Die haben ja nicht alle Wagen am Zug!

Vorgestern bin ich wieder mit der deutschen Bahn gereist. Die Reise begann frühmorgens um 7:12 Uhr. Nachdem wir uns im Morgengrauen aus unseren Betten gequält und mich meine Freundin zum Bahnhof gefahren hatte, hatte die S-Bahn „wegen Abwarten eines verspäteten Intercity-Zuges“ ihrerseits Verspätung. Doch während S-Bahnen verspätete Intercity-Züge abwarten, warten Intercity-Züge leider keine verspäteten S-Bahnen ab. Wo kämen wir denn da hin? Und so hatte ich das Nachsehen. Mein ICE nach Karlsruhe war weg, als ich um viertel vor Acht in Nürnberg einfuhr. Leider musste ich am DB-Schalter in Nürnberg ziemlich lange warten bis ich mein Sparticket umbuchen konnte, sodass in der Zwischenzeit auch der Zug mit der Verbindung via Frankfurt abgefahren war. Immerhin erhielt ich für die nächste Verbindung via Karlsruhe – zwei Stunden später – sogar meine Platzreservationen umgebucht.

Als ich nach einem Bummel durch die Bahnhofsgeschäfte und einer Tasse Tee mit meinem Rollköfferchen in die Bahnhofshalle zurückkehrte und auf die Abfahrtstafel schaute, stand da bei meinem Zug: „Dieser Zug verkehrt ohne Wagen 10“. Wie gut, dass meine Reservation für Wagen 9 war! Ich fand meinen Platz,  über dem „ggf. freigeben“ stand und auf dem schon ein Passagier sass. Der machte gutmütig Platz und setzte sich auf einen anderen Sitz, auf dem ebenfalls „ggf. freigeben“ stand. Ich sah mich um und stellte fest, dass über allen Sitzen „ggf. freigeben“ stand. Das habe mit dem Ausfall des Wagens 10 zu tun, erklärte mir eine andere Passagierin. Fand ich nicht logisch und vor allem nicht kundenfreundlich, aber egal.  Ich setzte mich.

Die Fahrt im ICE ohne Wagen 10 verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Da es Mittwochvormittag war, war der Zug nicht überfüllt, sodass auch die wagenlosen Passagiere auf den freien Plätzen mit dem Vermerk „ggf. freigeben“ Platz fanden. Ich wunderte mich allerdings schon ein bisschen darüber, warum es ausgerechnet Wagen 10 nicht geschafft hatte, mitzufahren. Hatte er sich abgehängt und war irgendwo auf der Strecke stehen geblieben? War er unterwegs aus dem Gleis gesprungen und seinen eigenen Weg gegangen? Stand er ganz allein auf einem Abstellgleis oder hatte er sich einem anderen Zug angehängt und fuhr fröhlich durch deutsche Lande? Warum passierten bei der Deutschen Bahn immer wieder solche komischen Sachen und in der Schweiz nicht? Da plötzlich wurde mir klar, was es mit Wagen 10 auf sich hatte: Er war zu den SBB übergelaufen, weil er es satt hatte, mit „ggf. freigeben“-Anzeigen durch die Gegend zu fahren und immer zu spät zu kommen.

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Wieder jung

Wie kommt man von Winterthur am besten nach Berlin? Mit dem Fluzeug, klar. Das ist schnell und auch günstig. Nun habe ich mir aber auferlegt – wegen CO2, Klima, Reizüberflutung, simplify, slow-travel, die Seele mitreisen lassen und so – nicht mehr als zweimal im Jahr zu fliegen, mit dem Fernziel, nur noch einmal im Jahr mit dem Flugzeug zu reisen. Mit Rom im Frühjahr und London im Juni war dieses Kontingent bereits ausgeschöpft. Eine würdige Alternative wäre da ja noch die Bahn. Die Bahnreise nach Berlin kam aber aufgrund ihrer Länge nur nachts in Frage. Wie oft schon habe ich in einer Koje im Sechserabteil gelegen und mich zwischen Zürich und Berlin durchruckeln lassen. Am Morgen bin ich dann jeweils mehr oder weniger gerädert im Tiefbahnhof des Hauptbahnhofs Berlins angekommen und erlebte Berlin so früh am Morgen, dass es noch gar nichts zu erleben gab. Irgendwie hatte ich auf diese Ankunft am Morgen um 7 Uhr im Tiefbahnhof keine grosse Lust. Ausserdem ärgerte ich mich über das komplizierte Online-Ticket-System der Deutschen Bahn. Wahrscheinlich ist das ein falscher Schluss: Aber ich finde, wenn man es mit einem Hochschulabschluss nicht schafft, online ein Ticket zu bestellen, dann ist die Usability eines Bestell-Tools im Arsch. Und überhaupt, wer garantierte mir, dass die Mitarbeitenden der DB nicht wieder streikten wenn ich reisen wollte?

Und so kam es, dass ich mir bei „Mein Fernbus“ ein Ticket ganz einfach und unverschämt günstig online kaufte. Die Fahrt über Nacht von Zürich nach Berlin würde zwar fast 12 Stunden dauern, dafür konnte ich zwei grosse Gepäckstücke und ein Handgepäck mitnehmen. Und weil diese Busse bis auf den letzten Platz gefüllt werden, ist diese Art zu reisen unter dem Strich gesehen sogar noch ökologischer als die Bahnfahrt. So steht es jedenfalls auf der Website von „Mein Fernbus“. 

Als ich mit dem Nackenkissen unter dem Arm, einem Roman und Proviant im Rucksack am Busbahnhof stand, fühlte ich mich wieder wie damals mit 21 als ich mit meiner Schwester mit dem Greyhound-Bus durch Australien trampte: Die Welt lag mir zu Füssen. Mit dem Unterschied, dass sich bei mir dieses Mal die Vorfreude auf Berlin mit der dunklen Ahnung (und Erfahrung!) vermischte, dass mir eine ziemlich unangenehme Nacht bevorstand. 

Die Reise war dann etwa so unbequem, wie ich das in Erinnerung hatte. Mit dem kleinen Unterschied allerdings, dass meine Knochen inzwischen 20 Jahre älter geworden sind. Bis München hatte ich noch zwei Plätze für mich, doch dann setzte sich ein junger Mann neben mich, der zwar sehr rücksichtsvoll aber halt nicht gerade winzig war. Grosse Leute setzen sich ja immer gerne neben mich. Wie das wohl kommt? Auf jeden Fall, so redete ich mir ein, war es schön, für so wenig Geld neben einem so jungen Mann zu erwachen. Irgendwann in den frühen Morgenstunden hatten wir eine halbstündige Pause an einer Autobahnraststätte. Um wenigstens etwas Warmes im Bauch zu haben, schüttete ich eine heisse abscheulichen Automaten-Latte-Machiato in mich hinein und starrte in der kühlen, von Zigarettenrauch geschwängerten, Morgenluft zerknautscht ins Leere. Meine Schultern waren völlig verspannt, das Kreuz schmerzte und die Knie taten mir weh. Das schlimmste an diesen langen Fahrten, egal wie lange sie dauern, sind ja immer die letzten zwei Stunden. Die Phase, in der die Schmerzen grösser sind als die Müdigkeit und die Realität die positive Einstellung Lügen straft. Ich stellte meinen Sitz wieder gerade und spielte ZipTrix bis zum Abwinken. Vor mir versuchte ein junger Mann vergeblich ein Hörnchen in seiner Frisur zu bändigen und eine der drei vollblonden Mädels ganz vorne im Bus machte etwa 10 Versuche, ihren Haarknoten wieder so hinzukriegen, wie sie es von Zu Hause vor dem Spiegel gewohnt war. Der Junge vor mir wechselte etwa im 7-Sekunden-Takt seine Position. Eine Japanerin streckte ihre Füsse hoch in die Luft und ich fragte mich, wie das ihre Wirbelsäule mitmachte. An jenem Morgen fühlte ich mich definitiv nicht mehr wie Anfang 20. 

Um 11.30 Uhr checkte ich dann in mein AirBnB Gästezimmer in Kreuzberg ein und wurde sehr freundlich von einem jungen Medizinstudenten in Empfang genommen. Er war gerade dabei, sich sein Frühstück zuzubereiten. Er stehe kurz vor den Prüfungen und lerne jeweils bis 23 Uhr. Er schaffe es zur Zeit unmöglich, früher aufzustehen. 

Am Abend, der Medizinstudent und ich gingen beide so um 23.30 Uhr in unsere Betten, erzählte ich ihm ebenso altklug wie mütterlich, ich sei nun leider in einem Alter, in dem ich nicht mehr so lange ausschlafen könne. Wir würden uns am nächsten Morgen also kaum begegnen. Als ich am nächsten Morgen erwachte und auf die Uhr schaute, war es jedoch sage und schreibe schon 10.30 Uhr. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so lange geschlafen hatte. Nebenan im Zimmer hörte ich den Medizinstudenten telefonieren. Wow, ich hatte ihn im Ausschlafen übertroffen. Und so fühlte ich mich plötzlich doch wieder richtig jung.