Ostermundag

Die Eier sind getütscht, das Lamm geschlachtet, die Schokohasen verzehrt. Wir schreiben den höchsten Feiertag von Ostermundigen, den Ostermundag, im Volksmund Ostermontag genannt. Als frisch gebackene Einwohnerin verbrachte ich diesen natürlich in meiner neuen Wohngemeinde. Wenn ein Ort Ostermundigen heisst, so muss hier am Ostermontag irgend etwas geschehen, dessen war ich mir sicher. Und während ich heute am späten Nachmittag so hinter dem Swisscom-Hochhaus auf meinem Südbalkon sass und in die Frühlingssonne blinzelte, da wurden meine Erwartungen nicht enttäuscht.

Zum ersten Mal seit ich im Herbst hier eingezogen bin, wurde ich heute gewahr, wie die Sonne abends nicht mehr hinter dem Hochhaus verschwand. Stattdessen liess sie das Hochhaus unter sich und spendete ihr Licht grosszügig, bis sie im Westen hinter dem Dach des Nachbarblocks versank. Ein Schauspiel, das mir Schauer über den Rücken jagte. Mir wurde klar: Der Ostermundag ist das Sonnenfest der Ostermundiger, der Swisscom-Tower Sonnenuhr und Kalender zugleich. Am Ostermundag beginnt hier der Frühling. Plötzlich sah ich den Betonklotz wortwörtlich in einem ganz anderen Licht. Nicht zur Steigerung des Bruttosozialprodukts wurde dieses Hochhaus errichtet, nein, unsere Väter erbauten es als Kalender und Sonnenuhr. Es war der jüngere Bruder von Stonehenge und gab diesem Ort seinen Namen: Ostermundigen – nach dem Ostermundag, dem Tag, an dem das Sonnenlicht zurückkehrt. 

Ich war ergriffen von dieser Offenbarung und konnte sie nicht für mich behalten. Also rief ich von meinem Balkon zum Nachbarblock hinüber, wo wie gewöhnlich die Läden geschlossen waren: „Ach Rollläden, es ist der Stonehenge und nicht das Swisscom-Hochhaus!“ Schweigen. War es möglich, dass meine Nachbarn hinter den Rollläden die Bedeutung dieses Ostermundags nicht erkannten? Hatten sie etwa auch auf der Südseite ihres Wohnblocks die Rollläden geschlossen? Oder noch schlimmer: Dachten sie etwa, das alles – die Rückkehr des Sonnenlichts  – hätte nur mit der Zeitverschiebung vom Ostersonntag zu tun?

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Erdbegehren

Kein Nachtschattengewächs bist du.
Nein, du bist ein Kind der Sonne
und läutest verheissunsvoll den Sommer ein.
Schwester der Hagebutte, und Freundin der Rhabarber.
Süss und rot und rund, wie zu Früchten gewordene Küsse
schmückst du die grünen Stauden,
die sich in Reih und Glied
bis zum Horizont erstrecken.
Keck lugst du hervor,
bis ein Pflücker dich erhascht.
Dein kühles, dralles Fleisch in den Mund sich steckt.
Vollmundig und wohlgeformt bist du.
Und mitten in deinem Innern,
da ist ein kleiner Leerraum.
Was sich darin wohl befindet?
Es ist der Sommernachtstraum!

LaktOstern

Pollen, Sonne, Schokoladen
Ostern stehen vor der Tür.
Frühling auf der Zielgeraden,
pubertierende Natur.

In die lauen Frühlingslüfte
mischen sich – oh welch ein Frust –
Blähbauchs Darmwind, herbe Düfte;
roh rächt sich die Schokolust.

Und wo Pollen sich verbreiten,
brennt das Auge, trieft die Nas.
Nieser, laut von allen Seiten
schrecken gar den Osterhas.

Dunkle Schatten endlich weichen.
Sonnenstrahlen mild und warm
bringen Sonnenbrand den Bleichen,
Manchen Hautausschlag am Arm.

Wer den Frühling spürt mit allen
Sinnen hat’s nicht immer leicht.
Trotzdem sind wir ihm verfallen,
solange nur der Winter weicht.

Oder wenigstens bis ihn ein energischer Allergiker roh aus dem Kalender streicht!

Sonnen- und Schattenseiten

Als ich mir heute Morgen ganz euphorisch meine Lieblingssonnencrème ins Gesicht schmierte, kam mir wieder der Artikel in den Sinn, den ich neulich in einem Gratisanzeiger über Sonnencrèmes und UV-Filter gelesen hatte. Demnach können chemische UV-Filter Brustkrebszellen wachsen lassen. Dass auch immer alles einen Haken haben muss! Schmier ich mir das Zeug ein, krieg ich Brustkrebs. Schmier ich mir das Zeug nicht ein, krieg ich Hautkrebs. Geh ich gar nicht mehr an die Sonne, krieg ich Vitamin-D-Mangel. Und von Vitamin-D-Mangel krieg ich Osteomalazie, eine schmerzhafte Knochenerweichung. Auch darüber stand neulich etwas in der Zeitung. In solchen Fällen erinnere ich mich dann gerne an einen Spruch, der vor ein paar Monaten im Kundenmagazin meiner Krankenkasse abgedruckt worden war: „Auch wer gesund stirbt, ist tot.“ Ach, wie beruhigend! Jaja, alles hat seine Sonnen- und seine Schattenseiten. Ich habe mich heute jedenfalls riesig über den wunderschönen Wintervormittag gefreut, an dem Sonne und Wolken ein Schauspiel von Licht und Schatten boten.

Apropos Schattenseiten: Gestern war ich an einer Informationsveranstaltung zum Werk 1. Das ist das Überbauungsprojekt in Winterthur, bei dem nebst ganz vielen tollen Sachen auf dem Sulzerareal Stadtmitte leider auch ein Hochhaus realisiert werden soll. An der Info-Veranstaltung hat der Verantwortliche Departementsvorsteher erklärt, dass der Schatten des Hochhauses genau auf eine Halle fallen würde und in dieser Halle würde niemand wohnen und so würde der Schatten auch niemanden stören. Fand ich super. Also da wo ich wohne, in Winterthur-Veltheim, da ginge sowas nicht. Denn bei uns wandert die Sonne und mit ihr auch der Schatten. Der Winterthurer Bauherr meinte ausserdem, man solle wegen einer Kleinigkeit nicht das ganze Projekt bachab schicken. Eigentlich ist ein 80-100 Meter hohes Hochhaus per Definition keine Kleinigkeit. Aber Grösse ist wohl eine Frage der Perspektive. Und warum soll man aus einem Elefanten nicht eine Mücke machen dürfen, wenn das Umgekehrte auch möglich ist? Was das Hochhaus anbelangt, so hatte ich heute noch eine lustige Überraschung. Auf dem Heimweg von meinem Sonntagsbummel kam ich am roten Turm (Hochhaus Nr. 2 in Winterthur) vorbei und sah dieses Schild:

Roter-Turm-Tafel

Vielleicht kämpfe ich beim Projekt Werk 1 ja gegen Windmühlen, aber diese Tafel ist auf jeden Fall Wasser auf meine argumentativen Mühlen. Wenn schon in einem von zwei Hochhäusern so viel Raum leer steht (10’000 Quadratmeter > Besenkammer), braucht es in Winterthur ganz bestimmt kein drittes!

Roter-Turm

Der Rote Turm – ohne Schatten, mit Antenne

Schatten-ich

Mein Schatten – mit Antenne