Die Krönung

Beim Leeren des Briefkastens hatte ich in den letzten Tagen alles andere als Frühlingsgefühle. Gleich mehrere Rechnungen mit Beträgen im vierstelligen Bereich flatterten ins Haus. Und immer waren die Rechnungen für Dinge, die man sich nicht direkt aufs Brot schmieren kann: für Steuern und Versicherungen. Die Krönung erlebte ich dann noch als ich vorgestern bei der Dentalhygienikerin und zur alljährlichen Karieskontrolle war. Meine Zahnärztin will mir eine Krone verpassen! Kostenpunkt im vierstelligen Bereich. Für diesen Preis würde meine Krone in spe nicht mal aus Gold sondern nur aus Keramik sein. Sie verhindere, dass sich mein wurzelbehandelter Zahn spalte. Und nach ungefähr 20 Jahren müsse sie dann erneuert werden. In sachlichem Ton eröffnete mir meine Zahnärztin die bestechenden Vorteile einer solchen Investition respektive die grausigen Nachteile einer Nicht-Investition. Sodass sich die Frage, ob ich mich krönen lassen oder auf die Krone verzichten sollte, ganz von selbst beantwortete. Von selbst versteht sich auch, dass mir keine meiner Versicherungen etwas an meine Krone bezahlen wird, noch werde ich den Betrag von den Steuern abziehen können.

Und so kam es, dass ich vom Zahnarzt frustriert direkt zum Bäcker ging. Meine dortige Investition in Kalorien hatte drei Vorteile: 1. lag sie nicht im vierstelligen Bereich, 2. erhielt ich dafür einen handfesten Gegenwert, 3. löste sie kurzfristig ein Glücksgefühl aus und wird sich langfristig auf meinen Hüften ablagern. Das nenn ich mal eine sinnvolle Investition!

Nicht ohne meinen Steppy*

*Name von der Redaktion geändert.

So langsam wandelt sich der Winterspeck an meinem Bauch nahtlos in eine Frühlingsrolle um. Das will mir nicht so recht gefallen. Und so habe ich mich neulich dazu entschieden, mich mehr zu bewegen. Ein Schrittzähler sollte mich bei diesem Projekt begleiten. Schnell wurde ich im Store auf meinem Handy fündig und hatte sogar die Wahl zwischen mehreren Apps. Ich entschied mich dann für die Gratis-App mit den meisten Sternchen. Eine klassische Wahl nach dem Optimumprinzip, das heisst, man versucht, mit möglichst wenigen Mitteln (in meinem Fall am liebsten keinen) den grössten Nutzen zu erzielen. Das App nistete sich rasch auf meinem Telefon ein und saugte gefühlte 90% vom Akku und 75% vom Speicherplatz ab. Egal, wenn mein Handy langsam wird, dachte ich. Hauptsache ich komme in Bewegung! Zuerst musste ich die Schrittlänge einstellen und mein tägliches Ziel eingeben. Ich gab eine Schrittlänge von 0.5 Meter ein und als Ziel 5’000 Schritte. Schliesslich brauchte ich ein rasches Erfolgserlebnis. 2.5 Kilometer pro Tag waren ja zu schaffen.

Der Steppy lässt sich aber nicht nur frisieren (als Teenager haben wir das noch mit unseren Mofas gemacht) er hat auch andere Schwächen, wie ich rasch feststellen musste. Besonders ärgerlich ist, dass meine meist frequentierte Strecke, die vom Sofa zum Kühlschrank, nur 17 Schritte beträgt. Da der Steppy aber erst ab 10 Schritten zu zählen beginnt, komme ich so nur auf 7 Schritte einfach und 14 Schritte retour. Ich habe das Problem nun für mich so gelöst, dass ich jeweils einen Umweg übers Schlafzimmer mache, wo ich mich seitwärts vor den Spiegel stelle, den Bauch einziehe und an Ort trabe. Das mache ich so lange, bis der Steppy die effektive Strecke, nämlich 28 Schritte hin und retour anzeigt. Der Umweg hat noch einen weiteren Vorteil: Beim Blick in den Spiegel vergeht mir oft die Lust auf den Ausflug zum Kühlschrank. Das ist zwar schlecht für mein Schrittekonto, wirkt sich aber positiv auf mein Kalorienbilanz aus. Apropos Kalorien: Richtig ernüchternd fand ich die Umrechnung des Steppy auf die beim Gehen verbrannten Kilokalorien. Für einen Becher Schokojoghurt muss ich 225 Kilokalorien verbrennen, das heisst, 7’513 Schritte gehen – das sind 268 Mal vom Sofa zum Kühlschrank und zurück. Offenbar funktioniert auch mein Körper nach dem Optimumsprinzip: Mit einer minimalen Menge an Kalorien legt er möglichst viele Schritte zurück. So ein Mist!

Trotzdem ist der Steppy zu meinem treuen Begleiter geworden. Es ist ganz lustig, wenn man mit sich selbst im Wettbewerb steht. Und ehrlich gesagt, passen Steppy und ich ganz gut zusammen: Ich bescheisse ihn, er bescheisst mich. Meinen Beinen bleibt dabei nichts Anderes übrig als Schritt zu halten.

Hohelied auf den Kühlschrank

Dies ist ein Gedicht für dich, mein Kühlschrank,
der treu in meiner Küche steht.
Dies ist für deinen klebrigen Griff und deine leise Stimme,
für deine Schubladen, Fächer und Tablare
und für dein Gefrierfach.
Und dies ist für all die Male, die du mich getröstet hast,
wenn ich nachts nicht schlafen konnte,
für die Kalorien, die du hütest,
und die Diskretion, mit der du diese freigibst.
Dies ist für die Weisheit,
die auf Magneten und Karten an deiner Türe haftet.
Dies ist ein Gedicht für dich, mein Kühlschrank,
der du meinen Leib und meine Seele nährst,
immerdar.