Der Rest ist Schweigen

Am Samstag habe ich mal wieder richtig der Kultur gehuldigt: Erst Abendessen im Restaurant Kunsthaus und dann Besuch des Theaterstücks „Hamlet“ im Schauspielhaus. Es ist ewig her, seit ich das letzte Mal im Zürcher Schauspielhaus war und auch seit ich „Hamlet“ im Proseminar am Englischen Institut gelesen habe. Einzig das Zitat: „To be or not to be“, ist mir noch in Erinnerung geblieben.

Allein, dass ich den Inhalt des Stücks so ziemlich völlig vergessen hatte, war schon eine Herausforderung. Kam hinzu, dass der „Hamlet“ zweieinviertel Stunden dauern sollte – ohne Pause. Entsprechend lang war die Schlange vor der Damentoilette kurz vor Beginn der Vorstellung. In meinem Fall kam noch eine weitere Herausforderung hinzu: Halsschmerzen mit Hustenreiz. Dementsprechend hatte ich mich mit einem Schächtelchen Ricola-Kräuterbonbons bewaffnet. Dabei war mir egal, wer Ricola erfunden hatte, Hauptsache die Bonbons nützten. Und so sass ich neben zwei Freundinnen erwartungsvoll im Saal. Langsam ging das Licht aus, das Gemurmel im Publikum verstummte und vorne auf der Bühne begann das Stück. Ich steckte mein erstes Hustenbonbon in den Mund. Kaum war ich damit fertig, das zweite – mein Reizhusten hatte keine Chance.

Auf der Bühne vorn nahm das Spektakel seinen Lauf. Ich gewöhnte mich langsam an das Shakespear’sche Hochdeutsch und begann mich zu entspannen. Mit der Zeit verlängerte ich die Abstände zwischen den Hustenbonbons. Mein Vorrat würde nicht ewig reichen und ein bisschen husten zwischendurch war ja o.k. Das taten Viele, meistens dann, wenn auf der Bühne vorn Musik gespielt wurde. Dann wurde im Saal kräftig abgehustet. Als Rosenkranz und Güldenstern zum ersten Mal auf die Bühne traten, begannen mir die Gedärme wehzutun. Die Ricola-Hustenbonbons waren zuckerfrei und hatten deshalb eine abführende Wirkung. Mist, ich hätte doch nicht so viele hintereinander lutschen sollen. Sie vertrugen sich schlecht mit dem Krautsalat, den ich im Restaurant Kunsthaus gegessen hatte. Ich hatte zunehmend mit Bauchkrämpfen und Darmwind zu kämpfen – und richtig stellte Hamlet auf der Bühne vorn fest: „Etwas ist faul im Staate Dänemark“. Er hatte gerade Polonius, den Vater seiner geliebten Ophelia, erstochen, als ich – geplagt von zunehmendem Hustenreiz – wieder ins Schächtelchen mit den Ricola-Bonbons griff und feststellte, dass mir nur noch zwei Stück blieben. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass das Schauspiel noch eine Dreiviertelstunde dauern würde. Bauchweh, Darmwind und Hustenreiz quälten mich immer mehr. Zum Glück bekämpften sich nun Ophelias Bruder Laertes und Hamlet mit Schwertern. Die Szene war ohne Dialog und so konnte ich etwas hemmungsloser husten, also so bis mir die Augen tränten. Nun musste ich zu meinem Schreck auch noch feststellen, dass mein Beckenboden langsam nicht mehr mitmachte.

Ich fragte mich, wessen Pein grösser war, Hamlets oder meine. Aber das, so sagte ich mir, sei ja der Sinn einer Tragödie, dass man sich mit dem Helden identifiziert und dann gereinigt aus der Vorstellung geht. Oder war es bei mir vielmehr der Katarrh, der zur Katharsis führte? Jedenfalls war ich unglaublich erleichtert als Laertes und der König erschlagen und Hamlets Mutter vergiftet auf der Bühne lagen. Tief erschüttert sagte Hamlet: „Der Rest ist Schweigen“. Und ich hätte schwören können, dass er dabei leicht genervt in meine Richtung sah.

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