Die haben ja nicht alle Wagen am Zug!

Vorgestern bin ich wieder mit der deutschen Bahn gereist. Die Reise begann frühmorgens um 7:12 Uhr. Nachdem wir uns im Morgengrauen aus unseren Betten gequält und mich meine Freundin zum Bahnhof gefahren hatte, hatte die S-Bahn „wegen Abwarten eines verspäteten Intercity-Zuges“ ihrerseits Verspätung. Doch während S-Bahnen verspätete Intercity-Züge abwarten, warten Intercity-Züge leider keine verspäteten S-Bahnen ab. Wo kämen wir denn da hin? Und so hatte ich das Nachsehen. Mein ICE nach Karlsruhe war weg, als ich um viertel vor Acht in Nürnberg einfuhr. Leider musste ich am DB-Schalter in Nürnberg ziemlich lange warten bis ich mein Sparticket umbuchen konnte, sodass in der Zwischenzeit auch der Zug mit der Verbindung via Frankfurt abgefahren war. Immerhin erhielt ich für die nächste Verbindung via Karlsruhe – zwei Stunden später – sogar meine Platzreservationen umgebucht.

Als ich nach einem Bummel durch die Bahnhofsgeschäfte und einer Tasse Tee mit meinem Rollköfferchen in die Bahnhofshalle zurückkehrte und auf die Abfahrtstafel schaute, stand da bei meinem Zug: „Dieser Zug verkehrt ohne Wagen 10“. Wie gut, dass meine Reservation für Wagen 9 war! Ich fand meinen Platz,  über dem „ggf. freigeben“ stand und auf dem schon ein Passagier sass. Der machte gutmütig Platz und setzte sich auf einen anderen Sitz, auf dem ebenfalls „ggf. freigeben“ stand. Ich sah mich um und stellte fest, dass über allen Sitzen „ggf. freigeben“ stand. Das habe mit dem Ausfall des Wagens 10 zu tun, erklärte mir eine andere Passagierin. Fand ich nicht logisch und vor allem nicht kundenfreundlich, aber egal.  Ich setzte mich.

Die Fahrt im ICE ohne Wagen 10 verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Da es Mittwochvormittag war, war der Zug nicht überfüllt, sodass auch die wagenlosen Passagiere auf den freien Plätzen mit dem Vermerk „ggf. freigeben“ Platz fanden. Ich wunderte mich allerdings schon ein bisschen darüber, warum es ausgerechnet Wagen 10 nicht geschafft hatte, mitzufahren. Hatte er sich abgehängt und war irgendwo auf der Strecke stehen geblieben? War er unterwegs aus dem Gleis gesprungen und seinen eigenen Weg gegangen? Stand er ganz allein auf einem Abstellgleis oder hatte er sich einem anderen Zug angehängt und fuhr fröhlich durch deutsche Lande? Warum passierten bei der Deutschen Bahn immer wieder solche komischen Sachen und in der Schweiz nicht? Da plötzlich wurde mir klar, was es mit Wagen 10 auf sich hatte: Er war zu den SBB übergelaufen, weil er es satt hatte, mit „ggf. freigeben“-Anzeigen durch die Gegend zu fahren und immer zu spät zu kommen.

Der Eisvogel im öden Einerlei

Neulich waren meine Schwester und ich wieder einmal spazieren. In einer wunderschönen Flusslandschaft blieben  wir an einer Tafel stehen, die über die  Renaturierung und die Bedeutung der Artenvielfalt informierte. Und wie auf all diesen Tafeln – überall in der Schweiz – war darauf als Beispiel für die Artenvielfalt der Eisvogel abgebildet. Abgesehen davon, dass ich es ein bisschen eintönig finde, wenn man auf allen Tafeln über Artenvielfalt an allen renaturierten Flusslandschaften den gleichen Vogel abbildet, habe ich noch nie einen Eisvogel gesehen. Gibt es den Eisvogel wirklich in der Schweiz und ich war einfach zu ungeduldig oder zu wenig neugierig, um ihn zu entdecken? Oder ist er inzwischen ganz ausgestorben und ziert nur noch veraltete Informationstafeln? Ich hoffe natürlich ersteres. Doch im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz punkto Artenvielfalt ja nicht gerade Klassenbeste. Dabei ist eine Vielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt wichtig für die Natur und den Fortbestand unseres Lebensraums. Das leuchtet irgendwie jedem ein. 

Mit dem Eisvogel im Kopf fuhr ich nach unserem Spaziergang nach Bern zurück, wo ich durch die Spitalgasse und weiter durch die Marktgasse ging. Dort reihte sich H&M, Lush, Tschibo, Weltbild an Migros und Coop; die gleichen Geschäfte, die man auch an der Marktgasse in Winterthur, an der Bahnhofstrasse in Zürich und in allen grösseren Städten der Schweiz antrifft. Ich sah mir die jungen Frauen an, die mir entgegen kamen: Alle trugen langes, offenes und gerades Haar und kurze Shorts. Ich ging in einen Buchladen, in dem die gleichen Bestseller Auflagen, die ich am Tag davor in einem anderen Buchladen in einer anderen Stadt gesehen hatte. Im Bus traf ich eine Kollegin, die von einer Reise erzählte, die drei Bekannte von mir letztes Jahr auch schon gemacht hatten, mit dem Unterschied, dass sie die Insel in umgekehrter Richtung umrundete. Zu Hause telefonierte ich mit einer Freundin und sie erzählte mir von einem interessanten Artikel, den sie im „Tages-Anzeiger“ gelesen hatte. Ich hatte den gleichen Artikel im „Bund“ gesehen. 

Ich will euch, liebe Leserinnen und Leser, nicht weiter mit diesem öden Einerlei langweilen. Jedenfalls finde ich, wir sollten uns in unserer von Globalisierung, Massenproduktion und Massenmedien geprägten Welt wieder mehr auf die Vielfalt und Einzigartigkeit in und um uns besinnen. Sonst ergeht es uns irgendwann wie dem Eisvogel auf der Informationstafel. 

Sommer-Hit 2017

Liebe Leserinnen und Leser

Alle, die schon seit Wochen ungeduldig auf den Sommer-Hit 2017 warten: Hier ist er! Ihr wisst schon, mit einem kühlen Getränk und Shoulder-Action singt er sich am besten nach der Melodie eurer Wahl. Und ihr solltet dazu natürlich schnippen, viel schnippen!

Ba-ba-ba-basilikum
Basilikum, sei’s drum
duftend, zart und grün
wächst er mir über die Ohren.

Pesto mag ich gern,
doch Tomaten-Mozzarella-Salat
ess‘ ich nur wegen dem
Ba-ba-ba-basilikum.

Die Minze rund herum,
die wächst mir bis zum Hals
bis ich sie trinke ohne
Ba-ba-ba-basilikum.

Nein, dazu nehm‘ ich Zitrone.
Doch weil die hier nicht wächst,
hol‘ ich sie mir beim Coop.
So geht Sommer!

Oder war das die Werbung
von der Migros?
Egal. Zum Schluss nochmals:
Ba-ba-ba-basilikum!

 

Klassenzusammenkunft

Gestern fuhr ich mit dem Zug von Bern nach Zürich. Am Abend sollte die Klassenzusammenkunft mit meiner Gymi-Klasse stattfinden. Ich wählte meine Kleider an jenem Morgen etwas bewusster als auch schon, inspizierte beim Blick in den Spiegel meine grauen Haarsträhnen, die Augenfältchen und dachte, dass mich wohl noch niemand von meiner damaligen Klasse mit Brille gesehen hat. Es geht allen gleich, tröstete ich mich, verabschiedete mich von meinem Spiegelbild und stieg mutig in den Zug. Der Zufall wollte es, dass im Abteil schräg hinter mir zwei schwerhörige Rheintalerinnen sassen, die offensichtlich ebenfalls auf den Weg zu einer Klassenzusammenkunft waren. Ich packte mein Strickzeug aus und hatte auf dem ganzen Weg nach Zürich beste Unterhaltung. Ich schätzte die beiden Damen auf Jahrgang 1945. Erst wurden die Kolleginnen und Kollegen ihrer ehemaligen Schulklasse durchgenommen. Wer war gestorben, wer litt an welcher Krankheit, wer wohnte wo, geschieden oder mit einem neuen Partner zusammen. Dann ging man über zu deren Geschwister. Als auch dieses Thema erschöpft war, sprachen die beiden Frauen von ihren Enkelkindern. Wie oft sie diese hüteten und wie wichtig ihre eigenen Grosseltern für sie damals gewesen waren. Die eine meinte allerdings, ihre Basler Grossmutter hätte ihre Cousinen und Cousins lieber gehabt als sie. Ihr hätte sie immer nur so kratzige Strumpfhosen gestrickt. Ich war versucht, einzuwenden, dass es doch ein Liebesbeweis war, wenn man jemandem ein paar Strumpfhosen strickte. Aber halt, ich war ja im Zug und nicht beim Mitmach-Radio. Da galt es, die Privatsphäre der Damen zu respektieren. Der Zug hatte Olten passiert, da kam das Thema, wie nicht anders zu erwarten, auf Gebrechen, Abnützungserscheinungen, Operationen und Therapien. Naja, dachte ich, das finde ich jetzt nicht so interessant und hing meinen eigenen Gedanken nach. Aber dann, auf der Höhe von Dietikon horchte ich wieder auf. Die Rheintalerinnen redeten über eine Bekannte, die einen neuen Partner habe, mit dem sie aber nicht zusammenwohne. Sie würde das auch nicht mehr wollen, sagte die eine. Einen Partner, ja, aber zusammenwohnen, nein danke, bekräftigte die andere. Man habe inzwischen ja so seine Mödeli und, nun ja, es müsste einer also schon SEHR pflegeleicht sein, dass man ihn sich jetzt noch ins Haus holen würde. Ich strickte nachdenklich weiter und fragte mich, ob ihre Männer das auch so sehen würden.

Meine eigene Klassenzusammenkunft fand fast in reiner Frauengesellschaft statt, denn wir waren eine Lehramtsklasse. Wir redeten noch nicht über Gebrechen und gestorben war zum Glück auch noch niemand. Als Mittvierzigerinnen sprachen wir viel über Veränderungswünsche im Beruf, und natürlich wurden auf den Handys Fotos der Kinder gezeigt. Als ich auf dem Heimweg mein Strickzeug wieder hervorholte und den Abend in Gedanken Revue passieren liess, dachte ich, dass ein Thema im Gegensatz zu unserer Gymizeit doch sehr stiefmütterlich behandelt wurde: …

An dieser Stelle war eigentlich eine Pointe vorgesehen, doch die wurde auf halber Strecke zwischen Zürich und Bern vom Zug überfahren. Echt schade, ist das!

 

Eselsbrücken

Wir singen die Stücke am Chorkonert auswendig. „Ja klar, kein Problem!“, sagte ich damals bei meinem Choreintritt zum Chorleiter. Doch damals waren ich und mein Gedächtnis noch ein Jahr jünger. Ausserdem wusste ich nicht, dass zum Repertoire auch ein Romanisches, ein Afrikanisches und ein Russisches Lied gehörten.

Nun übe ich schon seit Wochen die zweite und die dritte Strophe der russischen Serenade. Die erste Strophe ging ja noch, weil wir zum Üben immer die sangen. Aber die zweite und dritte, die gehen mir einfach nicht in den Kopf. Eine Kollegin vom Alt merkt sich den Anfang der zweiten Strophe mit „Salami“. Auf Russisch heisst es aber Salowi, wobei wir uns im Chor nicht ganz einig sind, ob man das wie „Sajowi“ oder „Salowi“ ausspricht. Das „o“ wird sehr offen ausgesprochen, sodass es wirklich fast wie ein schweizerisches „a“ tönt. Und wenn man das „m“ von „Salami“ auf den Kopf stellt, ist es wie ein „w“, also „Salawi“. Dann kommt „dafno“, was ich mir mit der Göttin „Daphne“ merke und das nächste Wort „sapéli“ klingt wie „Seppli“. Allerdings spricht man „sapéli“ mit einem stimmhaften „s“ aus. Auch dafür habe ich eine Eselsbrücke gefunden, wobei es sich schon fast eher um einen Dinosaurierviadukt handelt: Unser Nachbar hiess Seppli und er kam jeweils zu uns zum Klavierüben. Das Klavier war oft verstimmt. Also fassen wir zusammen: „Sapéli“, fast wie Seppli und mit stimmhaftem „s“. So geht das weiter mit der zweiten und dritten Zeile. In der dritten Strophe kommen zwei ähnliche Wörter vor: Zuerst „otschi“ und dann „notschi“. Aber das ist logisch, dass beim zweiten Mal noch etwas dazu kommt, sonst wäre es ja langweilig. Auch dass dieses Etwas ein „n“ ist, leuchtet ein. „n“ wie „Nacht“. Denn „notschi“ heisst auf Russisch „Nacht“. Das ist geschenkt.

Auch die deutschen Lieder haben es in sich. Der Winter scheidet („sch“, wie Schnee), der Frühling vergeht („vergeht“, beginnt wie Frühling mit „f“), das Jahr verweht, also auf ein langes „aaa“ folgt ein langes „eee“. „Vergeht“ hat zwar auch ein langes „eee“, aber das ist ja dann schon vom Frühling verbraucht. Dann wäre da noch die musikalische Aufteilung der Silben. Wie lange sind die „bleibs“ im Abendlied? Zuerst bleibt (wer auch immer) sieben Schläge, also eine ganze Woche, dann fünf, also immerhin noch von Montag bis Freitag, bis er oder sie schliesslich nur noch vier Schläge bleibt, also eine volle Taktlänge. Und so weiter und so fort.

Mitunter gibt’s halt doch noch ein Durcheinander. Zum Beispiel werden die Strophen verwechselt, sodass die Mutter in „Schlaf Chindli Schlaf“ plötzlich Lämmeli schüttelt, oder im Zwischenteil von „Gute Nacht“ singt die Hälfte des Sporans plötzlich „a-ah“ statt „do-do“.

Am Schluss kommt es sicher richtig, schliesslich sind wir gut vorbereitet und mit der nötigen Konzentration und einem Schuss Adrenalin wird es schon klappen. Trotzdem habe ich natürlich ein bisschen den Tötterli und hoffe, dass das Klavier am Konzert nicht verstimmt ist, Seppli auch wirklich kommt und bis über das Abendlied hinaus bleeeeeeeeeeeibt.

Die Bucket-List vom Borough Market

Vor rund zwei Jahren habe ich auf diesem Blog einen Text mit diesem Foto vom Borough Market in London gepostet. Auf dem Foto ist eine Wandtafel abgebildet, darauf heisst es: „Before I die I want to…“. Die Leute, die den Markt besuchen, können im Vorbeigehen den Satz mit Kreide ergänzen. Auf der Wandtafel stehen Sätze wie: „…travel the globe. …do everything at least once. …find happiness in the simple things.“ und so fort. Ich machte ein Foto davon, denn mir gefiel diese Gedankenspielerei über ein ernstes Thema an einem alltäglichen Ort. Die sogenannte „Bucket-List“, die Liste der Dinge, die man noch tun möchte, ehe man „den Bucket kickt“ (frei übersetzt: ins Gras beisst) erschien mir so typisch für die Briten und ihren makaberen Humor. Jedenfalls könnte ich mir eine solche Tafel am Zürcher Bürkliplatz nicht vorstellen.

Nach den jüngsten Geschehnissen beim Borough Market in London haben jener Blogbeitrag und das Foto für mich eine ganz neue Bedeutung erhalten. An Stelle des leichten Gedankenspiels auf der Wandtafel ist ein schrecklicher Kampf um Leben und Tod getreten. Brutal, unerwartet und völlig sinnlos wurde das Leben von sieben Menschen ausgelöscht. Entsetzt, traurig, wütend und ratlos schaut die Welt auf den Borough Market.

Für die sieben Menschen, die bei diesem Terrorattentat ums Leben kamen, hoffe ich, dass sie ihre Träume gelebt haben. Und ich bedauere zutiefst, dass die drei Attentäter offensichtlich keine Träume hatten und sinnlos Leben verschwendeten.

Afternoon Tea at Pemberley

Leider war es kein Tea for two. Mr. Darcy, der Held in Jane Austen’s Roman „Pride and Prejudice“, glänzte einmal mehr durch Abwesenheit und liess mich mit meinem Teapot und einem üppig beladenen Cakestand allein. Aber wen kümmert schon Mr. Darcy, wenn man in ein Gurkensandwich beissen und dabei zwei knackigen Bauarbeitern zuschauen kann, die gerade das Dach des Seitenflügels von Lyme Park, alias Pemberley, reparieren? Denn, wie heisst es doch so schön: Lieber das Gurkensandwich in der Hand als den Darcy auf dem Dach. Jedenfalls konnte ich mich ohne Mr. Darcy ungeniert über die Köstlichkeiten auf dem Cakestand vor mir hermachen ohne mit ihm angestrengt übers Wetter reden zu müssen. Dank meinem Regency-Kleid, das in der Taille nicht geschnürt ist, standen auch den Scones und dem Cheescake auf den oberen Etagen nichts im Weg. Und während ich mir den Afternoon Tea einverleibte, liess ich meine Augen zu den Bauarbeitern und meine Gedanken zu Mr. Darcy schweifen.

In Lyme Park wurden in den 90er-Jahren Szenen für die Serie „Pride and Prejudice“ gedreht. Der Park und das Haus dienten als Landsitz „Pemberley“ von Mr. Darcy. Die Innenaufnahmen stammen allerdings von einem anderen Ort. Es ist schon interessant, was so eine Filmkulisse mit einem macht. Natürlich suchte ich jeden Winkel ab und freute mich über jede vertraute Ecke: Die Stelle, wo der vom Schwimmen klitschnasse Darcy der schockierten Elisabeth Bennet begegnet, der Innenhof, durch den Mr. Darcy stürmt, um Elisabeth aufzuhalten, der Gehweg mit den Treppen vor dem Haus, wo Darcy Elisabeth zum Dinner einlädt… So in Gedanken versunken verschwanden das Lachs- und das Egg-Sandwich von der untersten Etage meines Cakestands. Aber so ganz überall stimmten die Fakten von Lyme Park mit der Fiktion von Pemberley dann doch nicht überein. Etwas enttäuscht war ich ja vom Darcy Pond, der Teich, in den der erhitzte Darcy springt. Er liegt etwas abseits von der „Hall“, wie die Engländer die Gebäude der grossen Estates nennen, und ist eine klägliche Brühe mitten in der Schafweide. Grinsen musste ich auch, als ich die Geschichte der Familie Legh las, in deren Besitz Lyme Park war. Einer der Landlords hatte sieben Kinder von sieben verschiedenen Frauen, von denen er keine einzige ehelichte. Was wohl Mr. Darcy dazu gesagt hätte? Die Scones waren vorzüglich, natürlich mit clotted Cream. Ich goss mir eine Tasse Tee nach. Die Bauarbeiter hatten das Baugerüsts inzwischen um eine weitere Etage erhöht.

Ich gab ein Stück Zucker in meinen Tee und rührte um. Bevor ich mich dem Cheesecake widmen konnte, musste ich eine kurze Pause einlegen. Ja, was es wohl mit diesem Mr. Darcy auf sich hat, dass wir Frauen ihn so lieben? Er war doch ziemlich verstockt und arrogant und im Grunde ein humorloser Voyeur. Zudem sprang er in stinkende Tümpel. Ist es wirklich das, was wir Frauen wollen? Nun gut, Mr. Darcy hat Lizzie und ihre Familie vor einem Skandal gerettet. Er sah gut aus – und er hatte ich weiss nicht wie viele „Thousands a year“. Und da kommen wir der Wahrheit doch gefährlich nahe. Darcy’s Besitz spielt nämlich eine zentrale Rolle in der Liebesgeschichte zwischen ihm und Lizzie. Als nämlich Lizzie von ihrer Schwester gefragt wird, wann sie sich genau in Mr. Darcy verliebt habe, sagt sie: „When I First saw the beautiful Grounds of Pemberley.“ Dementsprechend beginnt auch das Buch mit den Worten: „It’s a truth universally acknowledged that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Wie unromantisch! Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist „Pride and Prejudice“ DIE Romanze der englischen Literatur. Denn was will frau mehr als einen reichen Mann mit einem edlen Gemüt?

Ich griff zum Cheescake, um mir diese Erkenntnis zu versüssen und sah mit etwas Bedauern zu den Bauarbeitern auf dem Dach hoch, die vielleicht ein edles Gemüt aber bestimmt keine „X-Thausends a year“ hatten.

Im Bilderbuch „Hope Valley“

Als ich diesen Morgen nach dem Aufwachen einem Eichhörnchen vor meinem Schlafzimmerfenster zuschaute, wie es von Ast zu Ast sprang, dachte ich, heute wird ein guter Tag. Immerhin bin ich im Hope Valley, einer Landschaft wie im Bilderbuch. Darum hat es mich auch wenig erstaunt, als ich später auf meiner Wanderung durch die Eichen- und Ahornwälder den Kuckuck hörte und ein Hase vor mir über den Weg hoppelte. Der Waldboden war übersäht von Bluebells, am Wegesrand murmelte ein Bächlein und auf den Wiesen weideten die Schafe. So ist das eben in der Bilderbuchwelt. Wahrscheinlich werden die Bluebells morgen anfangen zu bimmeln, der Wind wird mir zuflüstern und die knorrigen Eichen ihre Äste nach mir ausstreckten. Übermorgen werde ich den Nektar der Blüten trinken, auf einem Grashüpfer reiten, in einer Baumnussschale den Bach hinunter treiben, einen Tannzapfenhut tragen, und in einem Pilzhaus wohnen. Ja, so ist das eben im Bilderbuch. Und so wird es auch bleiben, bis ich mit voller Wucht gegen den Bilderbuchdeckel knallen werde und da „The End“ steht. Denn leider sind es ja nur Ferien im „Hope Valley“ und ich muss wieder nach Ostermundigen zu meinem Hochhaus zurück.

Wäsche im Wind

Neulich war ich mutig. Ich habe meine Wäsche mal wieder draussen aufgehängt statt im Trocknungsraum unten im Keller. Unter den Argusaugen von Frau Mötteli und Co. wagte ich mich über schmucklose Betonplatten auf frisch getrimmtem Rasen zu den säuberlich einbetonierten Wäschetrocknungsvorrichtungen im Niemandsland zwischen den Wohnblöcken vor. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hängte meine Shirts, Hosen, Pyjamas, Duvets und Fixleintücher an die Leinen. Der Wind fuhr durch die frische Wäsche, dass es eine Freude war. Die Duvets standen fast waagrecht. Das würde ratzfatz gehen, bis alles trocken war, freute ich mich. Kleines, Intimes hängte ich natürlich bei mir oben in der Wohnung an den kleinen Wäscheständer. Doch in der dritten Ladung – eine Weisswäsche – waren dann halt doch noch ein BH und zwei Unterhosen drin, die ich unten aufhängte. Ich platziere die einfach zwischendrin, da sieht sie keiner, sagte ich mir.

Nach dem Waschen, traf ich mich in der Stadt mit einer Freundin zum Mittagessen, konnte mich aber gar nicht richtig entspannen. Würde die Wäsche bis zum Abend trocknen oder im starken Wind davonfliegen? Was war mit der Unterwäsche? Konnte man die von den oberen Wohnungen her nicht doch sehen? Was, wenn jemand eines meiner Pyjamas klaute? Zwischendurch schien es mir, der Himmel habe sich verdunkelt. Würde es anfangen zu regnen? Die Wäsche!

Meine Sorge war umsonst. Alles klappte wie am Schnürchen: Die Wäsche windete nicht davon, sie trocknete schnell, nichts wurde gestohlen und die weisse Unterwäsche sah man zwar, aber was soll’s. Als ich die Wäsche abnahm, dachte ich: Mensch, wenn dich die Wäsche dermassen beschäftigt, hast du wirklich keine echten Sorgen mehr. Jetzt bist du auf dem Niveau angelangt, auf dem man sich darüber ereifert, ob es auf der Post an jedem Schalter einen Papierkorb für die gezogenen Nummernzettelchen gibt oder nicht, ob es beim Grossverteiler für das Abfüllen der Pilze nebst Plastik- auch Papiersäckchen gibt oder nicht, ob man sich mit dem Abwaschmittel auch gleich die Hände pflegt oder nicht, ob man im Flugzeug auf dem Langstreckenflug vor dem Essen ein heisses, feuchtes Waschläppchen bekommt oder nicht und vor allem ob man die Tabs für den Geschirrspüler aus der Folie nehmen muss oder nicht (das gilt übrigens auch für WC-Duftsteine). Kurz, auf dem Niveau der Erst-Welt-Probleme.

So schön es ist, keine echten Sorgen zu haben, so wenig bin ich geneigt, das Feld den Erst-Welt-Problemen zu überlassen. Ich muss wieder öfters raus aus der Komfortzone, dachte ich, während ich die trockenen Duvets, Shirts und Pyjamas von der Leine nahm und beschloss, meine Wäsche in Zukunft häufiger draussen aufzuhängen.

Mit dem Liegestuhl verschmolzen

An Ostern war das Tessin ziemlich voll. Was sich auf der Gotthardstrecke als 14 Kilometer Blech manifestierte, schob sich wenige Stunden später als menschliche Fleischmasse durch Locarnos Gassen. Ich hatte das Glück, eine Gartenwohnung mit einem wunderbaren Sitzplatz zu haben, wohin ich mich zurückziehen konnte. Die Aussicht auf den Lago Maggiore und den Gambarogno war traumhaft. Obwohl ich meinen Balkon nicht dabei hatte, war die Symbiose mit dem Liegestuhl perfekt. Ich verbrachte viel Zeit mit Lesen und Schreiben.  So habe ich mich unter anderem auf  Folgendes vorbereitet:

Mein erster Poetry Slam!

Am Dienstag, 2. Mai werde ich im Albani Music Club Winterthur zum ersten Mal an einem Poetry Slam teilnehmen und mich dort mit anderen Neulingen sowie mit gestandenen Slammerinnen und Slammern messen. Der Slam wird von Patrick Armbruster und Etrit Hasler moderiert und beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt kostet 10 Franken, einen Vorverkauf gibt es meines Wissens nicht. Schaut vorbei, wenn Ihr Zeit und Lust habt. Ich werde neue Texte lesen und würde mich über eure Unterstützung freuen.