Frühlingsgefühle

Neulich sah ich bei meiner Nachbarin einen neuen Mann auf dem Balkon: Jung, knackig, frisch geduscht mit feuchtem Haar – ein Adonis. Er grüsste mich freundlich und ich grüsste, wie sich das für eine gute Nachbarin geziemt, nett lächelnd zurück. Meine Nachbarin setzte sich zu ihm und rauchte den ganzen Nachmittag nicht eine Zigarette. Auch der Mann rauchte nicht. Am nächsten Abend begegnete ich dann den Beiden joggend (sie joggten, nicht ich!). Der Kopf meiner Nachbarin war dunkelrot und ging schon fast ins Violette über, während Adonis locker nebenher trabte. Herrjeh, wozu einem die Liebe doch verleitet! Ausgerechnet joggen! Da kann man als Frau doch nur verlieren. Denn nichts zementiert das archaische Rollenbild von Mann und Frau mehr als das Joggen. Fehlt nur noch, dass sie sich dabei den Knöchel verstaucht und er sie retten muss. Klar ist gemeinsames Schwitzen und Keuchen etwas Schönes, aber doch nicht beim Joggen! Also das mit dem Joggen, das war natürlich seine Idee, denn sie hatte ich zuvor noch nie dabei erwischt. Nach meiner – ungefragten – Meinung (und Erfahrung!!) ist das Joggen mit einem neuen Mann vergebene Liebesmüh und zum Scheitern verurteilt. Innert kurzer Zeit läuft man nicht mehr neben- sondern hintereinander her und beide sind genervt. Er, weil es nicht vorwärts geht, sie, weil sie sich völlig auskotzt bei etwas, das sie im Grunde nicht gerne macht und bei dem sie immer im Hintertreffen bleiben wird.

So in meine Gedanken vertieft, durchfuhr es mich plötzlich eiskalt und ich fragte mich, ob das mit dem Joggen und dem Rauchen vielleicht nur die Spitze des Eisbergs ist. Vielleicht verzichtet meine Nachbarin jetzt auch auf ihren Lieblingpyjama mit Börtchen, trägt statt ihren ausgelatschten Adiletten hochhackige Pumps, kocht nur noch vegetarisch, trinkt Pfefferminztee, guckt am Fernsehen statt ihren Lieblingsserien mit ihm Fussball und schämt sich gar für ihre neugierige Nachbarin. Vielleicht wird sie sich wegen mir nie mehr mit Adonis auf den Balkon setzen! Dann hätte Adonis nicht nur ein ganz falsches Bild von ihr sondern – und das wäre richtig schlimm – für mich wäre Schluss mit der Augenweide.