Geistiger Zerfall im Stall

Ich finde, es ist wieder einmal Zeit für eine Kuh-Geschichte. Diese hier liegt schon lange auf meinem Desktop und fand heute Morgen einen vielleicht etwas abrupten Schluss. Aber lest selbst:

Eigentlich war der IQ eine Sie, eine Ikuh. Doch weil ein weibliches Tier, wie der Bauer glaubte, nicht so intelligent sein konnte, wie es die Ikuh war, nannte er sie „der Ikuh“. Und so war das Leben der Ikuh gewissermassen eine Hosenrolle. Sie musste neben dem Bullen im Stall stehen und war demzufolge mehr oder weniger dauerträchtig. Viele kleine Ikühchen und Ibüllchen kamen zur Welt. Die Ikuh war glücklich, denn ihr Nachwuchs war – im Gegensatz zum Bullen – hochintelligent. Sie besorgte sich im Dorf eine Wandtafel mit Kreide, einen Rubric-Würfel und einen Zählrahmen. Tagsüber verzog sie sich mit ihren Kindern auf die entfernteste Ecke der Weide und erteilte ihnen Unterricht. Schon bald lösten sie Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Logicals oder experimentierten mit Gräsern, Wasser und was sie sonst so auf der Weide fanden. Abends vor dem Schlafengehen trugen sie sich zum Spass im Dunkeln gegenseitig Algebra-Aufgaben auf. Die Ikuh hatte allen Grund, auf ihre Kleinen stolz zu sein.
Nur der Bulle, dem wollte das gar nicht passen. Er war nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen, das wusste er. Aber er war schlau genug um zu merken, dass in seiner Familie etwas vorging, von dem er nicht Teil war. Und das nagte an ihm. Die Ikuh realisierte sofort, was mit dem Bullen nicht stimmte. Sie war ja nicht umsonst eine Ikuh. Sie ermahnte die Kinder, sich ihre Intelligenz nicht anmerken zu lassen, nicht vor dem Bullen und erst recht nicht, wenn der Bauer vorbeikam. Die Ikühchen und –büllchen hielten sich daran, so gut es ging.

Eines Tages, der Bauer war gerade bei der Ikuh-Familie, um die Ikuh zu melken, da vergass eines der Ikühchen seinen Rubrikwürfel im Heu. Der Bauer hob den Würfel auf und betrachtete ihn misstrauisch von allen Seiten, hatte er sowas doch noch nie gesehen. Wortlos steckte er das bunte eckige Ding in seine Jackentasche. Am nächsten Tag kehrte er mit einer Mistgabel zurück und mistete den ganzen Stall gründlich aus. Er fand die Wandtafel, konfiszierte ein Paket Kreide und den Zählrahmen. Der Bauer und der Bulle freuten sich, weil sie nähmlich der Ikuh und ihren Jungen auf diese Weise einen Strich durch die Rechnung machen konnten.

Und die Moral von der Geschicht? Wer «nämlich» mit «h» schreibt, ist dämlich!

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Das Erfolgsrezept

Am Sonntag gewann England gegen Panama 6:1. Panama ist somit aus der WM ausgeschieden. Doch die Panamaer feierten. Sie freuten sich über alle Massen über ihr erstes WM-Tor aller Zeiten. Ihr Jubel war grenzenlos.

Ich bewundere die Panamaer. Sie haben offensichtlich wenig erwartet und so war ihr erstes WM-Tor ein Triumph, den sie so richtig auskosten konnten. Definiert man Optimismus damit, dass das Glas halb voll ist, so war das Glas der Panamaer bestenfalls «bödelet». Trotzdem freuten sie sich, als wäre es randvoll. Die Engländer freuten sich natürlich auch über ihr 6:1 – immerhin hatte ihre Mannschaft damit ihren klarsten WM-Sieg aller Zeiten errungen und es war bisher der deutlichste Sieg dieser WM. Ihr Glas war gewissermassen randvoll und darüber sollte man sich auf jeden Fall freuen. Aber eben, von den Engländern erwartet man ja, dass sie gut spielen – gegen einen Neuling wie Panama sowieso.

Die Wahrnehmung von Erfolg hat also mehr mit Erwartungen und individuellen Zielen als mit absoluten Werten zu tun. Wer nichts oder wenig erwartet, kann jeden Tag Erfolge verbuchen. Aber Achtung: Auch Nicht-Erwartungen müssen irgendwie in einem realistischen Rahmen sein. Es macht mich nicht glücklich, wenn ich heute keinen Anruf von einem Buchverlag erwarte, keine zufällige Begegnung mit Yotam Ottolenghi und auch nicht, dass sich ein Eisvogel auf mein Fenstersims setzt. Wenn ich aber auf keinen Sitzplatz in der S-Bahn hoffe, nicht damit rechne, dass den Pendlern im HB essbare Werbe-Müsterli verteilt werden oder jemand Kuchen ins Büro bringt – dann habe ich eine echte Chance, einen oder gar mehrere Erfolge zu verbuchen.

Wer seine Erwartungen zu hoch hält, geht zwangsläufig als Verlierer durchs Leben. Das zeigte vor einem Monat die Rückkehr des Schweizer Eishockey-Teams aus Schweden. Es hatte Gold erwartet und kam mit Silber und langen Gesichtern nach Hause. Das sei doch Jammern auf hohem Niveau, fand ich. «Die haben aber auch gekämpft», wandte meine Arbeitskollegin ein. Stimmt, aber die Panamaer auch, konterte ich. Man muss also auch etwas für seinen Erfolg tun. «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen», sagte schon Goethe. Hätten sich die Panamaer nicht bemüht, hätten böse Zungen sagen können, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn fände.

Wie also lautet das optimale Erfolgsrezept: Ist es die in «Glücks-Büchern» so oft zitierte Selffulfilling Prophecy? Schuster bleib bei deinen Leisten? Hope for the best and be prepared for the worst? Das Glas ist halb voll? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn? Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen? Wie auch immer. Für mich sind die Panamaer schon jetzt die wahren Gewinner dieser WM.

In dringender Mission

Wann hat es eigentlich damit angefangen, dass die Leute im Zug auf halber Strecke schon wieder aufstehen und sich von den Türen bis in die Flure anstellen, um möglichst schnell wieder aus dem Zug auszusteigen? Früher musste man nur beim Einsteigen um seinen Platz kämpfen. Wenn man einen hatte, also eigentlich immer, erfreute man sich dessen so lange wie möglich und stand erst auf, wann der Zug schon in den Bahnhof einfuhr. Heute stehen die Ersten auf, sobald der nächste Halt angesagt wird und das ist in der Regel bevor der Zug überhaupt in den Ort einfährt und lange bevor der Bahnhof in Sicht kommt. So kommt es, dass der ganze Flur jeweils schon vollgestellt ist, bevor man «Papp» sagen kann. Oft hat man in den letzten Fahrminuten schon die Rucksäcke und Handtaschen der aufgestandenen Passagiere im Gesicht. Ihre Hände krallen sich in die Griffe an den Hinterköpfen der Sitzenden oder sie halten sich an den Gepäcksablagen über deren Köpfen fest. Wann dann der Zug in den Bahnhof einfährt, muss man sich von seinem Abteil mühsam in den Flur drängen. Kurz, beim Aussteigen herrscht das gleiche Gerangel wie beim Einsteigen. Das Gleiche gilt übrigens im Flugzeug. Da habe ich also auch schon erlebt, dass einer, der neben mir am Fenster sass, sich beim Aussteigen an mir am Gangsitz vorbeigedrückt hat, notabene als das Anschnallen-Zeichen über unseren Köpfen noch an war. Ich hatte dem Reflex, ihn in den Hintern zu beissen nur mit voller Körperbeherrschung widerstanden. Und das war gut, denn wir standen später bei der Gepäcksausgabe wieder nebeneinander und warteten mehr oder weniger ungeduldig auf unsere Koffer.

Mich nervt diese ungeduldige Zwängerei. Was treibt diese Leute so an? Es würde mir extrem helfen, wenn ich wüsste, dass sie dafür einen wichtigen Grund haben. Zum Beispiel dass sie vergessen haben, den Herd abzuschalten und möglichst schnell nach Hause müssen, um einen Flächenbrand zu verhindern; dass sie spät dran sind, um ihren Friedensnobelpreis abzuholen; dass sie ihre Ehe, eine Katze vom Baum, das Klima, die Weltmeere, den Eisvogel oder sonst irgendetwas retten müssten. Wenn das so wäre, wäre ich die letzte, die ihnen im Weg stehen würde. Dann würde ich gelassen sagen: «Nach Ihnen». Endlich zu Hause angekommen, würde ich mich dann, im Gegensatz zu allen anderen, gemütlich mit einer Tüte Chips vor den Fernseher setzen.

Das Reisebüro für Antiferien

Als ich am Sonntag mit dem Fahrrad unterwegs war und mir an der Thur und am Rhein ein ruhiges idyllisches Plätzchen suchte, war ich chancenlos. Überall waren Leute, alle suchten sie Erholung in der Natur: Brätle und Bädele mit seinen Lieben, das ist des Schweizers Lust. Kreischende Kinder, wummernde Bässe aus irgendwelchen Musikverstärkern (Yeah, der Ghettoblaster ist zurück!), kläffende Hunde, Rauch und Grillfleisch. Ich fuhr einfach zu und fand am Schluss zu Hause auf meinem Balkon im Liegestuhl meine Ruhe. Alle wissen, wo’s schön ist, alle haben am Wochenende frei, alle haben das gleiche Wetter, das gleiche Bedürfnis, in etwa die gleichen finanziellen Möglichkeiten. Am schlimmsten sind die Orte, wo man mit dem Auto gut hinkommt – und in der kleinräumigen Schweiz ist das fast überall.

Eigentlich, so dachte ich in meinem Liegestuhl, müsste man in dieser überbevölkerten Welt viel antizyklischer leben. Wenn man berufstätig ist, kann man ja schlecht unter der Woche etwas Schönes an einem idyllischen Ort unternehmen. Aber warum fährt man am Wochenende nicht irgendwo hin, wo’s hässlich ist und unternimmt etwas, das überhaupt keinen Spass macht? Zum Beispiel könnte man bei schönem Wetter in ein Industriequartier fahren und dort in irgendeinem Grossmarkt den ganzen Tag lang staubsaugen. Oder man setzt sich bei Regen einen Sonntag lang an eine Autobahn, isst zum Picknick Fenchel und Kutteln aus dem Tupperware und sieht sich am Abend am Fernsehen ein Formel 1 Rennen an. Man könnte einen Samstag lang in einer Bahnhofsunterführung, wo es nach Pisse riecht, im Schein einer Neonröhre Hemden bügeln. Oder man lädt seine ärgsten Feinde zum Lösen von Algebraaufgaben unter der Zürcher Hardbrücke ein. Und wer es ganz doll mag, macht am freien Sonntag die Steuererklärung am Rande des Klärbeckens einer Abwasserreinigungsanlage. Das gleiche Prinzip liesse sich für Ferien anwenden: Warum nicht mal eine Woche lang in einer Mietskaserne in Schwammendingen in der Flugschneise hausen, sich in einem Häuschen unter einem Strommasten und mit Blick aufs Kernkraftwerk Gösgen einmieten oder in einem der orangen Wohnblöcke an den Gleisen beim Bahnhof Bern? Hässliche Orte gibt’s überall genug. Und auch an Dingen, die keinen Spass machen, besteht kein Mangel.

Solche Antiweekends und Antiferien hätten bestechende Vorteile: Man hätte alles für sich, da niemand sonst dorthin wollte respektive alle bei der erstbesten Möglichkeit genau dem entfliehen würden. Zudem müsste man keine langen Wege auf sich nehmen, denn das Hässliche liegt so nah. Dementsprechend tief wären die Preise und zu guter Letzt würde man sich nach einem Antiweekend oder nach Antiferien wieder extrem auf den Alltag freuen. Eine Win-Win-Situation, also. Im Geiste habe ich am Sonntag in meinem Liegestuhl schon den Businessplan gemacht für mein Reisebüro für Antiferien. Ob mein Geschäft von Erfolg gekrönt wäre, sei dahingestellt. Sicher aber ist, dass bei zu viel Ruhe auch mal die Fantasie mit mir durchgeht.

Oberarmtaschen

Meine Grossmutter, die hatte sie, seit ich mich erinnern konnte. Die schlaffen Hauttaschen an der Unterseite der Oberarme. Als Kinder hat uns das immer total fasziniert. Diesen Hauttaschen konnte man mit der Hand einen leichten Stoss geben und schon schwangen sie hin und her. Toll war das! Vor allem auch weil Grossmutter dann immer sauer wurde. Sie hasste das und wir neckten sie gerne damit, ohne so richtig zu verstehen, warum sie sich eigentlich so ärgerte. Die coolen Oberarmtaschen gehörten einfach zu Grossmutter, wie die Runzeln in ihrem Gesicht und die grauen Haare.

Neulich war ich mit dem Fahrrad unterwegs und der Zufall wollte es, dass ich über eine ziemlich holprige Strecke fahren musste. Da vibriert der ganze Körper mit, besonders die Oberarme. Allerdings musste ich feststellen, dass die untere Seite der Oberarme länger nachvibrierte als die obere. Ich nahm das mal so zur Kenntnis. Als ich mich nach der Fahrradtour vor den Spiegel stellte und mit den Fingerkuppen an meinen unteren Oberarmen rumstupste, kam Einiges in Bewegung. Was ich als Kind bei Grossmutter im ausgeprägten Stadium noch total cool fand, wollte mir an mir selber im mittleren Alter nicht einmal im Ansatz gefallen. Das war der Anfang der Oberarmtaschen! Und die unmissverständliche, gnadenlose Botschaft dahinter lautete: Ich werde älter! Eine sportliche Kollegin wusste um das Problem und empfahl mir eine Übung mit dem Terraband. Ich habe beschlossen, nicht gegen meine Oberarmtaschen anzugehen. Das Alter und die Schwerkraft siegen sowieso früher oder später. Im Moment sind es ja auch noch keine Taschen sondern einfach ein bisschen schlafferes Gewebe, das ich liebevoll «Schläberli» nenne.

Überhaupt kommt es bei solchen Dingen viel mehr auf die richtige Einstellung und das Naming an. Schliesslich spricht man bei überflüssigem Hüftspeck ja auch von «Hüftgold», «Love Handles» oder «Poches d’amour». Ich setze mich an den Computer und tippe «schlaffe Oberarme Bezeichnung» in die Google-Suche. Siehe da, auch dafür gibt es einen Namen: «Winkearme». Wie nett! «Muskelplatin» würde mir in Anlehnung an Hüftgold auch gefallen oder «Hug-Bags» als Ergänzung zu «Love Handles». Die französische Version wäre dann «Poches Popeye». Auf jeden Fall lautet die Botschaft: Umarme dein Alter mit wabbeligen Armen! Wer möchte, kann ihm auch freundlich zuwinken – ohne dabei die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.

Einmal im Jahr

Neulich war es mal wieder soweit. Einmal im Jahr steige ich todesmutig in ein Mobility-Auto und fahre zum Grossmarkt im Industriequartier, um Erdsäcke und Pflanzen für meinen Balkon zu kaufen. Das kostet Mut, denn ich fahre sonst nie Auto und bin seit meiner Fahrprüfung vor 16 Jahren auch nie regelmässig gefahren. Kommt hinzu, dass man, wenn man nur einmal im Jahr fährt, immer wieder vergisst, wo sich im Auto was befindet. Selbst wenn man immer dasselbe Mobility-Auto nimmt.

Das Anmelden geht immer problemlos. Die Karte auf das Feld an der Frontscheibe halten und zack rasten die Schlösser aus, es piept und alle Türen stehen offen. Dann einsteigen, die Tasche lässig auf den Beifahrersitz werfen, die Türe zuschlagen und den Sitz bis zum Anschlag ganz nach vorne ziehen. Dann ist es mit der Lässigkeit aber auch schon vorbei. Wie stellt man schon wieder die Seitenspiegel ein? Muss man nicht seit ein paar Jahren immer, auch tagsüber, Licht haben? Aber welches? Ich drehe an einem der spinnenbeinartigen Hebel am Lenkrad und prompt geht der Scheibenwischer am Heck los. Ich fasse wieder an den Hebel, jetzt beginnt es auch noch zu spritzen. Der scharfe Geruch des Fensterputzmittels steigt mir in die Nase. Nach dem ersten Schreck rede ich mir ein, dass es nicht schaden könne, die Scheibe mal wieder zu reinigen. Ich schaffe es, den Scheibenwischer wieder auszuschalten und finde endlich einen Knopf links vom Lenkrad, auf dem etwa drei verschiedene Symbole für Licht zu sehen sind. Ich entscheide mich für jenes, das nach am wenigsten Licht aussieht. Die Suche nach den Knöpfen zum Einstellen der Seitenspiegel bleibt erfolglos. Ich lehne mich über den Beifahrersitz, öffne das Handschuhfach und blättere in der Gebrauchsanleitung. Da! Die Knöpfe befinden sich an der linken Wagentüre. Hätte ich mich doch auf meinen Instinkt verlassen. Ich richte auch noch den Rückspiegel und fühle mich bereit, den Schlüsselknopf zu starten. Zündschlüssel, das war gestern. Aus dem Radio plärrt laute Musik. Warum sich die Leute beim Autofahren auch immer die Ohren zudröhnen? Das geht gar nicht, ich brauche alle Sinne. Ich drehe das Volumen runter, aber der Radio plärrt auf einem anderen Sender weiter. Aha, falscher Knopf. Beim zweiten Versuch klappt es. Los geht’s!

Erst lege ich den Rückgang ein. Das ist nicht so einfach, wenn man selten fährt. Doch auf einer meiner Balkon-Fahrten vor ein paar Jahren habe ich begriffen, dass man bei diesem Mobility-Auto den Schaltknüppel dafür erst feste runterdrücken muss. Dieses Mal klappt es auf Anhieb. Ein Blick zurück und ich gleite wie ein Profi aus der Parklücke. Erst beim Umschalten in den ersten Gang säuft mir zum ersten Mal der Motor ab. Von da an beginnt eine Serie von Starten, Stottern und Absaufen. Neben dem Parkplatz steht ein Mann in seinem Garten und schaut zu mir hinüber. Ich ignoriere ihn, komme aber nicht umhin, mir vorzustellen, was der neben dem Mobility-Parkplatz schon alles zu sehen bekommen hat. Der könnte wahrscheinlich ein Buch über Leute wie mich schreiben. Ich hüpfe weiter aus dem Parkplatz bis auf die Strasse, immer verzweifelter. Ich beschliesse, den Motor ein Weilchen auszuschalten. Der Trick 77 bei allen Maschinen. Tatsächlich kann ich den Motor beim nächsten Mal problemlos starten und in den zweiten Gang schalten. Alles läuft wie auf Butter. Den Hals gereckt, das rechte Bein total verkrampft, fahre ich bis zur ersten Ampel. Bremsen, kuppeln, runterschalten, warten, Gas geben, kuppeln, schalten. So langsam komme ich in den Flow. Mist, die Ampel auf der anderen Seite der Bahnunterführung steht auf rot. Ich muss am Hang anfahren. Der Schleifpunkt war an meinen drei Fahrprüfungen nie das Problem, versuche ich mich zu beruhigen. Tatsächlich schaffe ich das Anfahren ohne zurückzurollen. Dann schleiche ich die Technikumstrasse entlang. Mit dem Fahrrad wäre ich längst im Industriegebiet, denke ich. Aber solche Gedanken sind müssig, wenn man schon in seinem Mobility-Auto im Stau steht. Der Verkehr ist so dicht, dass die Ampeln nicht mehr nachkommen. Prompt komme ich mitten auf der Kreuzung zu stehen und blockiere den Autos, die von links kommen die Durchfahrt. Wütendes Gehupe, runtergelassene Fensterscheiben, hinter denen rote Köpfe mit hervortretenden Adern und offenen Mündern zu sehen sind. Sie rufen etwas zu mir hinüber. Ich will es lieber nicht hören und bin jetzt froh, dass ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich mein Fenster öffnen kann. Unangenehm ist es trotzdem. Ich sinke tief in den Sitz und rolle noch 20 Zentimeter vor, mehr geht nicht. Fast schlüpfte ich unter den Lastwagen vor mir.

Als ich endlich zum Parkplatz meines Einkaufszentrums abbiege, habe ich den nächsten Schreckmoment: Das geht ja in die Tiefgarage runter! Mist, brauchte ich jetzt Licht? Und welches? Standlicht, Abblendlicht, Scheinwerfer… Irgendein Licht habe ich ja schon. Das muss reichen, beschliesse ich. Die Tiefgarage ist ja auch noch beleuchtet. Mit angehaltenem Atem fahre ich die enge Kurve hinunter. Da steht der Kasten mit den Tickets und die Schranke. Ich fahre ganz nahe ran und öffne die Fensterscheibe. Rechts hinter mir summt es. Ich probiere den nächsten Knopf und es summt beim Beifahrersitz. Beim dritten Knopf klappt es. Die Scheibe links von mir gleitet nach unten und ich kann mein Ticket mit ausgestrecktem Arm problemlos ziehen. Ha, ich musste nicht aussteigen! Stolz, mit dem Ticket zwischen den Zähnen und mit drei offenen Fensterscheiben fahre ich in die fast leere Parkhalle.

Ob man’s glaubt oder nicht: Das Einparken im Parkhaus und die Rückfahrt verlaufen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ich beglückwünsche mich. Ich habe es einmal mehr geschafft, unfallfrei meine Erde und Pflanzen für den Balkon zu beschaffen. Die Kehrseite davon: Ich könnte nächsten Frühling wieder ins Mobility-Auto steigen und ins Einkaufszentrum im Industriegebiet fahren.

 

Auswahl einer Auswahl einer Auswahl

Für einmal möchte ich hier, statt einen eigenen „literarischen“ Text zu schreiben, ein paar Eindrücke und Tipps von der Leipziger Buchmesse weitergeben. Aber Achtung: Die Leipziger Buchmesse umfasst rund 3000 Veranstaltungen. Die umfassen nebst Belletristik und Lyrik auch Sachbücher und fremdsprachige Literatur. Was ich in den vergangenen fünf Tagen gesehen und gehört habe, ist also nicht mehr als ein Tropfen im Ozean der deutschsprachigen Literatur.

Mein Auftakt zur Buchmesse war ein literarischer Stadtspaziergang mit der „Leipzigerin“. Er begann am Goethe-Denkmal und endete beim Auerbachkeller (bekannt durch den Ritt auf dem Weinfass im Faust). Als Stadt der Verlage und des Buchdrucks war Leipzig schon früh Magnetpunkt für viele Dichter. Ein Text, den die Leipzigerin unter anderem vorgetragen hat, möchte ich euch nicht vorenthalten. Goethe schrieb das folgende Gedicht an einer Feier, an der man ihm im Scherz den Auftrag gab, mit den Wörtern „Haustürklingel“ und „Mädchenbusen“ ein Gedicht zu schreiben. Der junge Goethe nahm die Herausforderung an:

Die Haustürklingel an der Wand
Der Mädchenbusen in der Hand
Sind beides Dinge wohlverwandt
Denn, wenn man beide leis berührt
Man innen drinnen deutlich spürt
Dass unten draussen einer steht
Der sehnsuchtsvoll nach Einlass fleht.

Wie viele andere Dichter und Denker, lebte und schrieb auch der junge Autor Erich Kästner in Leipzig. Nach dem Studium arbeitete er als Redaktor bei der „Neuen Leipziger Zeitung“. Als er 1927 zum Beethoven-Jubiläumsjahr das erotische Gedicht Abendlied des Kammervirtuosen in der „Plauener Volkszeitung“ veröffentlichte, wurde er gefeuert.

Mein diesjähriger Leipzig-Schwerpunkt aber war der Krimi. Was mich sehr beeindruckt hat, das war das Kriminalroman-Debüt von Marie Reiners. Sie schreibt seit drei Jahrzehnten Drehbücher („Morden im Norden“, „Mord mit Aussicht“ u.v.a.) und hat einen fantastischen schwarzen Humor. Auf der Buchmesse hat sie den Anfang von Frauen, die Bärbel heissen gelesen – und ich habe Tränen gelacht. Sicher lesen werde ich auch Der weisse Affe von Kerstin Ehmer. Dieser Krimi spielt im Berlin der 20er-Jahre und ist sehr packend geschrieben. Klaus-Peter Wolf ist mit seinen Ostfriesen-Krimis und zahlreichen anderen Krimis, Romanen, Hörspielen und Kinderbüchern ja ein alter Hase im Literaturgeschäft. Sein Krimi Ostfriesen Fluch interessiert mich, weil es um die Entführung von Frauen geht. Dabei verlangt der Täter kein Lösegeld. Was geschieht, wenn Frauen einfach verschwinden? Spannend, spannend.

Auf der Leipziger Buchmesse sind die Autorinnen und Autoren zum Greifen nah. Man  kommt leicht ins Gespräch. Besonders beeindruckt hat mich die Begegnung mit Lukas Hartmann. Seinen neuen Roman Ein Bild von Lydia werde ich sicher lesen. Darin geht es um die skandalöse Liebe von Lydia, der Tochter von Alfred Escher, mit dem Künstler Karl Stauffer in der Belle Epoque. Poppy J. Anderson ist Autorin von Liebesgeschichten und war schon früh sehr erfolgreich im Selfpublishing. Sie hat, wie ich, ein Buch mit dem Titel „Nur ein Kuss“ veröffentlicht. Ich habe sie auf der Buchmesse angesprochen und ihr ein Exemplar meines Kurzgeschichtenbands geschenkt, eine schöne Begegnung.

Falls ich euch mit meiner winzigen Auswahl einer Auswahl einer Auswahl einer Auswahl von der Leipziger Buchmesse ein bisschen gluschtig gemacht habe, freut mich das. Bis zur nächsten Leipziger Buchmesse werde ich meine um Vieles längere Leseliste wohl nicht abarbeiten können. Macht aber nichts.