S Täschli

Vor ein paar Monaten habe ich meinem Gottemeitli zum Geburtstag ein selbst genähtes Täschchen geschenkt. Ich hatte einen hübschen bunten Stoff im Stoffladen gefunden und mich mit Feuereifer an die Nähmaschine gesetzt. Nach zwei Stunden war das süsse kleine Täschchen fertig. Ich packte es ein, und überreichte es der Kleinen stolz. Sie riss das Paket voller Vorfreude auf und betrachtete das Täschchen neugierig: „Es Täschli!“ Sofort sagte meine Freundin zu ihrer Tochter: „Das ist aber schön!“ Das Gottemeitli nickte etwas abwesend. „Das kannst du für den Kindergarten als Znünitäschli benutzen“, schob ich aufmunternd nach um die etwas peinliche Stille zu füllen. „Ha scho es Znünitäschli!“, sagte das Mädchen. „Oder dann halt fürs Turnzeug“, machte ich einen zweiten hoffnungsvollen Versuch. „Ha scho en Turnsack!“, sagte sie. Schon ziemlich enttäuscht, aber das hätte ich mir natürlich nie anmerken lassen, sagte ich dann: „Dann kannst du es vielleicht sonst für etwas brauchen.“ Was für ein blöder Spruch! Mein Gottemeitli hatte schliesslich Recht: Sie brauchte kein Täschli. Punkt. Daran änderte auch nichts, dass es von mir, ihrem Gotti, kam und selbst genäht war. Ich war auf dem besten Weg, mein Gottemeitli zum Materialismus zu verführen! Zum Schluss fragte ich mich auch, ob ich mit dem Täschli wirklich meinem Gottemeitli eine Freude machen wollte, oder ob ich vor allem Lust hatte, etwas zu nähen. Vielleicht wollte ich damit auch ein bisschen meiner Freundin imponieren, denn sie kann nicht so gut nähen wie ich. Oder ich wollte sie sogar konkurrenzieren, denn „sälber gmacht“ ist doch mehr wert als „gekauft“. Wie dem auch sei: Ich habe meine Lektion gelernt. Nächstes Mal werde ich, statt Zeit an der Nähmaschine zu verbringen, mit meinem Gottemeitli etwas unternehmen, denn darüber freut sie sich jeweils riesig und dabei hat sich auch noch nie die Frage nach dem Nutzen gestellt.

Kinder holen

Als ich gestern im Coop meine sieben Artikel bezahlen wollte, waren nur zwei Kassen offen und die Warteschlangen lang. Endlich ging noch eine zusätzliche Kasse auf. Ich steuerte auf die neue Schlange zu, die sich in Windeseile formte. Vor mir huschte wie ein Wiesel noch eine junge Frau rein. Sie war am Telefonieren und hielt zwei Tafeln Schokolade in der Hand. Aslo dachte ich, naja, das war jetzt zwar nicht die feine Art sich noch vor mir reinzudrücken, aber sie hat ja fast nichts. Zwei Minuten später kam jedoch ihre Kollegin mit einem voll bepackten Wagen um die Ecke. Die jungen Frau vor mir winkte sie heran und sagte zu ihr: „Komm, kannst hier rein!“ Das fand ich nun erst recht nicht die feine Art und so beschwerte ich mich lauthals bei der jungen Frau vor mir. Die Antwort war dann: „Sorry, aber ich muss die Kinder holen!“ Aha, dachte ich. Wieder einmal die Masche. Gegen Kinder darf man und vor allem frau nicht sein, denn Kinder sind unsere Zukunft. Schon hatte ich auf der Zunge, ihre Kinder interessierten mich einen Scheiss und meine Uroma liege schliesslich auch im Sterben. Aber erstens fand ich das meiner Uroma gegenüber unfair, die ich noch nicht mal gekannt hatte und die vor über 40 Jahren gestorben ist, und zweitens begann ich mir nun wirklich auszumalen, was denn passieren könnte, wenn diese junge Mutter zu spät zu ihren Kindern kam. Einsam und verlassen würden die lieben Kleinen dastehen. Vielleicht hätten sie hinterher ein Trauma, Verlustängste, und müssten jahrelang in Psychotherapie. Diese Therapie würde so viel kosten, dass die ganze Familie in die Armut getrieben würde – erst recht, nachdem jetzt die Familieninitiative abgehlehnt worden ist. Oder noch schlimmer: Die wartenden Kinder würden gekidnappt und von einem Psychopathen jahrelang in einem dunklen Kellerloch gefangen gehalten und gepeinigt werden. Nein, diese Verantwortung wollte und konnte ich nicht übernehmen. Also verkniff ich mir eine Bemerkung und liess die Frau gewähren.

Es ging noch eine ganze Weile, bis ich an die Reihe kam und so vertieb ich mir die Zeit damit, den Inhalt des Einkaufswagens von der gestressten Mutter anzuschauen. Da lagen überzuckerte Fruchtjoghurts neben Schokoriegeln und Süssgetränken. Mir wurde klar, dass es mir zwar soeben gelungen war, die Kinder der jungen Frau vor einem psychischen Trauma und einer langjährigen Gefangenschaft in einem dunklen Kellerloch zu retten. Gegen Fehlernährung und die gesundheitlichen Folgen wie Fettleibigkeit und Herzkreislaufprobleme war ich jedoch machtlos. Denn, zwar wird von jedermann und vor allem jederfrau Verständnis für gestresste Mütter erwartet. Die Mutter, die sich von Wildfremden punkto Erziehung und Ernährung reinreden lässt, muss aber noch erfunden werden.