Blutmond mit Potenzial

Den Blutmond über Berlin wollten wir uns auf der Dachterrasse meiner Freundin ansehen. Ein Jahrhundert-Event am Firmament. Ein Tisch mit kühlen Getränken und Leckereien stand bereit. Noch eine Freundin stiess hinzu. Der Mond konnte kommen.

Als ob sie sich mit ihrem Kollegen in Konkurrenz befände, zauberte die Sonne im Westen ein fantastisches Spektakel an den Himmel. Der untergehende Feuerball beleuchtete Berge von Wolken, die rot erglommen und sich langsam zu langen Fischen verformten. In Richtung Potsdamer Platz färbte sich der Himmel violett. Welche Farbenpracht! Doch unsere Aufmerksamkeit galt dem Südosten, denn dort sollte der Mond aufgehen. Es war schon viertel nach neun. Wir suchten mit unseren Augen die Dachzinnen ab, hinter denen jeden Moment die runde weisse Scheibe erscheinen würde – aber da war kein Mond. Und ohne Mond würde auch keine Mondfinsternis zu sehen sein. Wir füllten unsere Gläser nach und suchten auf unseren Handys nach Informationen: «Berlin Blutmond wo», tippte die Freundin meiner Freundin in die Google-Suche. Da stand etwas von Südosten und Wolken. Hm, so viel wussten wir auch schon.

Endlich, um viertel vor zehn, zeigte meine Freundin auf einen blassen weisslichen Ball hoch am Himmel: «Da ist er, der Mond!» Bleich und klein war er, von Wolken verschleiert. Warum war der Mond, der manchmal so gross sein konnte, just an diesem Abend wie ein Gufenkopf? Aber noch blieb eine halbe Stunde Zeit bis zur kompletten Mondfinsternis und so waren wir noch voller Hoffnung, dass sich die Wolken lichten, der Mond wachsen und die Mondfinsternis deutlich zeigen würde. Immerhin wirkte der Mond ja schon rötlich und irgendwie war da auch so eine fransige Schicht darüber. Allerdings war nicht so recht klar, ob es sich dabei um eine Wolke oder den Schatten der Erde handelte. Das Warten half wenig, der Blutmond blieb für dieses Jahrhundert auf jener Dachterrasse in Berlin-Schöneberg ein Blutmond mit Potenzial.

Ich würde sogar sagen, der Sonnenuntergang hat dem Blutmond den Rang abgelaufen. Welche Enttäuschung! Irgendwie erinnerte mich das an meine Besteigung des Stromboli als ich keine einzige Vulkaneruption sah, weil die Luft so feucht war. Oder an den Ausflug ans Nordkap bei stockdickem Nebel. Ausser Spesen nichts gewesen. Vielleicht, so dachte ich mir, haben uns Sonne und Mond in jener Nacht auf der Dachterrasse in Berlin-Schöneberg eine Lehre erteilen wollen. Wie oft richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit und Erwartungen auf das Grosse, Besondere, Extreme: wir wollen den Kilimanjaro besteigen, das Nordlicht in allen Farben des Regenbogens bewundern, in den afrikanischen Nationalparks die Big Five vor die Kameralinse kriegen, in Kanada Wale beobachten, in der australischen Wüste den perfekten Sonnenuntergang am Ayers Rock fotografieren, und und und. Dabei vergessen wir die vielen kleinen Schönheiten im Alltag: wie sich die ersten Sonnenstrahlen morgens in den Garten tasten, Tautropfen auf Blättern und Gräsern, eine Amsel, die abends ihr Lied singt, lange Schatten im Abendlicht…

„Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“, würde John Lennon sagen. Mich hat das Jahrhundert-Event am Firmament letztlich auf den Boden der Realität zurückgebracht. Aber wenn es um Himmelskörper geht, darf man schon mal ins Philosophieren kommen. Ich meine, wann, wenn nicht dann?

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