Bus fahren bis zum Tauwetter

Liebe Leserinnen und Leser,

Ob ihr’s glaubt oder nicht: Bei den tiefen Temperaturen in den letzten Wochen ist mir glatt die Tastatur eingefroren. Aber jetzt hat ja wieder Tauwetter eingesetzt und ich kann schadlos in die Tasten greifen, hähä.

Bei den kalten Temperaturen und Glätte habe ich mein Fahrrad in den Keller gestellt und in letzter Zeit den Bus genommen. Busfahren ist zwar nicht so mein Ding, doch ermöglicht es Sozialstudien von grossem Wert. Ich habe festgestellt, dass die Schweizer im Allgemeinen und die Berner im Besonderen im Bus ein seltsames Verhalten an den Tag legen. Sind die Sitzplätze belegt und müssen die Passagiere stehen, so schliessen sie nicht bis in die Gänge auf sondern sie bleiben im Eingangsbereich bei den Türen stehen. Es scheint, als hätten sie – einmal im Bus drin – eine Urangst davor, nicht mehr aus dem Bus rauszukommen.

Neulich wollte ich an meiner Haltestelle aussteigen. Zwei Herren standen breitbeinig vor der Tür, bereit zum Ausstieg. Der Bus hielt an, doch die Türe öffnete sich nicht. „Aha“, dachte ich, „die Türen sind blockiert. Jetzt mal schön Geduld zeigen, die beiden Herren haben ja sicher schon auf den Türknopf gedrückt und warten wie ich, bis sie rauskönnen.“ Die Sekunden vergingen, doch nichts tat sich. Die Fahrgäste an den anderen Türen waren schon ausgestiegen – nur unsere Türe war immer noch zu. Da ich nicht tatenlos zuschauen wollte, wie der Bus – immer noch mit mir an Bord – wieder anfuhr, drängte ich mich etwas weiter vor und drückte nun selbst auf den Türknopf. Die Türe ging sofort auf, doch beide Männer vor mir blieben immer noch wie zwei Ölgötze stehen. Da wurde mir klar: Die wollten gar nicht aussteigen! Die standen bereit, um an der nächsten, übernächsten, überübernächsten – oder noch viel wahrscheinlicher – überüberüberüberüberüberüberüberüberüberüberübernächsten Station auszusteigen. Nach dieser Erkenntnis wurde ich etwas ungehalten und boxte mich an den beiden Typen vorbei ins Freie. Das konnte doch echt nicht wahr sein!

Auf dem Weg zu meiner Wohnung dachte ich, welches Glück ich hatte, dass ich noch aus dem Bus rausgekommen war. Ich zog die kalte Abendluft in die Lungen und als mir der unterkühlte Sauerstoff ins Gehirn schoss, dachte ich plötzlich: Wie komme ich morgen früh bloss wieder in den Bus rein? Was, wenn wieder solche Typen den Eingang blockierten? Müsste ich dann frierend an der Haltestelle stehen bleiben und auf den nächsten Bus warten, dessen Eingang wiederum versperrt war und dann auf den übernächsten Bus und so weiter? Ein Gedanke gab den anderen und ich muss gestehen, dass es mit meinem Schlaf in jener Nacht nicht zum Besten stand. Ob ich wollte oder nicht, die Urangst der anderen Passagiere vom Ein- und Aussteigen hatte nun auch mich voll in Besitz genommen. Und es ergriff mich eine grosse Sehnsucht nach Tauwetter und nach meinem Fahrrad im Keller.

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Kein Quark

Neulich früh an der Bushaltestelle fragte mich eine ältere Dame, ob ich nicht vielleicht 1.80 Franken hätte „für es Quark“. Ich stand gerade am Ticketautomaten und verstand irgendwie gar nicht. Was wollte die Frau von mir? Dass sie Geld für etwas wollte, war mir noch klar. Aber wofür? Was war „es Quark“? Ich war in Gedanken bei Tickets, dem Berner Verkehrsverbund und so früh am Morgen noch nicht auf Berndeutsch eingestellt. „Es Quark“ wiederholte die Frau schon etwa zum dritten Mal und fügte nun hinzu: „I ha no kes Zmorge kha!“ Aha, die Frau brauchte Geld für ihr Frühstück, das aus einem Quark bestand. Ich fand diese Bitte irgendwie originell und daher einer Spende würdig. Und so nahm ich mein Portemonnaie hervor und drückte der Frau einen Zweifränkler in die Hand. Sie bedankte sich höflich. Kaum hatte sie den Zweifränkler eingesteckt, sagte sie: Oh Sie, hetted er mer nid no es Füfi.“ Ich verneinte. Sie hätte jetzt ja schon mehr als 1.80 erhalten, jetzt sei es genug. „Aha, ja so“, das leuchtete der Frau ein. Doch dann merkte sie, dass ich einen Kaugummi im Mund hatte. „Oh Sie, hetted er mer o e Chätschgummi?“ Und so klaubte ich mein Kaugummischächtelchen hervor und hielt der Frau die offene Schachtel hin, lässig wie ein Zigarettenpäckchen. Es waren gleich mehrere Kaugummis nach vorne gerutscht und so fragte die Frau: Oh Sie, chani grad zwöi näh.“ Ich bejahte. 

Endlich kam der Bus. Ich stieg ein und setzte mich auf einen freien Platz; einerseits froh, der Frau entronnen zu sein, andererseits auch amüsiert. Und ich fragte mich, wie weit es zwischen der Frau und mir noch gegangen wäre, wenn der Bus noch nicht gekommen wäre. Was hätte die Frau wohl als Nächstes gewünscht und wo wäre für mich die Schmerzgrenze gewesen? Hätte sie meine Ohrringe gewollt? den Schal, die Handtasche? War die Frau so bedürftig und ich so reich oder war sie einfach nur dreist und ich zu höflich? Und vor allem: Gibt es zwei Quarksorten, von denen die eine 1.80 und die andere 2.05 Franken kostet?  

Das Ganze hat sich übrigens – das ist kein Quark – tatsächlich genau so zugetragen.

Wieder jung

Wie kommt man von Winterthur am besten nach Berlin? Mit dem Fluzeug, klar. Das ist schnell und auch günstig. Nun habe ich mir aber auferlegt – wegen CO2, Klima, Reizüberflutung, simplify, slow-travel, die Seele mitreisen lassen und so – nicht mehr als zweimal im Jahr zu fliegen, mit dem Fernziel, nur noch einmal im Jahr mit dem Flugzeug zu reisen. Mit Rom im Frühjahr und London im Juni war dieses Kontingent bereits ausgeschöpft. Eine würdige Alternative wäre da ja noch die Bahn. Die Bahnreise nach Berlin kam aber aufgrund ihrer Länge nur nachts in Frage. Wie oft schon habe ich in einer Koje im Sechserabteil gelegen und mich zwischen Zürich und Berlin durchruckeln lassen. Am Morgen bin ich dann jeweils mehr oder weniger gerädert im Tiefbahnhof des Hauptbahnhofs Berlins angekommen und erlebte Berlin so früh am Morgen, dass es noch gar nichts zu erleben gab. Irgendwie hatte ich auf diese Ankunft am Morgen um 7 Uhr im Tiefbahnhof keine grosse Lust. Ausserdem ärgerte ich mich über das komplizierte Online-Ticket-System der Deutschen Bahn. Wahrscheinlich ist das ein falscher Schluss: Aber ich finde, wenn man es mit einem Hochschulabschluss nicht schafft, online ein Ticket zu bestellen, dann ist die Usability eines Bestell-Tools im Arsch. Und überhaupt, wer garantierte mir, dass die Mitarbeitenden der DB nicht wieder streikten wenn ich reisen wollte?

Und so kam es, dass ich mir bei „Mein Fernbus“ ein Ticket ganz einfach und unverschämt günstig online kaufte. Die Fahrt über Nacht von Zürich nach Berlin würde zwar fast 12 Stunden dauern, dafür konnte ich zwei grosse Gepäckstücke und ein Handgepäck mitnehmen. Und weil diese Busse bis auf den letzten Platz gefüllt werden, ist diese Art zu reisen unter dem Strich gesehen sogar noch ökologischer als die Bahnfahrt. So steht es jedenfalls auf der Website von „Mein Fernbus“. 

Als ich mit dem Nackenkissen unter dem Arm, einem Roman und Proviant im Rucksack am Busbahnhof stand, fühlte ich mich wieder wie damals mit 21 als ich mit meiner Schwester mit dem Greyhound-Bus durch Australien trampte: Die Welt lag mir zu Füssen. Mit dem Unterschied, dass sich bei mir dieses Mal die Vorfreude auf Berlin mit der dunklen Ahnung (und Erfahrung!) vermischte, dass mir eine ziemlich unangenehme Nacht bevorstand. 

Die Reise war dann etwa so unbequem, wie ich das in Erinnerung hatte. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass meine Knochen inzwischen 20 Jahre älter geworden sind. Bis München hatte ich noch zwei Plätze für mich, doch dann setzte sich ein junger Mann neben mich, der zwar sehr rücksichtsvoll aber halt nicht gerade winzig war. Grosse Leute setzen sich ja immer gerne neben mich. Wie das wohl kommt? Auf jeden Fall, so redete ich mir ein, war es schön, für so wenig Geld neben einem so jungen Mann zu erwachen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden hatten wir eine halbstündige Pause an einer Autobahnraststätte. Um wenigstens etwas Warmes im Bauch zu haben, schüttete ich eine heisse abscheulichen Automaten-Latte-Machiato in mich hinein und starrte in der kühlen, von Zigarettenrauch geschwängerten, Morgenluft zerknautscht ins Leere. Meine Schultern waren völlig verspannt, das Kreuz schmerzte und die Knie taten mir weh. Das schlimmste an diesen langen Fahrten, egal wie lange sie dauern, sind ja immer die letzten zwei Stunden. Die Phase, in der die Schmerzen grösser sind als die Müdigkeit und die Realität die positive Einstellung Lügen straft. Ich stellte meinen Sitz wieder gerade und spielte ZipTrix bis zum Abwinken. Vor mir versuchte ein junger Mann vergeblich ein Hörnchen in seiner Frisur zu bändigen und eine der drei vollblonden Mädels ganz vorne im Bus machte etwa 10 Versuche, ihren Haarknoten wieder so hinzukriegen, wie sie es von Zu Hause vor dem Spiegel gewohnt war. Der Junge vor mir wechselte etwa im 7-Sekunden-Takt seine Position. Eine Japanerin streckte ihre Füsse hoch in die Luft und ich fragte mich, wie das ihre Wirbelsäule mitmachte. An jenem Morgen fühlte ich mich definitiv nicht mehr wie Anfang 20. 

Um 11.30 Uhr checkte ich dann in mein AirBnB Gästezimmer in Kreuzberg ein und wurde sehr freundlich von einem jungen Medizinstudenten in Empfang genommen. Er war gerade dabei, sich sein Frühstück zuzubereiten. Er stehe kurz vor den Prüfungen und lerne jeweils bis 23 Uhr. Er schaffe es zur Zeit unmöglich, früher aufzustehen. 

Am Abend, der Medizinstudent und ich gingen beide so um 23.30 Uhr in unsere Betten, erzählte ich ihm ebenso altklug wie mütterlich, ich sei nun leider in einem Alter, in dem ich nicht mehr so lange ausschlafen könne. Wir würden uns am nächsten Morgen also kaum begegnen. Als ich am nächsten Morgen erwachte und auf die Uhr schaute, war es jedoch sage und schreibe schon 10.30 Uhr. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so lange geschlafen hatte. Nebenan im Zimmer hörte ich den Medizinstudenten telefonieren. Wow, ich hatte ihn im Ausschlafen übertroffen. Und so fühlte ich mich plötzlich doch wieder richtig jung.

Umsteigen

Sie stehen auf Plattformen, Perrons und an Haltestellen: Jene, die einsteigen wollen. Sie drängen sich vor den Eingangstüren von Zügen, Bussen und Trams mit Taschen, Koffern, Mappen und Rucksäcken. Vor allem aber mit angespannten Kiefern und starrem Blick bauen sie sich vor den Eingängen auf, die ja auch Ausgänge sind für jene, die aussteigen. Leider aber können jene, die einsteigen wollen erst einsteigen, wenn jene, die aussteigen wollen vorher ausgestiegen sind, weil sie sonst gar keinen Platz haben, um mitzufahren. Und so machen sie unwillig mehr oder eher weniger Platz vor der Tür, die Nerven zum Zerreissen gespannt, um den Moment nicht zu verpassen, in dem der Letzte, der aussteigen wollte, ausgestiegen ist und sie, die ja einsteigen wollen, endlich einsteigen können.

Dabei könnten jene, die aussteigen, jenen die einsteigen wollen, ein Lied davon singen, was es heisst, an Bord zu sein und mitzufahren. Nun gut, zuerst war da die Euphorie, dass sie an Bord waren, dass sie sich einen Platz erobert und das Gepäck verstaut hatten, und dass sie sogar im richtigen Fahrzeug sassen. Da war die Genugtuung darüber, dass sie schnell und bequem an den gewünschten Zielort befördert würden. Doch spätestens dann, als der Bus die erste Vollbremsung machte, die Bahn mitten auf der Strecke still stand oder das Tram wegen eines Streckenunterbruchs umgeleitet wurde, wich diese Genugtuung einem Unbehagen. Das Unbehagen darüber, dass sie nicht selbst am Steuer sassen sondern nur mitfuhren und weder über die Richtung noch über das Tempo ihrer Reise entscheiden konnten. Und zu guter letzt konnten sie an Bord meist auch ihren Sitznachbarn nicht auswählen. So kann es vor, dass sie während der ganzen Fahrt irgendwelches Geschepper aus Kopfhörern mitanhören mussten, oder der Nachbar zog im 10-Sekunden-Takt die Nase hoch, oder die Frau vis-à-vis machte am Handy mit ihrem Freund Schluss oder einer schräg gegenüber verschlang ein Happy-Meal von McDonalds.

Und so kommt es, dass jene, die an Bord waren, nichts lieber wollen als wieder aussteigen. Darum gaben sie ihre hart erkämpften Plätze schon Minuten bevor ihr Fahrzeug an ihrem Zielort ankam frei und standen in den Gängen. Und wie nun die Türe aufgeht, sind ihre Kiefer genauso verspannt, die Augen genauso starr und ihre Körperhaltung ebenso kompromisslos wie bei denen, die einsteigen wollen.

So stehen sie sich stumm und verbissen gegenüber; jene, die einsteigen und jene, die aussteigen. Es ist ein magischer Moment, dieses unfreiwillige Innehalten beim Umsteigen. Ein Moment, der alle Möglichkeiten offen lässt, wäre da nicht die grosse Angst, den Anschluss zu verpassen.