Kein Gedicht

Einpacken, auspacken, Einräumen, ausräumen, wegräumen, aussortieren, wegwerfen – ich weiss ja nicht, was bei einem Umzug so im oberen Stübli abgeht. Tatsache ist, dass ich die Kiste, in der meine Ideen wohnen, noch nicht gefunden und ausgepackt habe.

Immerhin war ich in meiner ersten Woche in Winterthur schon an einem kulturellen Anlass: Ein sehr stimmungsvoller Poesie-Abend von Literatur Winterthur. Dabei ist mir bewusst geworden, dass ich auf meinem Blog schon lange nicht mehr gedichtet habe. Und so habe ich mich hingesetzt und es ist mir kein Gedicht gelungen:

Dieses Gedicht
will sich nicht reimen,
will keinem gefallen,
will keinem gehören,
Dieses Gedicht
hat keinen Rhythmus,
hat keinen Sinn,
hat keine Bilder,
hat keinen Witz,
hat kein Gefühl,
hat keine Worte,
hat keinen Schmerz,
hat keinen Kopf
und hat kein Herz.
Dieses Gedicht
hat keinen Anfang,
und kein Ende.
und doch ist es ein Gedicht.
Oder kannst du etwa das Gegenteil beweisen?

Zwischen den Umzugskisten

In den letzten Tagen habe ich mein Bernisch wieder upgebrusht. Ein Gigu ist ein Schnäbi, erklärte man mir in der Beiz nach der Chorporbe. Warum wir auf dieses Wort kamen, weiss ich allerdings nicht mehr. Und neulich meinte mein Optiker, es „gubti“ verschiedene Möglichkeiten für meine Sehschwäche, mit einer Lesebrille „gsuuchti“ ich aber besser, ohne dass ich meine Kopfhaltung anpassen müsse. Heute im Bus dann das Kontrastprogramm: eine Gruppe St. Galler sprach vom neuen Tibits, das es in St. Gallen geben soll. Und jedesmal, wenn ich dieses St. Gallische „i“ hörte, zuckte ich zusammen. „Tibits“ ist ja auch ein fieses Wort für St. Galler.

Im Moment bin ich aber nicht nur sprachlich zwischen den Fronten. Seit einer Weile steht hinter meinem Haus das Bauprofil für das neue Hochhaus des Zentrums Bären. Es wird den letzten Rest meiner Aussicht auf den Bantiger versperren. Das alte Swisscom-Hochhaus vor meinem Haus will man jetzt, nachdem es mehrere Jahre leergestanden ist, an Künstler vermieten. Im „Bund“ klang das alles sehr innovativ und lässig. Doch wie verzweifelt muss man als Immobiliengesellschaft sein, bis es soweit kommt?

Ich habe lange überlegt. Die Option, zwischen zwei Hochhäusern zu wohnen, scheint mir wenig attraktiv: Sollte ich also Künstlerin werden und mich im Hochhaus vor meinem Haus einmieten oder sollte ich dem verlockenden Slogan „wohnen über Mundigen“ folgen und mir im neuen Hochhaus eine Wohnung nehmen? Ein bisschen Künstlerin bin ich vielleicht schon – und so eine Yupie-Loft über Mundigen wäre auch nicht uninteressant, aber eigentlich bin ich auch in diesem Fall weder Fisch noch Vogel. Und so, zwischen Berndeutsch und St. Gallerdeutsch, Swisscom-Hochhaus und Zentrum Bären, Künstlerin und Yupie habe ich mich dazu entschlossen, hier wegzuziehen. Nach Winterthur, wo ich mich mit Zürischnure, als Hobbykünstlerin und mittelalterliche urbane Intellektuelle nicht nur wohl sondern auch heimisch fühle.

„Nur ein Kuss“ ist da!

«Nur ein Kuss» – aber was heisst da «nur»? Geküsst wird schliesslich oft und überall. Zehn Kurzgeschichten und eine Legende führen in die 80er-Jahre und in die Gegenwart, in die Mundhöhle und in die Welt der Märchen, ins Tessin und an die Kantonsschule Zürcher Oberland. Humorvoll, philosophisch, haarsträubend und immer überraschend spiele ich mit einem Thema, das den Alltag und menschliche Beziehungen prägt.

Der Kurzgeschichtenband «Nur ein Kuss» ist im Taschenbuchformat erschienen und umfasst 140 Seiten. Er ist jetzt im Handel als Paperback-, Hardcover und E-Book-Ausgabe erhältlich. Diverse Buchläden im Zürcher Oberland und in Winterthur (keine Ketten) bieten ihn zum Kauf an, zudem ist er auf allen Online-Plattformen des Buchvertriebs erhältlich:

Paperback       ISBN 978-3-7439-3771-0
Hardcover       ISBN 978-3-7439-3772-7
e-Book              ISBN 978-3-7439-3773-4

Innerhalb der Schweiz können Paperback-Exemplare auch direkt bei mir bezogen werden (Preis: 14.00 CHF, zuzüglich Versandkosten; Lieferzeit (Schweiz): 3-5 Tage; Bezahlung: Rechnung). Bestellungen nehme ich hier gerne entgegen.

Übrigens: Für die Werbung habe ich einen A6-Flyer (doppelseitig bedruckt) produziert. Diesen schicke ich gerne bündelweise an alle, die Lust und die Möglichkeit haben, diesen weiterzuverbreiten.

Richtig einkaufen

Ja, ich gebe es zu. Neulich war ich mal wieder in Konstanz zum Einkaufen. Ich mache das natürlich nicht oft, nur so zweimal im Jahr. Das ist doch o.k., oder? Ich meine, ich kaufe dafür nie auf Zalando ein. Das wäre ja viel schlimmer. Wenn ich in Konstanz einkaufe, dann bleiben wenigstens dort die Geschäfte im Städtchen, wenn auch die Schweizer Geschäfte von Bern bis Kreuzlingen bluten. Aber bei Zalando, da bleiben einfach alle auf der Strecke, hüben wie drüben. Nur die Zalando-Boxen, die kreuzen Landesgrenzen, Strassen und Schienen und kehren nach dem Anprobieren wieder zurück auf Strassen und Schienen bis sie wieder mit Inhalt in anderen Grössen und Farben auf den gleichen Strassen und Schienen zurück zum Anprobieren reisen und so weiter. Allerdings funktioniert das auch nur so lange, wie Strassen und Schienen verfügbar sind. Bis Oktober kommen die Zalando-Boxen zum Beispiel nicht mehr durchs Rheintal, denn zwischen Baden-Baden und Rastatt ist die Bahnstrecke unterbrochen. Eine Baustelle in einem Strassentunnel, das unter der Bahn durchführte, hat aus einem funktionierendem Bahnabschnitt wiederum eine Baustelle gemacht. Und da bleiben dann halt auch die Zalando-Boxen auf der Strecke.

Jedenfalls war Konstanz an jenem hundskommunen Wärchtig so voll, dass ich nicht ganz auschliessen konnte, dass auch ein paar gestrandete Zalando-Einkäufer unterwegs waren. Ich schob mich durch die Menschenmassen und fand meinen Lieblingsschuhladen. Leider hatte ich meinen Pass zu Hause vergessen. Tja, Konstanz ist eben doch keine Schweizer Stadt, auch wenn man dort mehr Schweizerdeutsch als Hochdeutsch hört. Also gab’s leider keine Ausfuhrscheine und keine Mehrwersteuer zurück. Wohlgenährt (Eine Kugel Eis für einen Euro und Kuchen, hach, diese Kuchen!), glücklich und mit überquellenden Taschen und Tüten fuhr ich mit der SBB pünktlich in die Schweiz zurück. Zahl-and-go ist eben doch viel besser als Zalando.

Familiendrama im Maisfeld

Als ich neulich mit dem Fahrrad an einem Maisfeld vorbeifuhr, wurde ich Zeugin eines Familiendramas. Um das ganze Ausmass dieser Tragödie zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Foto auf meinem Blog.

Ein kleiner Mais, nennen wir ihn mal Moni Mais, hatte offenbar genug davon, mit den anderen Mais (Maispflanzen? Nennen wir sie mal Maise) im Maisfeld zu leben. Weil Moni viel kleiner war als die übrigen Maise, wärmten keine Sonnenstrahlen ihre Blätter, nie sah sie den blauen Himmel und was am Ende des Maisfeldes kam, das wusste sie nur vom Hörensagen. Die grossen Maise nahmen ihr das Licht, den Platz und die Sicht – kein Wunder, dass Moni Mais keine Kolben trug. Klein und kümmerlich fristete sie ihr Dasein und wurde immer unzufriedener.

Und so kam es, dass Moni Mais eines Nachts aus dem Maisfeld ausbrach, den Feldweg überquerte und dort ihre Wurzeln in den Boden schraubte. Endlich konnte sie Wind, Sonne und Regen spüren, über ihr wölbte sich der unendliche Himmel, dessen Farbe je nach Wetter und Tageszeit variierte. Gegen Westen sah Moni Mais eine Wiese, auf der Kühe weideten. Dahinter befand sich der Waldrand. Im Norden lagen ein paar Bauernhäuser und im Süden glitzerte ein See. Im Osten lag das Maisfeld. Moni war überglücklich.

Doch im Maisfeld blieb Monis Verschwinden nicht lange unbemerkt. Monis Mama machte sich schreckliche Sorgen. Der Papa fluchte und sagte, sie sei schuld, dass Moni weg sei. Das liess nun die Mama nicht auf sich sitzen, und so ging das hin und her. Bald mischten sich auch die benachbarten Maise ein und nach und nach breitete sich der Meis* aufs ganze Maisfeld aus. Der Meis im Maisfeld wurde so laut, dass er bis über den Feldweg zu Moni Mais drang.

Und so dauerte es nicht lange bis die rebellische Moni Mais wieder mitten im Meis stand.

*Meis: Berndeutsches Wort für Lärm, Unruhe Verwirrung

Es wird ein Kurzgeschichtenband!

Das Manuskript ist fixfertig und endlich habe ich mich auch entschieden, wie das Cover werden soll: Mein Kurzgeschichtenband «Nur ein Kuss» wird im September erscheinen.

Angefangen hat es mit der Kurzgeschichte «Der grosse Streit», die ich vor zwei Jahren für einen Wettbewerb schrieb. Ich hatte Lust, den Text zu publizieren. Da eine einzelne Geschichte jedoch noch kein Buch macht, schrieb ich einfach weitere Kurzgeschichten. Es muss die Prägung meiner Schuljahre an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) sein, die mich dazu brachte, den Kuss zum verbindenden Motiv meiner Geschichten zu machen.

An dieser Stelle muss ich für alle, die nicht aus dem Zürcher Oberland sind oder die KZO besucht haben, etwas ausholen: Die Worte «Nur ein Kuss» wurden 1987 bei Nacht und Nebel an eine Aussenwand der Schule gesprayt. Die damalige Schulleitung reagierte souverän und mutig; schliesslich stand der Ruf der Schule auf dem Spiel. Sie liess das Graffito stehen. Seitdem ist «Nur ein Kuss» gewissermassen zum Leitspruch der Schule geworden. Bald schon erschien auch die Schülerzeitung unter dem Namen «Kuss». Wer die Sprayer waren, ist bis heute nicht bekannt.

Dieses Graffito und die Legende um seine Entstehung haben mich seit jeher fasziniert. Obwohl es in meinen Texten nicht immer nur bei einem Kuss bleibt, schien mir «Nur ein Kuss» der ideale Titel für diesen Band. Das Graffito hat vom Wortlaut her etwas Unschuldiges und Harmloses, seine Entstehung aber war dreist und provokativ. Ähnlich verhält es sich mit meinen Geschichten. Oft lauern hinter einer harmlosen Fassade die Abgründe menschlicher Beziehungen. Überraschende Wendungen sind garantiert.

Der Kurzgeschichtenband erscheint im Taschenbuchformat, umfasst 140 Seiten und ist als Paperback-, Hardcover- oder E-Book-Ausgabe erhältlich. Weitere Informationen zum Verkauf folgen, sobald das Buch im Handel erhältlich ist. Selbstverständlich könnt ihr das Buch (Paperback-Ausgabe) für 14.00 CHF, zuzüglich Versandkosten, ab Mitte September auch bei mir direkt beziehen. Vorbestellungen nehme ich hier ab sofort gerne entgegen.

Die haben ja nicht alle Wagen am Zug!

Vorgestern bin ich wieder mit der deutschen Bahn gereist. Die Reise begann frühmorgens um 7:12 Uhr. Nachdem wir uns im Morgengrauen aus unseren Betten gequält und mich meine Freundin zum Bahnhof gefahren hatte, hatte die S-Bahn „wegen Abwarten eines verspäteten Intercity-Zuges“ ihrerseits Verspätung. Doch während S-Bahnen verspätete Intercity-Züge abwarten, warten Intercity-Züge leider keine verspäteten S-Bahnen ab. Wo kämen wir denn da hin? Und so hatte ich das Nachsehen. Mein ICE nach Karlsruhe war weg, als ich um viertel vor Acht in Nürnberg einfuhr. Leider musste ich am DB-Schalter in Nürnberg ziemlich lange warten bis ich mein Sparticket umbuchen konnte, sodass in der Zwischenzeit auch der Zug mit der Verbindung via Frankfurt abgefahren war. Immerhin erhielt ich für die nächste Verbindung via Karlsruhe – zwei Stunden später – sogar meine Platzreservationen umgebucht.

Als ich nach einem Bummel durch die Bahnhofsgeschäfte und einer Tasse Tee mit meinem Rollköfferchen in die Bahnhofshalle zurückkehrte und auf die Abfahrtstafel schaute, stand da bei meinem Zug: „Dieser Zug verkehrt ohne Wagen 10“. Wie gut, dass meine Reservation für Wagen 9 war! Ich fand meinen Platz,  über dem „ggf. freigeben“ stand und auf dem schon ein Passagier sass. Der machte gutmütig Platz und setzte sich auf einen anderen Sitz, auf dem ebenfalls „ggf. freigeben“ stand. Ich sah mich um und stellte fest, dass über allen Sitzen „ggf. freigeben“ stand. Das habe mit dem Ausfall des Wagens 10 zu tun, erklärte mir eine andere Passagierin. Fand ich nicht logisch und vor allem nicht kundenfreundlich, aber egal.  Ich setzte mich.

Die Fahrt im ICE ohne Wagen 10 verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Da es Mittwochvormittag war, war der Zug nicht überfüllt, sodass auch die wagenlosen Passagiere auf den freien Plätzen mit dem Vermerk „ggf. freigeben“ Platz fanden. Ich wunderte mich allerdings schon ein bisschen darüber, warum es ausgerechnet Wagen 10 nicht geschafft hatte, mitzufahren. Hatte er sich abgehängt und war irgendwo auf der Strecke stehen geblieben? War er unterwegs aus dem Gleis gesprungen und seinen eigenen Weg gegangen? Stand er ganz allein auf einem Abstellgleis oder hatte er sich einem anderen Zug angehängt und fuhr fröhlich durch deutsche Lande? Warum passierten bei der Deutschen Bahn immer wieder solche komischen Sachen und in der Schweiz nicht? Da plötzlich wurde mir klar, was es mit Wagen 10 auf sich hatte: Er war zu den SBB übergelaufen, weil er es satt hatte, mit „ggf. freigeben“-Anzeigen durch die Gegend zu fahren und immer zu spät zu kommen.