Aus dem Zusammenhang

Neulich fuhr ich am Bahnhof die Rolltreppe hoch. Da kam mir zuerst ein Mann mit einem Hund auf den Armen entgegen. Das heisst, er fuhr natürlich auf der Rolltreppe nebenan nach unten. Der Hund war gross und wirkte schwer. Der Mann verzog keine Miene und schaute entschlossen geradeaus ins Leere. Während ich mich noch von diesem ungewohnten Anblick erholte, kam eine Frau mit einem Teppich auf den Armen die Rolltreppe hinunter. Der Teppich war etwa so gross wie der Hund, vielleicht ein bisschen breiter. Die Frau hatte genau die gleiche Körperhaltung und den gleichen Ausdruck im Gesicht wie der Mann. Ich guckte noch ein bisschen, doch dann war ich am Ende meiner Rolltreppe angelangt und musste abspringen.

Dabei waren meine Gedanken noch ganz auf der Rolltreppe beim Mann, der Frau, dem Hund und dem Teppich. Ob diese wohl zusammengehörten? Hatte der Hund auf den Teppich gemacht? Hatte die Frau den Hund deswegen geschlagen? Hatten sich der Mann und die Frau darüber gestritten? Hatten sich der Mann mit dem Hund und die Frau mit dem Teppich solidarisiert? War der Mann mit dem Hund auf dem Weg zum Tierarzt und die Frau mit dem Teppich in die chemische Reinigung?

So in Gedanken versunken, ging ich weiter zum Bussteig und wartete auf meinen Bus, da fragte mich eine Frau: „Hoi, gehst du auch zu MIP?“ Ich kannte die Dame nicht und war etwas erstaunt, dass sie mich duzte: „Nein. MIP, was ist das?“ „Mothers in Prayer“, sagte sie, jetzt etwas verlegen. Ach so, dachte ich und überlegte schon, ob die Frau die Mutter der Frau mit dem Teppich oder des Mannes mit dem Hund auf der Rolltreppe war.

Frühlingsgefühle

Neulich sah ich bei meiner Nachbarin einen neuen Mann auf dem Balkon: Jung, knackig, frisch geduscht mit feuchtem Haar – ein Adonis. Er grüsste mich freundlich und ich grüsste, wie sich das für eine gute Nachbarin geziemt, nett lächelnd zurück. Meine Nachbarin setzte sich zu ihm und rauchte den ganzen Nachmittag nicht eine Zigarette. Auch der Mann rauchte nicht. Am nächsten Abend begegnete ich dann den Beiden joggend (sie joggten, nicht ich!). Der Kopf meiner Nachbarin war dunkelrot und ging schon fast ins Violette über, während Adonis locker nebenher trabte. Herrjeh, wozu einem die Liebe doch verleitet! Ausgerechnet joggen! Da kann man als Frau doch nur verlieren. Denn nichts zementiert das archaische Rollenbild von Mann und Frau mehr als das Joggen. Fehlt nur noch, dass sie sich dabei den Knöchel verstaucht und er sie retten muss. Klar ist gemeinsames Schwitzen und Keuchen etwas Schönes, aber doch nicht beim Joggen! Also das mit dem Joggen, das war natürlich seine Idee, denn sie hatte ich zuvor noch nie dabei erwischt. Nach meiner – ungefragten – Meinung (und Erfahrung!!) ist das Joggen mit einem neuen Mann vergebene Liebesmüh und zum Scheitern verurteilt. Innert kurzer Zeit läuft man nicht mehr neben- sondern hintereinander her und beide sind genervt. Er, weil es nicht vorwärts geht, sie, weil sie sich völlig auskotzt bei etwas, das sie im Grunde nicht gerne macht und bei dem sie immer im Hintertreffen bleiben wird.

So in meine Gedanken vertieft, durchfuhr es mich plötzlich eiskalt und ich fragte mich, ob das mit dem Joggen und dem Rauchen vielleicht nur die Spitze des Eisbergs ist. Vielleicht verzichtet meine Nachbarin jetzt auch auf ihren Lieblingpyjama mit Börtchen, trägt statt ihren ausgelatschten Adiletten hochhackige Pumps, kocht nur noch vegetarisch, trinkt Pfefferminztee, guckt am Fernsehen statt ihren Lieblingsserien mit ihm Fussball und schämt sich gar für ihre neugierige Nachbarin. Vielleicht wird sie sich wegen mir nie mehr mit Adonis auf den Balkon setzen! Dann hätte Adonis nicht nur ein ganz falsches Bild von ihr sondern – und das wäre richtig schlimm – für mich wäre Schluss mit der Augenweide.