Einmal im Jahr

Neulich war es mal wieder soweit. Einmal im Jahr steige ich todesmutig in ein Mobility-Auto und fahre zum Grossmarkt im Industriequartier, um Erdsäcke und Pflanzen für meinen Balkon zu kaufen. Das kostet Mut, denn ich fahre sonst nie Auto und bin seit meiner Fahrprüfung vor 16 Jahren auch nie regelmässig gefahren. Kommt hinzu, dass man, wenn man nur einmal im Jahr fährt, immer wieder vergisst, wo sich im Auto was befindet. Selbst wenn man immer dasselbe Mobility-Auto nimmt.

Das Anmelden geht immer problemlos. Die Karte auf das Feld an der Frontscheibe halten und zack rasten die Schlösser aus, es piept und alle Türen stehen offen. Dann einsteigen, die Tasche lässig auf den Beifahrersitz werfen, die Türe zuschlagen und den Sitz bis zum Anschlag ganz nach vorne ziehen. Dann ist es mit der Lässigkeit aber auch schon vorbei. Wie stellt man schon wieder die Seitenspiegel ein? Muss man nicht seit ein paar Jahren immer, auch tagsüber, Licht haben? Aber welches? Ich drehe an einem der spinnenbeinartigen Hebel am Lenkrad und prompt geht der Scheibenwischer am Heck los. Ich fasse wieder an den Hebel, jetzt beginnt es auch noch zu spritzen. Der scharfe Geruch des Fensterputzmittels steigt mir in die Nase. Nach dem ersten Schreck rede ich mir ein, dass es nicht schaden könne, die Scheibe mal wieder zu reinigen. Ich schaffe es, den Scheibenwischer wieder auszuschalten und finde endlich einen Knopf links vom Lenkrad, auf dem etwa drei verschiedene Symbole für Licht zu sehen sind. Ich entscheide mich für jenes, das nach am wenigsten Licht aussieht. Die Suche nach den Knöpfen zum Einstellen der Seitenspiegel bleibt erfolglos. Ich lehne mich über den Beifahrersitz, öffne das Handschuhfach und blättere in der Gebrauchsanleitung. Da! Die Knöpfe befinden sich an der linken Wagentüre. Hätte ich mich doch auf meinen Instinkt verlassen. Ich richte auch noch den Rückspiegel und fühle mich bereit, den Schlüsselknopf zu starten. Zündschlüssel, das war gestern. Aus dem Radio plärrt laute Musik. Warum sich die Leute beim Autofahren auch immer die Ohren zudröhnen? Das geht gar nicht, ich brauche alle Sinne. Ich drehe das Volumen runter, aber der Radio plärrt auf einem anderen Sender weiter. Aha, falscher Knopf. Beim zweiten Versuch klappt es. Los geht’s!

Erst lege ich den Rückgang ein. Das ist nicht so einfach, wenn man selten fährt. Doch auf einer meiner Balkon-Fahrten vor ein paar Jahren habe ich begriffen, dass man bei diesem Mobility-Auto den Schaltknüppel dafür erst feste runterdrücken muss. Dieses Mal klappt es auf Anhieb. Ein Blick zurück und ich gleite wie ein Profi aus der Parklücke. Erst beim Umschalten in den ersten Gang säuft mir zum ersten Mal der Motor ab. Von da an beginnt eine Serie von Starten, Stottern und Absaufen. Neben dem Parkplatz steht ein Mann in seinem Garten und schaut zu mir hinüber. Ich ignoriere ihn, komme aber nicht umhin, mir vorzustellen, was der neben dem Mobility-Parkplatz schon alles zu sehen bekommen hat. Der könnte wahrscheinlich ein Buch über Leute wie mich schreiben. Ich hüpfe weiter aus dem Parkplatz bis auf die Strasse, immer verzweifelter. Ich beschliesse, den Motor ein Weilchen auszuschalten. Der Trick 77 bei allen Maschinen. Tatsächlich kann ich den Motor beim nächsten Mal problemlos starten und in den zweiten Gang schalten. Alles läuft wie auf Butter. Den Hals gereckt, das rechte Bein total verkrampft, fahre ich bis zur ersten Ampel. Bremsen, kuppeln, runterschalten, warten, Gas geben, kuppeln, schalten. So langsam komme ich in den Flow. Mist, die Ampel auf der anderen Seite der Bahnunterführung steht auf rot. Ich muss am Hang anfahren. Der Schleifpunkt war an meinen drei Fahrprüfungen nie das Problem, versuche ich mich zu beruhigen. Tatsächlich schaffe ich das Anfahren ohne zurückzurollen. Dann schleiche ich die Technikumstrasse entlang. Mit dem Fahrrad wäre ich längst im Industriegebiet, denke ich. Aber solche Gedanken sind müssig, wenn man schon in seinem Mobility-Auto im Stau steht. Der Verkehr ist so dicht, dass die Ampeln nicht mehr nachkommen. Prompt komme ich mitten auf der Kreuzung zu stehen und blockiere den Autos, die von links kommen die Durchfahrt. Wütendes Gehupe, runtergelassene Fensterscheiben, hinter denen rote Köpfe mit hervortretenden Adern und offenen Mündern zu sehen sind. Sie rufen etwas zu mir hinüber. Ich will es lieber nicht hören und bin jetzt froh, dass ich noch nicht herausgefunden habe, wie ich mein Fenster öffnen kann. Unangenehm ist es trotzdem. Ich sinke tief in den Sitz und rolle noch 20 Zentimeter vor, mehr geht nicht. Fast schlüpfte ich unter den Lastwagen vor mir.

Als ich endlich zum Parkplatz meines Einkaufszentrums abbiege, habe ich den nächsten Schreckmoment: Das geht ja in die Tiefgarage runter! Mist, brauchte ich jetzt Licht? Und welches? Standlicht, Abblendlicht, Scheinwerfer… Irgendein Licht habe ich ja schon. Das muss reichen, beschliesse ich. Die Tiefgarage ist ja auch noch beleuchtet. Mit angehaltenem Atem fahre ich die enge Kurve hinunter. Da steht der Kasten mit den Tickets und die Schranke. Ich fahre ganz nahe ran und öffne die Fensterscheibe. Rechts hinter mir summt es. Ich probiere den nächsten Knopf und es summt beim Beifahrersitz. Beim dritten Knopf klappt es. Die Scheibe links von mir gleitet nach unten und ich kann mein Ticket mit ausgestrecktem Arm problemlos ziehen. Ha, ich musste nicht aussteigen! Stolz, mit dem Ticket zwischen den Zähnen und mit drei offenen Fensterscheiben fahre ich in die fast leere Parkhalle.

Ob man’s glaubt oder nicht: Das Einparken im Parkhaus und die Rückfahrt verlaufen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Ich beglückwünsche mich. Ich habe es einmal mehr geschafft, unfallfrei meine Erde und Pflanzen für den Balkon zu beschaffen. Die Kehrseite davon: Ich könnte nächsten Frühling wieder ins Mobility-Auto steigen und ins Einkaufszentrum im Industriegebiet fahren.

 

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Balkonien

Wenn es meinen Balkon noch nicht gäbe, dann müsste ich ihn erfinden. Diese 4,5 Quadratmeter Beton, die von meinem Wohnzimmer nach draussen führen, sind mehr als eine Wohnfläche im Freien. Ein Balkon ist ein Lebensgefühl. Ich balkone, also bin ich.

Kaum bahnen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg am Hochhaus vorbei auf meinen Balkon, hole ich meinen Liegestuhl raus und mache es mir dort draussen bequem. Auf dem Balkon lässt sich’s lesen, schreiben, essen, trinken, schlafen, telefonieren, stricken, nähen, fernsehen – ja und heute könnte ich dort sogar meine Steuererklärung ausfüllen. Auf dem Balkon kann man Viehzucht oder Ackerbau betreiben. Der Balkon lässt sich bis zum Exzess dekorieren mit Fähnchen, Blumen, Windspielen, Kerzen und Zierkissen. Der Balkon ist so ein wunderbares Zwischending von öffentlichem und privatem Raum. Vom Balkon kann man nach Herzenslust zum Nachbarn rüberwinken oder auch nicht, auf dem Balkon kann man sich so kleiden oder nicht kleiden, wie man das am Briefkasten nie tun würde. Auf dem Balkon ist man weg und trotzdem zu Hause.

Ich liebe meinen Balkon. Es gibt ja Leute, die sagen, sie würden auf eine einsame Insel ihren Schatz oder ihren Hund mitnehmen. Bei den praktisch Veranlagten ist es das Taschenmesser oder Lebensmittel. Bei mir wäre das auf jeden Fall mein Balkon. Schade eigentlich, dass man ihn nicht mit in die Ferien nehmen kann. Oder habt ihr schon mal gesehen, dass bei einem Hotel auf http://www.booking.com steht: „Balkone erlaubt“?

Frühlingsgefühle

Neulich sah ich bei meiner Nachbarin einen neuen Mann auf dem Balkon: Jung, knackig, frisch geduscht mit feuchtem Haar – ein Adonis. Er grüsste mich freundlich und ich grüsste, wie sich das für eine gute Nachbarin geziemt, nett lächelnd zurück. Meine Nachbarin setzte sich zu ihm und rauchte den ganzen Nachmittag nicht eine Zigarette. Auch der Mann rauchte nicht. Am nächsten Abend begegnete ich dann den Beiden joggend (sie joggten, nicht ich!). Der Kopf meiner Nachbarin war dunkelrot und ging schon fast ins Violette über, während Adonis locker nebenher trabte. Herrjeh, wozu einem die Liebe doch verleitet! Ausgerechnet joggen! Da kann man als Frau doch nur verlieren. Denn nichts zementiert das archaische Rollenbild von Mann und Frau mehr als das Joggen. Fehlt nur noch, dass sie sich dabei den Knöchel verstaucht und er sie retten muss. Klar ist gemeinsames Schwitzen und Keuchen etwas Schönes, aber doch nicht beim Joggen! Also das mit dem Joggen, das war natürlich seine Idee, denn sie hatte ich zuvor noch nie dabei erwischt. Nach meiner – ungefragten – Meinung (und Erfahrung!!) ist das Joggen mit einem neuen Mann vergebene Liebesmüh und zum Scheitern verurteilt. Innert kurzer Zeit läuft man nicht mehr neben- sondern hintereinander her und beide sind genervt. Er, weil es nicht vorwärts geht, sie, weil sie sich völlig auskotzt bei etwas, das sie im Grunde nicht gerne macht und bei dem sie immer im Hintertreffen bleiben wird.

So in meine Gedanken vertieft, durchfuhr es mich plötzlich eiskalt und ich fragte mich, ob das mit dem Joggen und dem Rauchen vielleicht nur die Spitze des Eisbergs ist. Vielleicht verzichtet meine Nachbarin jetzt auch auf ihren Lieblingpyjama mit Börtchen, trägt statt ihren ausgelatschten Adiletten hochhackige Pumps, kocht nur noch vegetarisch, trinkt Pfefferminztee, guckt am Fernsehen statt ihren Lieblingsserien mit ihm Fussball und schämt sich gar für ihre neugierige Nachbarin. Vielleicht wird sie sich wegen mir nie mehr mit Adonis auf den Balkon setzen! Dann hätte Adonis nicht nur ein ganz falsches Bild von ihr sondern – und das wäre richtig schlimm – für mich wäre Schluss mit der Augenweide.