Wäsche im Wind

Neulich war ich mutig. Ich habe meine Wäsche mal wieder draussen aufgehängt statt im Trocknungsraum unten im Keller. Unter den Argusaugen von Frau Mötteli und Co. wagte ich mich über schmucklose Betonplatten auf frisch getrimmtem Rasen zu den säuberlich einbetonierten Wäschetrocknungsvorrichtungen im Niemandsland zwischen den Wohnblöcken vor. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hängte meine Shirts, Hosen, Pyjamas, Duvets und Fixleintücher an die Leinen. Der Wind fuhr durch die frische Wäsche, dass es eine Freude war. Die Duvets standen fast waagrecht. Das würde ratzfatz gehen, bis alles trocken war, freute ich mich. Kleines, Intimes hängte ich natürlich bei mir oben in der Wohnung an den kleinen Wäscheständer. Doch in der dritten Ladung – eine Weisswäsche – waren dann halt doch noch ein BH und zwei Unterhosen drin, die ich unten aufhängte. Ich platziere die einfach zwischendrin, da sieht sie keiner, sagte ich mir.

Nach dem Waschen, traf ich mich in der Stadt mit einer Freundin zum Mittagessen, konnte mich aber gar nicht richtig entspannen. Würde die Wäsche bis zum Abend trocknen oder im starken Wind davonfliegen? Was war mit der Unterwäsche? Konnte man die von den oberen Wohnungen her nicht doch sehen? Was, wenn jemand eines meiner Pyjamas klaute? Zwischendurch schien es mir, der Himmel habe sich verdunkelt. Würde es anfangen zu regnen? Die Wäsche!

Meine Sorge war umsonst. Alles klappte wie am Schnürchen: Die Wäsche windete nicht davon, sie trocknete schnell, nichts wurde gestohlen und die weisse Unterwäsche sah man zwar, aber was soll’s. Als ich die Wäsche abnahm, dachte ich: Mensch, wenn dich die Wäsche dermassen beschäftigt, hast du wirklich keine echten Sorgen mehr. Jetzt bist du auf dem Niveau angelangt, auf dem man sich darüber ereifert, ob es auf der Post an jedem Schalter einen Papierkorb für die gezogenen Nummernzettelchen gibt oder nicht, ob es beim Grossverteiler für das Abfüllen der Pilze nebst Plastik- auch Papiersäckchen gibt oder nicht, ob man sich mit dem Abwaschmittel auch gleich die Hände pflegt oder nicht, ob man im Flugzeug auf dem Langstreckenflug vor dem Essen ein heisses, feuchtes Waschläppchen bekommt oder nicht und vor allem ob man die Tabs für den Geschirrspüler aus der Folie nehmen muss oder nicht (das gilt übrigens auch für WC-Duftsteine). Kurz, auf dem Niveau der Erst-Welt-Probleme.

So schön es ist, keine echten Sorgen zu haben, so wenig bin ich geneigt, das Feld den Erst-Welt-Problemen zu überlassen. Ich muss wieder öfters raus aus der Komfortzone, dachte ich, während ich die trockenen Duvets, Shirts und Pyjamas von der Leine nahm und beschloss, meine Wäsche in Zukunft häufiger draussen aufzuhängen.

Fussgymnastik

Liebe Leserin, lieber Leser: Hand aufs Herz – kannst du eine Zeitung barfuss mit den Zehen vom Boden aufheben? Wahrscheinlich denkst du jetzt: „Klar, das kann doch jeder!“ Dabei ist das gar nicht so einfach. Es soll aber eine gute Übung sein, wenn man ein schwaches Quergewölbe am Fuss hat – oder eben einen Spreizfuss. Als ich diese Übung neulich nach einem Besuch beim Orthopäden auf Youtube fand, erinnerte ich mich wieder an einen Nachmittag in meiner Kindheit zurück. Barfusslaufen gehörte zum Sommer wie Eis schlecken, in die Badi gehen oder abends Sommerwunschprogramm gucken (am liebsten Bud Spencer und Terrence Hill, Winnetou oder Westernfilme wie etwa High Noon).
Ich erinnere mich, wie meine Schwester und ich mit etwa acht Jahren mal bei einem Nachbarsmädchen zu Besuch waren. Es war warm und wir gingen barfuss. Auf der Terrasse stand die Wäsche zum Trocknen. Und wie man als Kind halt so auf Ideen kommt, legten wir uns unter den Wäscheständer und begannen mit den nackten Zehen die Wäsche herunter zu zupfen. Das erforderte ganz schön viel Zehenfertigkeit und Kraft, zumal die Wäsche ja mit Klammern befestigt war. Wir waren natürlich dementsprechend stolz auf unser Kunststück. So leerten wir den ganzen Ständer, hängten die Wäsche danach wieder auf und begannen das Spiel von vorne. Als dann die Mutter unserer Nachbarin nach Hause kam, riefen wir sie stolz, damit sie unser Fusstheater bewundern konnte. Leider gab es statt Applaus eine schallende Ohrfeige für unsere Freundin und wir wurden barsch nach Hause geschickt.

Hätte uns die Nachbarin damals doch nur gewähren lassen! Heute muss ich meine Wäsche selber waschen und laufe nur noch selten barfuss. Daher wohl die Spreizfüsse.