Das perfekte Fest

Ich bewundere den erfolgreichen Abschluss des Projekts Gotthard Basistunnel. 17 Jahre lang wurde gebaut und noch viel länger geplant. Ein Jahrhundertprojekt, wie es wohl nur den Schweizern mit ihrer demokratischen Tradition in Kombination mit technischem Know-how und Präzision gelingen kann. Ein Projekt, auf das wir Schweizer Stolz sein können.

Ergriffen von diesem Erfolg, beschlossen eine Freundin und ich, spontan ins Gotthardgebiet zu fahren und mitzufeiern. Vielleicht sollte ich hier das Wort „spontan“ noch meinen Leserinnen und Lesern aus dem Ausland erklären. Also spontan, das heisst natürlich nicht erst am Samstag oder Sonntag. Denn wir sind schliesslich Schweizerinnen. Aber wir haben uns immerhin erst am Donnerstagabend dazu entschieden, am Wochenende ins Gotthardgebiet zu fahren. Also schweizerisch spontan.

Eigentlich wird die Strecke durch den Basistunnel erst am 11. Dezember im Fahrplan aufgenommen. Am Wochenende hatten die Festbesucher aber die Möglichkeit, schon erste Fahrten durch den Basistunnel (spontan) zu reservieren. Wir wählten für die Anreise in den Tessin die sogenannte Bergroute. Mit Bergroute ist seit dem Bau des Basistunnels aber nicht die alte Postautostrecke über den Berg gemeint sondern die „alte“ Bahnroute. Also die Strecke, auf der man dreimal das Kirchlein von Wassen sieht und auf der Wrigley, Bäschteli und Co. in „Mein Name ist Eugen“ einen Wanderschuh an die Zugwagendecke hängten, um zu rekonstruieren in welche Richtung sich der Zug im Kehrtunnel dreht. Während der Fahrt befielen mich richtig nostalgische Gefühle: Diese zerklüftete Landschaft mit ihren Schluchten, Felsen und Wasserfällen wird bald der Vergangenheit angehören. In Zukunft werden wir wohl – um Zeit zu sparen – Smart Phone streichelnd mit 200 km/h durch den stockfinsteren Basistunnel rösten. Und so genoss ich die Fahrt auf der „alten Bergroute“ und blickte aus dem Fenster. Als wir in Airolo aus dem Tunnel kamen, hatten wir sogar den heiss geliebten Gotthard-Tunnel-Effekt mit Regen in der Deutschschweiz und Sonne im Tessin.

In Biasca angekommen, schlenderten wir übers Festgelände und lasen ein paar Texte auf Stellwänden, die in Betonringe eingefasst waren. Alles war perfekt organisiert: Mülltrennung, Toitoi, Hüpfburg, Shuttle-Busse, Prospekte in Deutsch, Italienisch und Französisch sowie Fressbuden mit Bratwurst, Pizza und Hamburger. Um ganz auf Nummer sicher zu gehen, wurde der Festplatz in Biasca sogar wegen brüchiger Felsen oberhalb des Orts an einen anderen Platz verlegt. Wir sahen uns ein paar Cargozüge und eine Dampflok an. Beim autonomen Postauto verzichteten wir auf eine Fahrt, weil der Hunger grösser war, als die Lust, für eine Fahrt anzustehen.

Nach den vielen Informationen in Biasca und Pollegio wurde am Nachmittag auf der Festbühne in Pollegio die Eröffnungs-Show gezeigt. Sie war wild, emotional, archaisch, martialisch, erotisch, fantasievoll und witzig. Kurz, sie war sehr gewagt für Schweizer Verhältnisse. Der Regisseur war natürlich auch kein Schweizer sondern ein Deutscher. Die Tänzerinnen waren barbusig, was eine gruppe Herren im mittleren Alter und in karierten Hemden, die neben uns standen, ganz aus dem Häuschen brachte. Mit zynischen Bemerkungen zogen sie von dannen, warfen dabei aber immer wieder einen Blick zurück auf die Bühne, wo die Barbusigen tanzten.

In diesem Moment fragte ich mich, was macht denn ein Fest aus? O.K., die Leute waren da, für Speis und Trank war gesorgt, ab und zu hörte man sogar Musik. Die Gäste mit ihren Tagesrucksäckchen wirkten zufrieden. Sie trugen rote oder weisse Strohhüte oder Schirmmützen von einem der Sponsoren und tranken mehr Mineralwasser als Bier und Wein. Aber wo blieben die Ausgelassenheit und die Freude, die diesem Ereignis gebührt hätten? Wo wurde gejauchzt, getanzt oder auch mal über den Durst getrunken? Wohl jeder Deutsche, Franzose oder Italiener hätte das verstanden. Und so kam ich zum Schluss, dass sich professioneller Tunnelbau und ausgelassenes Feiern wohl gegenseitig ausschliessen. Mein Tipp für das nächste Jahrhundertprojekt: Die Schweizer sollen den Tunnel bauen und das Fest organisieren. Zum Feiern holen wir uns dann besser ein paar Holländer oder Brasilianer rein.

Epiolog: Laut Medienberichten freuten sich die Organisatoren , dass der Publikumsandrang am Gotthard-Tunnel-Volksfest gut gemeistert wurde. Dank 120 Extrazügen war es kaum zu Engpässen gekommen. Ein perfektes Fest also, für Schweizer Verhältnisse.

 

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Das Doggybag

Gäste aus dem Ausland sind nicht nur eine grosse Bereicherung, weil sie leckere Sachen mitbringen und einem eifrig das schmutzige Geschirr spülen. Gäste aus dem Ausland öffnen einem auch die Augen über das eigene Land und seine Bräuche und Sitten. So denke ich zum Beispiel jedes Mal wenn ich den Bus nach Wülflingen heranfahren sehe an meine australische Gastschwester. Sie erheiterte sich sehr über das Wort „Wülflingen“. Da sie das „ü“ nicht aussprechen konnte, wurde Wülflingen zu Wulflingen, also auf Englisch zu woolf flingen. Einen „Woolf“ zu „flingen“ bedeutet so viel wie einen Wolf mehrmals über dem Kopf zu schwingen, ehe man ihn kraftvoll von sich schleudert. „Woolf flingen“, also ein Volkssport der Winterthurerinnen und Winterthurer. Für Gäste aus dem englischsprachigen Ausland ist das „Bad Egg“ natürlich ein Klassiker, wohl der meist fotografierte Wegweiser am Greifensee, und Rüti klingt doch wie Rösti. Ob man das essen kann? Selbst für Gäste aus dem nördlichen Nachbarland sind Schweizer Ortsnamen mitunter ein Kuriosum. In den letzten Tagen hatte ich Besuch aus Köln, der am Bahnhof Kloten aus heiterem Himmel zu kichern begann. Und so erfuhr ich, dass „Klöten“ zumindest in Köln, soweit ich aber verstanden habe, in ganz Nordrhein-Westfalen, männliche Geschlechtsteile sind. Somit werde ich in Zukunft also auch nicht mehr ganz unbekümmert nach Kloten fahren können, nachdem nun schon das Bad Egg, Wülflingen und Rüti seltsame Gefühle hinterlassen.

Mehr noch als über die Sprache hat sich mein Besuch aus Köln über unsere Abfalltrennung gewundert. Nicht, dass man das in Köln nicht auch macht. Dass aber unsere Zeitungen und unser Karton nur in kompakten und ordentlichen Bündeln von der Müllabfuhr mitgenommen werden, stiess auf grosse Verwunderung. Am faszinierendsten aber fand mein Gast die Entsorgung von Hundekot. Schilder wie „Kotaufnahmepflicht“ und „Bitte nur verknotet einwerfen!“ wurden eifrig fotografiert. Man fragte sich, ob es auch eine Kotabnahmepflicht, eine Kotbereitstellungspflicht und eine Kotaufbereitungspflicht gibt. Auf jeden Fall besteht in der Schweiz eine Kotentsorgungspflicht. Und so kam es, dass mein Gast mit Kotbeutelchen als Souvenir nach Hause reiste (endlich mal etwas, das in der teuren Schweiz nichts kostete) und jetzt ein ganz neues Verständnis vom Doggybag hat.