Auf dem Hörnli

Ich sitze im Bergrestaurant auf der Sonnenterrasse und fische die letzten Salatblätter aus der rahmigen Sauce meines Wurst-Käse-Salats, garniert. Die Sauce macht den sündigen Cervelat zur Todsünde – und am Schluss ist davon immer zu viel. Drei Biker über fünfzig im hautengen Bikerdress fahren mit letzten Kräften über die Wiese zum Funkturm. „Dreiundfünfzig!“, klingt es aus dem Lautsprecher des Bergrestaurants Hörnli. Ein Mann am Nachbartisch springt auf und eilt mit seiner Quittung zur Essensausgabe. Ein älteres Pärchen mit Hund sucht sich einen Tisch an der Sonne. Unter jedem zweiten Tisch, an dem sie vorbeigehen, knurrt und bellt es. Entlang der Hauswand, dort wo die Liegestühle stehen, sonnt sich eine Frührentnerin mit von der Sonne gegerbter Haut sehr konzentriert. Ob man brauner wird, wenn man sich voll und ganz aufs Sonnenbad einlässt? Sie hat kein Gramm Fett und ist in knallbunter, funktioneller Wanderausrüstung gekleidet. Es ist aussergewöhnlich warm für einen Oktobertag. Der Dunst hat die Rigi verschlungen, die bunten Blätter der Platanen neben der Terrasse zittern im Wind. Hinter mir gönnt sich ein Paar eine Portion Vermicelles in andächtiger Stille. Der Vater vom Nachbartisch kommt zum dritten Mal mit einem vollen Tablett an den Tisch seiner Familie zurück: Erst das Schnitzel-Pommes-Frites für die jüngsten beiden Töchter, dann zwei Portionen Älplermacronen für sich und die älteste und nun bringt er noch die Kürbissuppe für seine Frau. 95 Franken, fast einen Hunderter, hat ihn das Essen für seine Familie gekostet. „Siebenundfünfzig!“, klingt es aus dem Lautsprecher. Ein leichter Windstoss lässt einige Blätter an den Platanen fallen. Ihre Zeit ist gekommen. Sie tanzen ihren letzten Tanz, ehe sie am Boden leicht und sacht in ihr letztes Ruhebett fallen; von Blatt zu Laub werden. Schon ist es im Schatten der Platanen zu kühl zum Sitzen. Ich gehe nochmals hoch zum Kulm, lege mich ins Gras und schliesse die Augen. Eigentlich viel zu schade, bei der schönen Aussicht. In der Ferne erkennt man den Säntis und viel näher schon den Bachtel; davor die bunt bewaldeten Hügel des Tösstals. Alles so vertraut, schon immer da gewesen. Schön, wieder zu Hause zu sein. Ich strecke mich ein letztes Mal und gähne. Dann packe ich meine sieben Sachen zusammen und mache mich auf den Abstieg nach Bauma. „Achtundsechzig!“, ruft mir die Stimme aus dem Lautsprecher noch nach.

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