Das Marmeladenbrot

Heute habe ich in einem Café bei der Tramstation gefrühstückt. Da war doch tatsächlich ein belegtes respektive geschmiertes Brötchen auf der Speisekarte. Ich konnte nur eine oder zwei Hälften haben und zwischen Schnittlauch, Ei, Käse, Wurst, Honig und Marmelade auswählen. Ich wählte Marmelade. 

Ehrlich gesagt, mag ich Marmeladebrote ja ganz gerne, doch was mich zu Hause meist davon abhält, sie zu essen, ist die Zubereitung. Es beginnt mit dem Halbieren des Brötchens. Da heisst es, die Mitte des Brötchens zu treffen, damit man am Schluss nicht auf einer Seite nur die Kruste und auf der anderen das ganze luftig weisse Innenleben hat. Die nächste Herausforderung ist die Butter, die in der Regel beinhart aus dem Kühlschrank kommt. Mühsam säble ich mir jeweils möglichst dünne Scheiben vom weissen harten Butterklotz ab, damit sich die Masse wenigstens einigermassen streichen lässt. Besonders mühselig ist das Streichen dann, wenn das Brötchen hell und innen weich ist. Ich habe es auch schon mit Toast und Margarine versucht, aber wer etwas von Marmeladenbroten versteht, weiss, dass das nicht geht. Hat man dann die Grundierung mit Butter endlich geschafft, kommt die klebrige Schmiererei mit der Marmelade. Bei Marmelade gehts ja noch, aber bei Gelee oder Honig lässt sich die ganze Chauce schon kaum auf dem Messer halten, geschweige denn, in Würde aufs Brot übertragen. Und zu guter letzt ist da noch die hohe Kunst der richtigen Dosierung, die viel Erfahrung voraussetzt, denn das Brot soll gut bedeck sein, ohne dass die Marmelade über die Brotkante läuft.  

All diese Herausforderungen meisterte der Kellner heute Morgen mit Bravour. Als er mit seinem vollendeten Werk an meinen Tisch kam, da überkam es mich, dass mir seit meiner Kindheit niemand mehr ein Marmeladenbrot geschmiert hatte. Ich kann mich nicht erinnern, in irgendeinem Café oder Hotel dieser Welt ein solches erhalten zu haben. Da wird man mit einer Minibar, einem Flachbildschirm und im besten Fall mit einer Praline auf dem Kopfkissen abgefertigt – aber sein Marmeladenbrot muss man sich selbst schmieren. Und so war dieses prêt-à-manger Marmeladenbrot in diesem einfachen Café für mich Luxus, Liebesdienst und Kindheitserinnerung zugleich. Die Chancen stehen sehr gut, dass ich mir dort morgen wieder ein Marmeladenbrot, oder vielleicht zur Abwechslung ein Honigbrot, schmieren lassen werde.