Man putzt seine Fenster nicht leichtfertig

Ja, ich habe es getan! Geblendet von so viel Licht sitze ich am PC. Jede Lamelle der geschlossenen Rollläden am Nachbarhaus schillert in ihrer Einzigartigkeit. Je nachdem, in welchem Winkel sie stehen, variiert ihr Grau von matter Maus zu Silber und glänzt vereinzelt im Licht der Morgensonne. Hier und dort kann ich durch die halb geschlossenen Lamellen sogar das Muster eines Spitzenvorhangs erhaschen. So nah und so deutlich erkennbar war mein Nachbarhaus schon lange nicht mehr. Denn, nach den anderthalb Jahren, die ich nun in meiner Ostermundiger Wohnung hause, habe ich zum ersten Mal meine Fenster geputzt.

Die Aktion war von langer Hand geplant, es mussten aber erst zahlreiche Faktoren zusammenkommen, bis der Zeitpunkt reif war. Man putzt seine Fenster nicht leichtfertig. Angefangen hat es mit der Steuererklärung. Sie flatterte Anfang Jahr ins Haus und wanderte direkt in die Schublade. Es ist erstaunlich, was so ein bisschen Papier in einer Schublade anrichten kann. Seit etwa einem Monat bin ich immer wieder versucht, die Steuererklärung aus der Schublade zu holen und auszufüllen. Besonders schlimm ist es, wenn es regnet. Dann juckt es mich ganz arg in den Fingern. Bis jetzt habe ich immer wieder Strategien entwickelt, dem Drang, meine Steuererklärung auszufüllen, zu widerstehen. So habe ich den Duschvorhang und die Teppiche im Bad wieder einmal gewachen, die Lampe im Flur ersetzt, ein Pälmchen umgetopft und die Bremsklötze an meinem Fahrrad ausgewechselt. Sogar zur Kontrolle beim Zahnarzt war ich. Als ich mich neulich beim Blick in den Backofen dabei ertappte, wie ich ernsthaft an dessen Reinigung dachte und darauf auch noch den Kühlschrank abtaute, fühlte ich, dass ich dem Drang, die Steuererklärung auszufüllen nicht mehr lange würde widerstehen können. Nur eine letzte Bastion galt es noch zu erobern vor dem finalen Coup: Die Fenster.

Aber man putzt seine Fenster nicht leichtfertig. Darum müssen beim Fensterputzen nebst den mentalen noch ganz andere Faktoren stimmen: Erstens müssen einem die dreckigen Fenster überhaupt auffallen. Das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht. Am besten lässt sich Fensterschmutz in der Übergangszeit erkennen. Dann gibt es da noch die meteorologischen Faktoren: Es darf weder zu kalt sein, noch regnen. Zudem sollte die Sonne während der Reinigungsaktion nicht direkt in die Fenster scheinen. Zu guter letzt muss das nötige Material zur Reinigung vorhanden sein: Handy, Pril oder Palmolive, Putzlappen, Reinigungsspray und Wegwerfwischtücher, bei Bedarf auch ein Fensterschaber. Und schliesslich läuft beim Fensterputzen gar nichts, wenn die Reinigungskraft dazu nicht in der körperliche Verfassung ist.

Man putzt seine Fesnter nicht leichtfertig. Doch endlich haben bei mir alle Faktoren gestimmt. Und so habe ich gestern Abend die Fenster zur Nord-Ost-Seite und heute Morgen die zur Süd-West-Seite geputzt. Nach vollbrachter Tat darf mich nicht nur über blitzende Fensterscheiben freuen sondern auch darauf, dass mich nun nichts mehr von meiner Steuererklärung trennt. Denn, wie heisst es doch so schön: Das Beste kommt immer zum Schluss.

Rollläden

Wenn ich aus meinem Wohnzimmerfenster schaue, sehe ich ja bekanntlich ein Hochhaus. Wenigstens wenn ich aus dem Fenster Richtung Süden schaue. Was ich aber vorgelagert zum Hochhaus auch noch sehe, das ist ein Wohnblock. Und vor den Fenstern dieses Wohnblocks sehe ich Rollläden – und die sind meistens zu, auch am helllichten Tag.

Anfangs fand ich das nicht schön und ziemlich abweisend. Und wenn ich diese grauen Lamellen so anschaute, dann stellte sich mir so manche Frage: Sind die Leute in den Langzeitferien? Betreibt da jemand eine Dunkelkammer zum Entwickeln von analogen Fotofilmen? Leben da Kinder, die leidenschaftlich gerne Geisterbahn spielen? Ist da jemand krank, hat Migräne oder vielleicht gar eine Lichtallergie? Oder vielleicht sammeln da Leute millionenschwere Kunstwerke, die vor Licht geschützt werden müssen? Auf diese Weise begann ich, mir nach und nach zu jedem geschlossenen Rollladen eine Geschichte zusammenzureimen. Inzwischen muss ich schon sagen: Meine Nachbarschaft ist ein inspierendes Völkchen. Wetten, dass ihr nicht so spannende Nachbarinnen und Nachbarn habt wie ich?

Je mehr ich mir das spannende Leben meiner Nachbarn hinter den Rollläden inzwischen vorgestellt und ausgemalt habe, was sich dahinter abspielt, desto grösser wird nun die Furcht davor, dass sie eines Tages ihre Rollläden doch noch hochziehen und diesen Zauber zerstören könnten. Denn, was sind schon Leute, die essend am Tisch sitzen, spielende Kinder, laufende Fernsehgeräte etc.? Wenn ich sowas sehen müsste, gingen mir vor lauter Langeweile glatt die Läden runter.