Das Reisebüro für Antiferien

Als ich am Sonntag mit dem Fahrrad unterwegs war und mir an der Thur und am Rhein ein ruhiges idyllisches Plätzchen suchte, war ich chancenlos. Überall waren Leute, alle suchten sie Erholung in der Natur: Brätle und Bädele mit seinen Lieben, das ist des Schweizers Lust. Kreischende Kinder, wummernde Bässe aus irgendwelchen Musikverstärkern (Yeah, der Ghettoblaster ist zurück!), kläffende Hunde, Rauch und Grillfleisch. Ich fuhr einfach zu und fand am Schluss zu Hause auf meinem Balkon im Liegestuhl meine Ruhe. Alle wissen, wo’s schön ist, alle haben am Wochenende frei, alle haben das gleiche Wetter, das gleiche Bedürfnis, in etwa die gleichen finanziellen Möglichkeiten. Am schlimmsten sind die Orte, wo man mit dem Auto gut hinkommt – und in der kleinräumigen Schweiz ist das fast überall.

Eigentlich, so dachte ich in meinem Liegestuhl, müsste man in dieser überbevölkerten Welt viel antizyklischer leben. Wenn man berufstätig ist, kann man ja schlecht unter der Woche etwas Schönes an einem idyllischen Ort unternehmen. Aber warum fährt man am Wochenende nicht irgendwo hin, wo’s hässlich ist und unternimmt etwas, das überhaupt keinen Spass macht? Zum Beispiel könnte man bei schönem Wetter in ein Industriequartier fahren und dort in irgendeinem Grossmarkt den ganzen Tag lang staubsaugen. Oder man setzt sich bei Regen einen Sonntag lang an eine Autobahn, isst zum Picknick Fenchel und Kutteln aus dem Tupperware und sieht sich am Abend am Fernsehen ein Formel 1 Rennen an. Man könnte einen Samstag lang in einer Bahnhofsunterführung, wo es nach Pisse riecht, im Schein einer Neonröhre Hemden bügeln. Oder man lädt seine ärgsten Feinde zum Lösen von Algebraaufgaben unter der Zürcher Hardbrücke ein. Und wer es ganz doll mag, macht am freien Sonntag die Steuererklärung am Rande des Klärbeckens einer Abwasserreinigungsanlage. Das gleiche Prinzip liesse sich für Ferien anwenden: Warum nicht mal eine Woche lang in einer Mietskaserne in Schwammendingen in der Flugschneise hausen, sich in einem Häuschen unter einem Strommasten und mit Blick aufs Kernkraftwerk Gösgen einmieten oder in einem der orangen Wohnblöcke an den Gleisen beim Bahnhof Bern? Hässliche Orte gibt’s überall genug. Und auch an Dingen, die keinen Spass machen, besteht kein Mangel.

Solche Antiweekends und Antiferien hätten bestechende Vorteile: Man hätte alles für sich, da niemand sonst dorthin wollte respektive alle bei der erstbesten Möglichkeit genau dem entfliehen würden. Zudem müsste man keine langen Wege auf sich nehmen, denn das Hässliche liegt so nah. Dementsprechend tief wären die Preise und zu guter Letzt würde man sich nach einem Antiweekend oder nach Antiferien wieder extrem auf den Alltag freuen. Eine Win-Win-Situation, also. Im Geiste habe ich am Sonntag in meinem Liegestuhl schon den Businessplan gemacht für mein Reisebüro für Antiferien. Ob mein Geschäft von Erfolg gekrönt wäre, sei dahingestellt. Sicher aber ist, dass bei zu viel Ruhe auch mal die Fantasie mit mir durchgeht.

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Im Bilderbuch „Hope Valley“

Als ich diesen Morgen nach dem Aufwachen einem Eichhörnchen vor meinem Schlafzimmerfenster zuschaute, wie es von Ast zu Ast sprang, dachte ich, heute wird ein guter Tag. Immerhin bin ich im Hope Valley, einer Landschaft wie im Bilderbuch. Darum hat es mich auch wenig erstaunt, als ich später auf meiner Wanderung durch die Eichen- und Ahornwälder den Kuckuck hörte und ein Hase vor mir über den Weg hoppelte. Der Waldboden war übersäht von Bluebells, am Wegesrand murmelte ein Bächlein und auf den Wiesen weideten die Schafe. So ist das eben in der Bilderbuchwelt. Wahrscheinlich werden die Bluebells morgen anfangen zu bimmeln, der Wind wird mir zuflüstern und die knorrigen Eichen ihre Äste nach mir ausstreckten. Übermorgen werde ich den Nektar der Blüten trinken, auf einem Grashüpfer reiten, in einer Baumnussschale den Bach hinunter treiben, einen Tannzapfenhut tragen, und in einem Pilzhaus wohnen. Ja, so ist das eben im Bilderbuch. Und so wird es auch bleiben, bis ich mit voller Wucht gegen den Bilderbuchdeckel knallen werde und da „The End“ steht. Denn leider sind es ja nur Ferien im „Hope Valley“ und ich muss wieder nach Ostermundigen zu meinem Hochhaus zurück.

Balkonien

Wenn es meinen Balkon noch nicht gäbe, dann müsste ich ihn erfinden. Diese 4,5 Quadratmeter Beton, die von meinem Wohnzimmer nach draussen führen, sind mehr als eine Wohnfläche im Freien. Ein Balkon ist ein Lebensgefühl. Ich balkone, also bin ich.

Kaum bahnen sich die ersten Sonnenstrahlen ihren Weg am Hochhaus vorbei auf meinen Balkon, hole ich meinen Liegestuhl raus und mache es mir dort draussen bequem. Auf dem Balkon lässt sich’s lesen, schreiben, essen, trinken, schlafen, telefonieren, stricken, nähen, fernsehen – ja und heute könnte ich dort sogar meine Steuererklärung ausfüllen. Auf dem Balkon kann man Viehzucht oder Ackerbau betreiben. Der Balkon lässt sich bis zum Exzess dekorieren mit Fähnchen, Blumen, Windspielen, Kerzen und Zierkissen. Der Balkon ist so ein wunderbares Zwischending von öffentlichem und privatem Raum. Vom Balkon kann man nach Herzenslust zum Nachbarn rüberwinken oder auch nicht, auf dem Balkon kann man sich so kleiden oder nicht kleiden, wie man das am Briefkasten nie tun würde. Auf dem Balkon ist man weg und trotzdem zu Hause.

Ich liebe meinen Balkon. Es gibt ja Leute, die sagen, sie würden auf eine einsame Insel ihren Schatz oder ihren Hund mitnehmen. Bei den praktisch Veranlagten ist es das Taschenmesser oder Lebensmittel. Bei mir wäre das auf jeden Fall mein Balkon. Schade eigentlich, dass man ihn nicht mit in die Ferien nehmen kann. Oder habt ihr schon mal gesehen, dass bei einem Hotel auf http://www.booking.com steht: „Balkone erlaubt“?

Ferien und die niedrigen Triebe

Jedesmal, wenn ich in die Ferien fahre, werde ich gefragt was ich denn in meinen Ferien mache. Na, nichts, Ferien! Aber Ferien sind nicht gleich Ferien, und wer denkt, man mache in den Ferien nichts, der denkt falsch. Ferien sind ein delikater Zustand zwischen Erholung und Abenteuer.

Um dieser Zerrissenheit zwischen Erholung und Abenteuer ein Schnippchen zu schlagen, teilte ich meine Ferien im Süden Europas in zwei Phasen ein: In der ersten lag ich im Liegestuhl auf dem Rücken, in der zweiten auf dem Bauch. Buah, war das witzig! Nein, im Ernst: Die erste Woche frönte ich meiner Faulheit, die zweite bin ich gewandert. Nun gut, ich habe ein bisschen geschummelt. Ich bin auch in der ersten Woche ein bisschen gewandert, dafür war ich dann in der zweiten auch ein wenig faul. Man muss das ja nicht so eng sehen.

Und wie immer habe ich dabei meine Sozialstudien betrieben. Es ist ja schon interessant, wie unterschiedlich die Vorstellungen von Ferien sind. Ich musste allerdings feststellen, dass Ferien in erster Linie die niedrigen Triebe der Menschen zu Tage fördern. Für die Einen ist vor allem wichtig, wo sie am besten sitzen und Bier trinken können. Für Andere wiederum ist es das Grösste, wenn sie viermal zum Frühstücksbuffet gehen und sich hemmungslos den Teller voll packen dürfen. Während Manche jeden Rappen selbst dann noch zählen, wenn der Expresso nicht halb so viel kostet wie zu Hause, verfallen Andere dem Shopping-Fieber und kaufen billigen Tand, vom pinkig glitzernden Strohhütchen über sackförmige Kleider bis hin zur gefälschten Markenhandtasche. Solch niederen Trieben, wie jene, denen meine Studienobjekte verfallen waren, wäre ich natürlich nie unterlegen.

Für mich war das allerallerallerbeste an meinen Ferien, noch besser als meine Sozialstudien, als ich nach zwei Wochen mehrheitlich Sonnenschein und Temperaturen von um die 25 Grad nach Hause kam und meine Freunde scheinheilig fragen konnte, wie denn das Wetter in den letzten beiden Wochen zu Hause so gewesen sei. Es war kalt und regnerisch, das wusste ich natürlich, denn schliesslich hatten wir im Hotel deutsches Fernsehen. Aber das in O-Ton von meinen Freunden zu hören , während ich meine gebräunten Bäckchen zur Schau trug, das war das Sahnehäubchen meiner Ferien!