Die Weinverkostung

Kennt ihr das Märchen «Des Kaisers neue Kleider»? Da kommen zwei Schelme in die Stadt, die dem eitlen Kaiser verkünden, sie könnten Kleider schneidern, die nur jene sähen, die ihres Amtes würdig und nicht dumm seien. Tief beeindruckt erteilt der Kaiser den Schelmen den Auftrag, ihm ein neues Kleid zu nähen. Die beiden geben vor, zu weben und zu nähen und führen alle am Hof inkl. Kaiser an der Nase herum. Der Schwindel fliegt erst auf, als sich der Kaiser an einem Umzug dem Volk stolz in seinem neuen „Kleid“ – also splitterfasernackt – präsentiert. Dabei ruft ein Kind laut: «Mama, der hat ja gar nichts an!»

Etwa so wie in diesem Märchen verhält es sich an Weinproben. Wenn immer man in einer Weingegend Ferien macht, kommt man um eine Weinverkostung nicht herum. Da fragt keiner danach, ob man überhaupt Wein trinkt oder mag. Denn, der kultivierte Mensch trinkt und geniesst Wein. Gestern im Südtirol war es wieder einmal so weit.

Andächtig sitzen wir um die Tische mit weissen Tischtüchern und viel zu grossen Gläsern. Da fängt’s bei mir schon an. Wozu müssen die Gläser so gross sein, wenn dann doch nur ein bis zwei Finger breit Wein eingeschenkt wird? Niemand sagt ein Wort bis die langhaarige Blondine, die uns den Wein präsentiert, allen eingeschenkt hat und den Namen des Weins bekannt gibt: Müller-Thurgau. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: Müller-Thurgau! Was für ein bünzliger Name für einen Wein, der im Südtirol angebaut wird. Also ehrlich! Das macht auch der charmante italienische Akzent der Blondine nicht besser. Wie Sonntagsschüler sitzen wir um den Tisch und warten auf weitere Offenbarungen. Bevor wir einen Schluck nehmen dürfen, müssen wir das Glas übers weisse Tischtuch halten, um andächtig die gelbe Flüssigkeit zu betrachten. «Goldgelb» nennt die attraktive Blondine die Farbe. Dann werden die Gläser geschwenkt, man hält vorsichtig die Nase darüber. Die Fortgeschrittenen schliessen jetzt auch die Augen. Hui, und nach was jetzt der Wein alles riechen soll: Zitrone, Früchte und im Abgang ein Schuss Holunder. Kennerhaftes Nicken, ja genau, so riecht es! Endlich setzt die Blondine das Glas an. Jetzt dürfen wir auch trinken. Aber nur einen kleinen Schluck, sonst ist das Glas ja schon wieder leer. Der Wein sei trocken. Auch so ein Ausdruck, den ich nicht verstehe. Wie kann ein Getränk, das mir Zunge und Kehle befeuchtet, trocken sein? Man spricht ja umgekehrt auch nicht von feuchten oder nassen Weinen. Aber ich behalte meine Irritation für mich, ich will mich ja nicht als Banause outen. Vor allem nicht in einer Gesellschaft, in der alle so wissend und verzückt vor sich hinnicken.

Die Blondine erzählt von Holz- und Stahlfässern, vom Alkoholgehalt und von der Reblaus. Auf dem Tisch stehen Körbchen mit Brotwürfelchen. Sie erinnern mich ans Abendmahl in der reformierten Kirche. Überhaupt komme ich mir vor wie in einem Gottesdienst. Ich würde mich nicht getrauen, laut zu sprechen oder gar zu husten, das ist hier eine ernste Sache. Der zweite Wein kommt ins gleiche Glas. Ich finde es ja immer erstaunlich, dass man so ein Tamtam um den Geschmack macht und dann alle Weine ins gleiche Glas reinkippt. Also beim Essen würde ich das nie machen, da gibt’s für die Suppe einen anderen Teller als für den Hauptgang. Aber ich verstehe halt nichts von Wein, darum sage ich auch nichts.

Der nächste Wein ist nochmals weiss, respektive goldgelb – ein Silvaner. Für mich riecht er etwas muffig, aber es seien die Düfte von Melonen und tropischen Früchte, die mir da in die Nase stiegen, sagt die Blondine. Es folgen weitere Ausführungen über das Spritzen und Lagern des Weins. Noch zwei Flaschen to go. Es sind Rotweine. Der La Greina duftet nach Waldfrüchten, hat eine tiefrote Farbe und im Abgang schmeckt er nach Muskat. «Der schmeckt mir bis jetzt am besten», raunt mir meine Sitznachbarin ganz beseelt zu. Sowas darf man natürlich nicht laut aussprechen. Er passe wunderbar zu Trockenfleisch, erklärt die Blondine und tut, als ob sie die Bemerkung meiner Nachbarin überhört hätte. Den letzten Wein, einen Trollinger könne man zu allem trinken. Ich frage mich, was so ein Allerweltswein, den man zu allem trinken kann, an einer so edel inszenierten Weinverkostung verloren hat. Aber ich sage natürlich nichts, denn ich habe ja keine Ahnung von Wein.

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