Zwischen den Umzugskisten

In den letzten Tagen habe ich mein Bernisch wieder upgebrusht. Ein Gigu ist ein Schnäbi, erklärte man mir in der Beiz nach der Chorporbe. Warum wir auf dieses Wort kamen, weiss ich allerdings nicht mehr. Und neulich meinte mein Optiker, es „gubti“ verschiedene Möglichkeiten für meine Sehschwäche, mit einer Lesebrille „gsuuchti“ ich aber besser, ohne dass ich meine Kopfhaltung anpassen müsse. Heute im Bus dann das Kontrastprogramm: eine Gruppe St. Galler sprach vom neuen Tibits, das es in St. Gallen geben soll. Und jedesmal, wenn ich dieses St. Gallische „i“ hörte, zuckte ich zusammen. „Tibits“ ist ja auch ein fieses Wort für St. Galler.

Im Moment bin ich aber nicht nur sprachlich zwischen den Fronten. Seit einer Weile steht hinter meinem Haus das Bauprofil für das neue Hochhaus des Zentrums Bären. Es wird den letzten Rest meiner Aussicht auf den Bantiger versperren. Das alte Swisscom-Hochhaus vor meinem Haus will man jetzt, nachdem es mehrere Jahre leergestanden ist, an Künstler vermieten. Im „Bund“ klang das alles sehr innovativ und lässig. Doch wie verzweifelt muss man als Immobiliengesellschaft sein, bis es soweit kommt?

Ich habe lange überlegt. Die Option, zwischen zwei Hochhäusern zu wohnen, scheint mir wenig attraktiv: Sollte ich also Künstlerin werden und mich im Hochhaus vor meinem Haus einmieten oder sollte ich dem verlockenden Slogan „wohnen über Mundigen“ folgen und mir im neuen Hochhaus eine Wohnung nehmen? Ein bisschen Künstlerin bin ich vielleicht schon – und so eine Yupie-Loft über Mundigen wäre auch nicht uninteressant, aber eigentlich bin ich auch in diesem Fall weder Fisch noch Vogel. Und so, zwischen Berndeutsch und St. Gallerdeutsch, Swisscom-Hochhaus und Zentrum Bären, Künstlerin und Yupie habe ich mich dazu entschlossen, hier wegzuziehen. Nach Winterthur, wo ich mich mit Zürischnure, als Hobbykünstlerin und mittelalterliche urbane Intellektuelle nicht nur wohl sondern auch heimisch fühle.

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Ostermundag

Die Eier sind getütscht, das Lamm geschlachtet, die Schokohasen verzehrt. Wir schreiben den höchsten Feiertag von Ostermundigen, den Ostermundag, im Volksmund Ostermontag genannt. Als frisch gebackene Einwohnerin verbrachte ich diesen natürlich in meiner neuen Wohngemeinde. Wenn ein Ort Ostermundigen heisst, so muss hier am Ostermontag irgend etwas geschehen, dessen war ich mir sicher. Und während ich heute am späten Nachmittag so hinter dem Swisscom-Hochhaus auf meinem Südbalkon sass und in die Frühlingssonne blinzelte, da wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht.

Zum ersten Mal seit ich im Herbst hier eingezogen bin, wurde ich heute gewahr, wie die Sonne abends nicht mehr hinter dem Hochhaus verschwand. Stattdessen liess sie das Hochhaus unter sich und spendete ihr Licht grosszügig, bis sie im Westen hinter dem Dach des Nachbarblocks versank. Ein Schauspiel, das mir Schauer über den Rücken jagte. Mir wurde klar: Der Ostermundag ist das Sonnenfest der Ostermundiger, der Swisscom-Tower Sonnenuhr und Kalender zugleich. Am Ostermundag beginnt hier der Frühling. Plötzlich sah ich den Betonklotz wortwörtlich in einem ganz anderen Licht. Nicht zur Steigerung des Bruttosozialprodukts wurde dieses Hochhaus errichtet, nein, unsere Väter erbauten es als Kalender und Sonnenuhr. Es war der jüngere Bruder von Stonehenge und gab diesem Ort seinen Namen: Ostermundigen – nach dem Ostermundag, dem Tag, an dem das Sonnenlicht zurückkehrt. 

Ich war ergriffen von dieser Offenbarung und konnte sie nicht für mich behalten. Also rief ich von meinem Balkon zum Nachbarblock hinüber, wo wie gewöhnlich die Läden geschlossen waren: „Ach Rollläden, es ist der Stonehenge und nicht das Swisscom-Hochhaus!“ Schweigen. War es möglich, dass meine Nachbarn hinter den Rollläden die Bedeutung dieses Ostermundags nicht erkannten? Hatten sie etwa auch auf der Südseite ihres Wohnblocks die Rollläden geschlossen? Oder noch schlimmer: Dachten sie etwa, das alles – die Rückkehr des Sonnenlichts  – hätte nur mit der Zeitverschiebung vom Ostersonntag zu tun?

Von Geschirr- und Häusertürmen

Ehrlich gesagt, gab es für mich ja nebst dem fehlenden Geschirrspüler noch einen zweiten Grund, weshalb ich von Winterthur weggezogen bin: Winterthur kriegt ein neues Hochhaus und das passte mir gar nicht.

Als ich mich vor zwei Wochen am Neuzuzügeranlass in meiner neuen Wohngemeinde bei Bern einfand, musste ich jedoch erfahren, dass unweit von meiner neuen Wohnung ebenfalls ein Hochhaus gebaut werden soll. Stimmt die Stimmbevöllkerung Ende November zu, so werde ich in absehbarer Zukunft in einem Hochhaus-Sandwich wohnen, denn ich wohne schon in unmittelbarer Nähe des alten PTT-Hochhauses. Big brother ist also watching me, hüben wie drüben. Zwischen den Blöcken, vielleicht sollte mein Quartier in Interblocken umbenannt werden, würde ich künftig wenigstens nicht mehr gegen Sonnenbrände ankämpfen müssen und es wäre wohl sehr windgeschützt. Auch wäre mein Geist nicht mehr durch lästige Aussicht abgelenkt. Und wer sagts denn: Lieber ein Hochhaus als gar kein Brett vor dem Kopf.

Wie dem auch sei. Ich war noch dabei, das geplante Hochhaus zu verdauen (zehn Etagen gehen nicht so leicht durch die Gedärme), als auch noch mein Geschirrspüler ausstieg. Ich drückte alle Knöpfe, reinigte das Sieb und wendete alle Tricks an, die eine Geschirrspül-Novizin so weiss und kriegen kann. Zum Schluss blieb mir nur noch übrig, meine Vermieterin anzurufen. Der Geschirrspüler sei schon alt ich solle mal den Monteur anrufen. Eventuell müsse man das Gerät durch ein neues ersetzen, meinte sie.

Und so harre ich der Dinge, die da kommen. Gibt es einen neuen Geschirrspüler oder ein neues Hochhaus? Beides oder gar nichts? Also wenn ihr mich fragt: Geschirrspüler stehen mir ja so viel besser als Hochhäuser!

Sonnen- und Schattenseiten

Als ich mir heute Morgen ganz euphorisch meine Lieblingssonnencrème ins Gesicht schmierte, kam mir wieder der Artikel in den Sinn, den ich neulich in einem Gratisanzeiger über Sonnencrèmes und UV-Filter gelesen hatte. Demnach können chemische UV-Filter Brustkrebszellen wachsen lassen. Dass auch immer alles einen Haken haben muss! Schmier ich mir das Zeug ein, krieg ich Brustkrebs. Schmier ich mir das Zeug nicht ein, krieg ich Hautkrebs. Geh ich gar nicht mehr an die Sonne, krieg ich Vitamin-D-Mangel. Und von Vitamin-D-Mangel krieg ich Osteomalazie, eine schmerzhafte Knochenerweichung. Auch darüber stand neulich etwas in der Zeitung. In solchen Fällen erinnere ich mich dann gerne an einen Spruch, der vor ein paar Monaten im Kundenmagazin meiner Krankenkasse abgedruckt worden war: „Auch wer gesund stirbt, ist tot.“ Ach, wie beruhigend! Jaja, alles hat seine Sonnen- und seine Schattenseiten. Ich habe mich heute jedenfalls riesig über den wunderschönen Wintervormittag gefreut, an dem Sonne und Wolken ein Schauspiel von Licht und Schatten boten.

Apropos Schattenseiten: Gestern war ich an einer Informationsveranstaltung zum Werk 1. Das ist das Überbauungsprojekt in Winterthur, bei dem nebst ganz vielen tollen Sachen auf dem Sulzerareal Stadtmitte leider auch ein Hochhaus realisiert werden soll. An der Info-Veranstaltung hat der Verantwortliche Departementsvorsteher erklärt, dass der Schatten des Hochhauses genau auf eine Halle fallen würde und in dieser Halle würde niemand wohnen und so würde der Schatten auch niemanden stören. Fand ich super. Also da wo ich wohne, in Winterthur-Veltheim, da ginge sowas nicht. Denn bei uns wandert die Sonne und mit ihr auch der Schatten. Der Winterthurer Bauherr meinte ausserdem, man solle wegen einer Kleinigkeit nicht das ganze Projekt bachab schicken. Eigentlich ist ein 80-100 Meter hohes Hochhaus per Definition keine Kleinigkeit. Aber Grösse ist wohl eine Frage der Perspektive. Und warum soll man aus einem Elefanten nicht eine Mücke machen dürfen, wenn das Umgekehrte auch möglich ist? Was das Hochhaus anbelangt, so hatte ich heute noch eine lustige Überraschung. Auf dem Heimweg von meinem Sonntagsbummel kam ich am roten Turm (Hochhaus Nr. 2 in Winterthur) vorbei und sah dieses Schild:

Roter-Turm-Tafel

Vielleicht kämpfe ich beim Projekt Werk 1 ja gegen Windmühlen, aber diese Tafel ist auf jeden Fall Wasser auf meine argumentativen Mühlen. Wenn schon in einem von zwei Hochhäusern so viel Raum leer steht (10’000 Quadratmeter > Besenkammer), braucht es in Winterthur ganz bestimmt kein drittes!

Roter-Turm

Der Rote Turm – ohne Schatten, mit Antenne

Schatten-ich

Mein Schatten – mit Antenne