Prophecy? Schuster bleib bei deinen Leisten? Hope for the best and be prepared for the worst? Das Glas ist halb voll? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn? Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen? Wie auch immer. Für mich sind die Panamaer schon jetzt die wahren Gewinner dieser WM.

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