Rollläden

Wenn ich aus meinem Wohnzimmerfenster schaue, sehe ich ja bekanntlich ein Hochhaus. Wenigstens wenn ich aus dem Fenster Richtung Süden schaue. Was ich aber vorgelagert zum Hochhaus auch noch sehe, das ist ein Wohnblock. Und vor den Fenstern dieses Wohnblocks sehe ich Rollläden – und die sind meistens zu, auch am helllichten Tag.

Anfangs fand ich das nicht schön und ziemlich abweisend. Und wenn ich diese grauen Lamellen so anschaute, dann stellte sich mir so manche Frage: Sind die Leute in den Langzeitferien? Betreibt da jemand eine Dunkelkammer zum Entwickeln von analogen Fotofilmen? Leben da Kinder, die leidenschaftlich gerne Geisterbahn spielen? Ist da jemand krank, hat Migräne oder vielleicht gar eine Lichtallergie? Oder vielleicht sammeln da Leute millionenschwere Kunstwerke, die vor Licht geschützt werden müssen? Auf diese Weise begann ich, mir nach und nach zu jedem geschlossenen Rollladen eine Geschichte zusammenzureimen. Inzwischen muss ich schon sagen: Meine Nachbarschaft ist ein inspierendes Völkchen. Wetten, dass ihr nicht so spannende Nachbarinnen und Nachbarn habt wie ich?

Je mehr ich mir das spannende Leben meiner Nachbarn hinter den Rollläden inzwischen vorgestellt und ausgemalt habe, was sich dahinter abspielt, desto grösser wird nun die Furcht davor, dass sie eines Tages ihre Rollläden doch noch hochziehen und diesen Zauber zerstören könnten. Denn, was sind schon Leute, die essend am Tisch sitzen, spielende Kinder, laufende Fernsehgeräte etc.? Wenn ich sowas sehen müsste, gingen mir vor lauter Langeweile glatt die Läden runter.