Kulturschock am Mülleimer

Berlin ist ja bekanntlich „arm aber sexy“. Arm sein ist ja keine Schande. Ich muss allerdings sagen, dass mir, als ich heute durch Kreuzberg spazierte, Berlin gar nicht arm vorkam. Wunderschöne heruntergeputzte Hausfassaden, Balkone mit Blumenschmuck und gepflegte Cafés, in denen Getränke wie Chai-Latte, Apérol Spritz und Latte Machiato gereicht wurden, prägten das Bild. Und die Leute trugen schicke Designer-Klamotten. Im Vergleich zu meinem ersten Berlin-Besuch vor 18 Jahren zeigt sich die Stadt heute nicht mehr ärmlich. 

Das Einzige, was in Berlin heute noch wirklich ärmlich ist, sind die Mülleimer. Kann man in Zürich sein Spiegelbild in zylinderförmigen Hochglanz-Chromstahl-Abfalleimern betrachten, so hängt in Berlin nur billiger Migros-Esy-Jet-OBI-oranger, verschmierter, mit Abziehbildern verklebter und von Zigaretten gebrandmarkter Plastik. Und weil diese billigen orangen Plastik-Behälter viel zu klein sind, quellen sie auch an jeder Ecke von Abfall über. 

Aber Halt: Berlin ist ja nicht nur arm sondern auch sexy. Und so stehen auf diesen billigen orangen Mülleimern freche und anzügliche Sprüche wie man sie in Zürich natürlich niemals sehen würde. $o (ein freudscher Vertipper) steht da etwa: „Für die Zigarette danach“ oder „gib’s mir!“ Jawohl, diesmal habe ich mich nicht vertippt. Da steht auf den Mülleimern doch tatsächlich „Gib’s mir“ – mit Apostroph! Die Berliner, oder sagen wir, jene Berliner, die das geschrieben haben, können es ja nicht wissen, aber mit diesem Apostroph treffen sie bei mir einen ganz wunden Punkt (siehe mein Post „Das gibts doch nicht!“). Ich habe ja gar nichts gegen den ärmlichen orangen Plastik, doch geistige Armut ist schon was Anderes! Da befindet man sich in der Hauptstadt Deutschlands, nicht weit vom besagten Abfalleimer liegt die „Dudenstrasse“ – und nun das hier. Die hochdeutsche Sprache, zu der wir Schweizer aufschauen, die uns in der Schule mit Drill eingetrichtert wurde und mit der wir uns ehrlich gesagt oft abmühen, wird ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt und dann noch auf einem billigen Mülleimer so vernachlässigt. „Gib’s“ in Berlin mit Apostroph zu schreiben, ist nicht mehr nur doof, das ist schon richtig zynisch. Also ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll. Da gibts, nein gibt’s, nein also echt, da gibt es mir einfach etwas! 

Alles, was recht ist!

Sie waren gefürchtet und hingen in unserem Primarschulzimmer gross in rot auf A3-Blätter geschrieben an den Wänden. Wenn man sie in einem Aufsatz oder auf einem Arbeitsblatt einmal falsch schrieb, musste man sie 25 Mal auf ein Blatt Papier schreiben. Darum nannten wir sie auch die 25-er Wörter. Dazu gehörten „fiel“ und „viel“, „nämlich“ (ohne H, denn wer nämlich mit H schreibt, ist dämlich). Beim Trennen lernten wir: „S und T sind Brüderlein, wollen stets beisammen sein“ und Schifffahrt hätten wir damals niemals mit drei F geschrieben. Ja, das war noch knallharter Drill. Da war nichts mit spielerischem Lernen und so, nichts mit Kuschelpädagogik. Und wer sein Aufsatzheft zu Hause vergessen hatte, der wurde einfach heimgeschickt, um es zu holen.

Gestern im Büro hat mir nun das Korrektorat der Druckerei in einem von mir redigierten Artikel alle Apostrophe bei „gibt’s“ rausgenommen. Das gibts ja nicht! Ich war wie vor den Kopf gestossen. Die nicht mehr ganz so neue Rechtschreibung ist die Kapitulation vor der Logik. Wo ein Buchstabe fehlt, kommt ein Apostroph rein, das ist doch klar wie Hühnerbrühe. Nur weil es Einige nicht können, muss man sowas doch nicht gleich legitimieren und damit die Bestrafen, die es begriffen oder sich in hartem Drill angeeignet haben. Mir kommt es so vor, als würde man plötzlich sagen: Ach, es fahren ja sowieso immer mal wieder Autos bei rot über die Ampel, dann führen wir doch eine Regel ein, dass man nun bei rot fahren kann.  Das gibts doch nicht!

Für alle, die sich das nicht so gut merken können, hilft vielleicht dieses Sprüchlein: „Gibts und gabs, es ist zwar doof, schreibt man ohne Apostroph!“