Zwetschgen auf der Überholspur

Neulich stand ich mit dem Fahrrad an der Ampel. Als diese auf Orange sprang, rief ein Autofahrer hinter mir aus dem offenen Fenster: «Fahre!» Die Aufforderung galt vermutlich den beiden Mädels neben mir, die ebenfalls auf ihren Fahrrädern warteten und gleichzeitig mit ihren Handys beschäftigt waren. Zu dritt blockierten wir die ganze Fahrbahn. Solange wir nicht fuhren, hatte der Ungeduldige im Auto keine Chance fortzukommen. Trotzdem nervte die ungeduldig-agressive Art des Autofahrers, zumal ja erst orange war. Was hatte der uns auf so nonchalante Art rumzukommandieren? Schliesslich haben die Radfahrer an der Ampel Vorfahrt. Aber ich zeige auf der Strasse keinen Mittelfingern, ich denke ihn mir nur. Mit erhobenem Mittelfinger im Kopf hielt ich an der nächsten Ampel, die für die Fahrräder wieder rot war. Trotzdem zogen drei Velofahrer mit einem Affenzahn an mir vorbei, als ob sie farbenblind oder auf der Flucht wären. Ich schüttelte den Kopf mitsamt dem erhobenen Mittelfinger drin. Diese Ungeduld! Alles muss immer schnell gehen! Dafür wird gern auch Kopf und Kragen riskiert. Zum Glück, so tröstete ich mich, als die Ampel auf Grün sprang und ich weiterfahren konnte, gibt es im Leben noch Dinge, die sich diesem Geschwindigkeitswahn widersetzen. Ein Baby bleibt 40 Wochen lang im Mutterleib, bis es auf die Welt kommt, ein Hefeteig lässt sich nicht zur Eile antreiben und wer hat schon je eine Kuh gesehen, die sich beim Widerkäuen aus der Ruhe bringen lässt? Ja, die Natur, die lässt sich nicht zur Eile antreiben.

Und dann das: Zwetschgen Mitte Juli! Heute standen sie in einer Schale vor mir. Die Kirschen noch am Baum – schon sind die Zwetschgen da. Also daran, dass man im Dezember im Laden Erdbeeren bekommt, daran habe ich mich gewöhnt. Die kommen aus Treibhäusern aus aller Herren Länder und werden hierher geflogen. Aber diese Zwetschgen waren vom Bauern und frisch vom Baum. Wir assen sie unter dem Kirschbaum, der immer noch voll behangen war. Dabei waren heuer ja schon die Kirschen früh. Was war nur in diese Zwetschgen gefahren? Sie waren klein aber ausgesprochen gut. Wir griffen wacker zu und assen das Schälchen schnell leer. Schliesslich mussten wir jeden Augenblick damit rechnen, dass die Pilze zwischen unseren Füssen aus dem Boden schossen.

Advertisements